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Coronapandemie - eine ZwischenbilanzAbsehbarer Fachkräftemangel

Das von der Politik gern gelobte duale System der betrieblichen Berufsausbildung ist in der Krise? Klar, diese Klage hören wir oft schon bei jeder ach so kleinen Wirtschaftsflaute. Aber die Pandemie macht diesmal alles noch viel komplizierter.

12.04.2021 - Karl-Heinz Reith, freier Journalist

Das Berufsbildungsgesetz (BBiG) ist trotz einiger zwischenzeitlicher Reformen in die Jahre gekommen. Inzwischen ist es 52 Jahre alt. Im Sommer 1969, in der Endphase einer Koalition von CDU/CSU und SPD, wurde es verabschiedet. Doch erst wenige Jahre später rückte der eigentliche Bildungsaspekt des Gesetzes mit einer Novelle unter Reformkanzler Willy Brandt (SPD) stärker in den Fokus der Bildungspolitik: Es ging um mehr berufsübergreifendes, grundlegendes Lernen und auch um allgemeinbildendes Wissen in der Ausbildung, mehr Flexibilität für junge Menschen bei einem späteren Arbeitsplatzwechsel und garantierte Fortbildungsmöglichkeiten.

In der Wirtschaft wie für viele Bildungsreformkräfte galt dies damals als wichtiger politischer Paradigmenwechsel: Die primäre Zuständigkeit für das Gesetz wurde noch in der Wahlnacht 1972 überraschend vom Bundeswirtschaftsministerium auf das Bundesbildungsministerium übertragen. Der Grundgesetzartikel 12 auf freie Wahl des Berufs und der Ausbildung sollte fortan einen höheren Stellenwert erhalten als bisher.

Fehlende Praxis

Dieser kleine historische Rückblick soll helfen, die aktuellen Probleme besser zu verstehen. Wie die jährlichen Statistiken der vergangenen fünf Jahrzehnte belegen, haben es Wirtschaft und Verwaltungen nur in ganz wenigen Jahren vermocht, den jungen Menschen bei ihrer Suche nach einem Ausbildungsplatz tatsächlich ein ausreichend auswahlfähiges Lehrstellenangebot zu machen. Immer dann, wenn auch nur leichte Wirtschaftsflauten mit geburtenstarken Schulabgänger-Jahrgängen zusammentrafen, kriselte es bei Angebot und Nachfrage gewaltig – und der Staat musste immer wieder mit Hilfsprogrammen und kräftigen Subventionen für ausbildende Betriebe in Millionenhöhe eingreifen. Heute bildet nicht einmal mehr jedes fünfte der 2,2 Millionen Unternehmen in Deutschland aus. Und der Rückzug kleinerer Unternehmen aus der Ausbildung setzt sich seit Jahren immer weiter fort.

Mit der Pandemie gestaltet sich diese Krise nun extrem vielfältiger. Es gibt nicht nur das seit vielen Jahren bekannte Angebots-Nachfrage-, sondern auch ein gewaltiges Qualitätsproblem. Dabei geht es zunächst um diejenigen Auszubildenden, die sich ab Frühsommer vor einer Kammer einer Abschlussprüfung unterziehen müssen. Betriebe, etwa im Friseurhandwerk, aber auch in der Gastronomie, haben einige Monate schließen müssen. Berufspraxis in der Ausbildung fiel damit weitgehend flach. In einigen Bundesländern werden für die jungen Menschen vor der Prüfung kompakte Hilfen und zusätzliche Kurse von Innungen und Kammern angeboten, vor allem in der Gastronomie.

Zahl der Ausbildungsverträge sinkt

Das für die Berufsausbildung verantwortliche GEW-Vorstandsmitglied Ansgar Klinger rät zur Prüfungsvorbereitung zu zusätzlicher Unterstützung, beispielsweise mit ausbildungsbegleitenden Hilfen, warnt aber vor einer generellen zeitlichen Verlängerung der aktuellen Ausbildungszeit wie vielfach diskutiert. Denn dies könnte für nachfolgende Bewerberinnen und Bewerber die dringend benötigten Ausbildungsplätze in den Betrieben unter Umständen blockieren. Doch mangelnde Praxis im Berufsalltag tangiert vielfach nicht nur den aktuellen Prüfungsjahrgang 2021. Auch wer bereits 2020 oder im Jahr zuvor in eine Lehre startete, war zum Teil von mehreren zeitweiligen Corona-Betriebsschließungen betroffen.

Schwierig wird es in diesem Jahr beim aktuellen Ausbildungsplatzangebot. Bereits 2020 sank die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge zum ersten Mal auf unter 500.000 – und zwar um 57.600 Verträge oder 11 Prozent gegenüber 2019 auf 467.500 neue Abschlüsse. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) lastet einen Großteil dieses Rückganges 2020, nämlich etwa 47.000 Plätze, allein der Corona-Krise an, weil unter anderem Einstiegspraktika fehlten, Berufsinformationen in den Schulen nicht ausreichend erfolgten und Ausbildungsmessen ausfielen. Das dürfte sich in diesem Jahr noch weiter auswirken.

Corona-Prämie für Betriebe

Aber generell gilt auch: Vor der Finanzkrise von 2009 lagen die neuen jährlichen Vertragszahlen noch bei etwas über 600.000. Dazu Klinger: „Während in den guten wirtschaftlichen Jahren nach der Finanzkrise die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten insgesamt gestiegen ist, haben es die Unternehmen einfach nicht vermocht, die Zahl der Ausbildungsverträge in gleicher Relation zu erhöhen.“ Klinger wie auch andere Berufsbildungsexperten sehen dadurch für die kommenden Jahre einen weiteren Fachkräftemangel als „hausgemacht“ voraus.

„Wir brauchen endlich wie in Österreich eine gesetzliche Ausbildungsgarantie.“ (Ansgar Klinger)

Die Bundesregierung hat aktuell die Hilfen für ausbildungsbereite Betriebe in der Corona-Krise erneut um viele Millionen Euro aufgestockt. Wer 2021 einen Auszubildenden einstellt, kann mit einer Prämie von 4.000 Euro statt bisher 2.000 Euro rechnen. Und wer die Zahl der Auszubildenden in seinem Betrieb sogar erhöht, kann 6.000 Euro Zuschuss pro zusätzlichem Auszubildenden bekommen. Gefördert werden jetzt auch größere Betriebe mit bis zu 499 Beschäftigten. Die jüngste Hiobsbotschaft kam vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): Laut einer aktuellen Umfrage will ein Zehntel der ausbildungsberechtigten Betriebe 2021 entweder weniger oder keine neuen Jugendlichen einstellen. Besonders hoch sei der Anteil der Ausbildungsunwilligen bei den Kleinbetrieben oder in Branchen, die besonders von der Pandemie betroffen sind. Klinger: „Wir brauchen endlich wie in Österreich eine gesetzliche Ausbildungsgarantie. Die berufliche Zukunft junger Menschen kann nicht allein den unkontrollierten Kräften eines freien Marktes überlassen bleiben.“