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8. März – Internationaler Frauentag: Vielen Frauen droht Altersarmut

Frauen machen viel. Arbeiten viel. Engagieren und kümmern sich viel. Aber verdienen nicht viel. Im Alter heißt das für viele: arm sein.

04.03.2013 - Heide Oestreich

445,35 Euro. Wenn Cecilia B. so weiter arbeitet wie bisher, zahlt ihr die gesetzliche Rentenversicherung 445,35 Euro Rente aus. Sie ist 48 Jahre alt, Lehrerin für „Deutsch als Fremdsprache“ (DaF) und gibt Integrationskurse an der Volkshochschule (VHS). Die sind mit 25 Euro brutto pro Unterrichtsstunde zwar etwas besser bezahlt als viele andere Sprachlehrer-Jobs, doch die Vorbereitungszeit wird nicht vergütet. Und wenn sie krank ist, fällt nicht nur der Unterricht, sondern auch ihr Honorar aus. Im Sommer macht die VHS dreieinhalb Monate Pause – das bedeutet: Verdienstausfall. Sie rechnet ihr Jahreshonorar um, da bleiben ihr pro Monat nur etwa 1300 Euro. 250 Euro fließen in die Rentenbeiträge, 230 Euro in Krankenkassenbeiträge. Dann kommen die Lebenshaltungskosten hinzu. „Ich kann mir meinen Job nur leisten, weil ich wie eine Studentin in einer Ein-Zimmer-Wohnung in Neukölln lebe“, sagt die DaF-Lehrerin. Es darf nichts Außergewöhnliches passieren. Krank werden geht nicht. „Wir schleppen uns alle immer krank zur Arbeit“, erzählt sie.
Cecilia B. zahlt in die staatliche Rentenversicherung ein. Für ihre Beiträge muss sie allein aufkommen. Es sollte ja nicht für immer sein, dachte die DaF-Lehrerin anfangs. Doch das als Übergangsjob geplante Unterrichten entwickelte sich zu ihrer Hauptarbeit – und blieb es bis heute. Für die von der Bundesregierung vorgesehene private Vorsorge, die Riesterrente, hat sie nicht genug Geld übrig. „Ich werde wohl vor der Klasse stehen, bis ich tot umfalle“, sagt sie und lacht.

Aber mal im Ernst, wie stellt sie sich das Leben im Alter eigentlich vor? „Ich umgehe das Thema.“ Hat sie einen gut verdienenden Partner? „Nein, meine Freundin ist gerade arbeitslos geworden.“

Zum Fürchten

Die VHS-Lehrerinnen sind nur eine Gruppe von vielen Frauen, die heute zwar gerade so über die Runden kommen, deren Rentenbescheide aber zum Fürchten aussehen. Viele typische Frauenjobs werden so schlecht bezahlt, dass Altersarmut droht. Erzieherinnen etwa sind zwar oft angestellt, ihre Gehälter aber trotzdem gering: Leben kann man von diesem Beruf nur, wenn man in Vollzeit arbeitet. Knapp 1350 Euro Nettoeinkommen erzielt eine Erzieherin in Kitas im Schnitt, hat die GEW in einer 2010 veröffentlichten Studie* ermittelt. Damit liegt ihr Verdienst etwa 200 Euro unter dem vergleichbarer Berufsgruppen. Laut Untersuchung war die Hälfte der Erzieherinnen in Teilzeit tätig – die meisten der Kinder wegen. Neun von zehn Kita-Fachkräften bestreiten mit ihrem Lohn den eigenen Lebensunterhalt. Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass die Hälfte der Beschäftigten mit einem Teilzeitlohn über die Runden kommen muss.

Sozialarbeiterinnen sind in einer ähnlichen Situation. Zum Beispiel Charlotte W. Die 47-Jährige hat auf dem zweiten Bildungsweg Pädagogik studiert. Ihre Ausbildungszeit dauerte deshalb lange. Dann kam das Berufsleben. Einjahres-, Zweijahresverträge, zwischendurch immer mal wieder Phasen der Arbeitslosigkeit. Heute arbeitet sie als Sozialpädagogin und berät Langzeitarbeitslose. Die Lebensversicherung, die sie mal hatte, fiel einer der Zeiten, in denen sie arbeitslos war, zum Opfer. „Ich habe mich beraten lassen, was die Riester-Rente angeht“, sagt die schlanke Frau mit den rotbraunen Locken, die in einer lesbischen Beziehung lebt. „Aber ich wäre immer nur kurz über das Grundsicherungsniveau gekommen. Es lohnt sich für mich einfach nicht.“ Auf ihrer Renteninformation steht: Wenn sie so weiter arbeite bis zur Rente, erhalte sie 773,18 Euro. „Jetzt, da ich bei meinen Eltern sehe, welche Gebrechen sich im Alter einstellen können, ist das keine romantische Vorstellung mehr. Wenn das Geld für eine Brille oder den neuen Zahnersatz nicht da ist, ist das schrecklich“, sagt Charlotte W. Was will sie tun? Vage Aussichten: „Ich habe ja noch meine Freundinnen. Wir werden zusammen eine Alters-WG aufmachen. Das wird schon werden“, macht sich die Sozialpädagogin selbst Mut.

Typisch Frau!

Solche Rentenaussichten sind typisch für Frauen, wie der Alterssicherungsbericht der Bundesregierung** von 2012 zeigt: Frauen bekamen danach aus der gesetzlichen Rentenversicherung im Schnitt 786 Euro – die Männer hatten 1116 Euro auf dem Konto. Für 72 Prozent der Frauen ist das die einzige Rentenleistung. Die Hälfte der Männer hat noch weitere Einkommensquellen, etwa eine betriebliche oder private Vorsorge, Einkünfte aus Vermietungen oder einem kleinen Job.

Der Alterssicherungsbericht stellt klar, dass die Aussichten für Geringverdienende nach dem Absenken des Rentenniveaus in der gesetzlichen Rentenversicherung alles andere als rosig sind. Gerade die Gruppe, die es am nötigsten hätte, kann nämlich, wie Cecilia B. oder Charlotte W., keine Zusatzvorsorge abschließen. Vor allem für diese Gruppe aber war die „Riester-Rente“*** gedacht. „Insgesamt wird deutlich, dass gerade die Bezieher geringer Einkommen noch zu wenig zusätzlich für das Alter vorsorgen“, rügt der Bericht. Vorsorge ist gut und schön, doch: Rund 42 Prozent der Geringverdienenden gehen mit einem Bruttolohn von weniger als 1500 Euro pro Monat nach Hause. Sie haben weder eine betriebliche Altersvorsorge noch einen Riester-Vertrag. Davon sind gut zwei Drittel Frauen, knapp 1,3 Millionen Menschen. Selbst bei einem Einkommen bis 2500 brutto bleiben immer noch 36 Prozent der Frauen im Alter ohne zusätzliche Versorgung. Was aus Geringverdienenden wird, die sich keine Zusatzvorsorge leisten können, darüber schweigt sich der Staat aus.

Die Sozialwissenschaftler Carolin Butterwegge und Dirk Hansen**** resümieren in ihrem Beitrag zu dem Band „Armut im Alter“: „Das erklärte Ziel, mit der Riester-Förderung insbesondere Geringverdiener-Haushalte zu erreichen, wurde also verfehlt.“

Dass Frauen dabei besonders betroffen sind, zeigt der offizielle Gender Pension Gap*****, den das Familienministerium 2011 ermitteln ließ: Danach erhalten Frauen 59,6 Prozent weniger eigene Rente als Männer. Im Osten sieht es mit 36,7 Prozent besser aus. Nimmt man die abgeleiteten Ansprüche hinzu, beträgt der Unterschied deutschlandweit im Schnitt immer noch gut 40 Prozent. Das ist die viertgrößte Geschlechter-Rentenlücke in Europa. Im aktuellen OECD-Bericht liest sich das noch krasser: Im OECD-Vergleich erhalten Frauen im Schnitt nur halb so viel Rente wie Männer. Damit landet Deutschland sogar auf dem letzten Platz. Nirgendwo in der OECD ist die Ungleichheit größer******.

Folgen des Versorgermodells

Butterwegge und Hansen machen für die mangelnde eigene Absicherung der Frauen das konservative Familienbild verantwortlich: Der Mann ist der Versorger, die Frau verdient dazu und ist weitgehend über den Mann abgesichert. Dieses Modell stößt seit langem an seine Grenzen. Aber auch unverheiratete Frauen, die ebenfalls in prekär bezahlten Jobs arbeiten, sind nicht abgesichert. Geschiedene erhalten zwar über den Versorgungsausgleich die Hälfte der Rentenansprüche ihres Ex-Mannes – aber nur jene, die während der Ehe erworben wurden. Danach müssen die Ex-Ehefrauen selbst vorsorgen – was in einem Frauenberuf, in dem frau vielleicht jahrelang nicht gearbeitet hat, nicht einfach ist. Haben Frauen längere Berufspausen eingelegt, für Kinderbetreuung oder die Pflege Angehöriger, haben sie ebenfalls nur geringe eigene Rentenansprüche angesammelt. Zudem: Der Ehemann kommt Frauen immer öfter abhanden. Sie stehen plötzlich auf eigenen Füßen, so will es auch das Unterhaltsrecht neuerdings. Aber wenn der Arbeitsmarkt weiterhin nur Zuverdienerjobs für viele bereithält? Das ist eine der größten Verwerfungen heutiger Sozial- und Arbeitsmarktpolitik: Sie begreift Frauen, solange sie verheiratet sind, als Zuverdienerinnen – die aber, wenn die Ehe scheitert, plötzlich Vollverdienerinnen werden müssen. Kann man ein Sozialsystem noch auf einem anachronistischeren Familienbild aufbauen? Bei aktuellen Scheidungsraten von 50 Prozent?

Es gibt weitere Rahmenbedingungen, die Altersarmut von Frauen begünstigen. Die Teilprivatisierung der Altersvorsorge beispielsweise sowie die Einschränkung gesetzlicher Rentenleistungen verstärken Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern. So strich die Kohl-Regierung 1991 in der gesetzlichen Rentenversicherung die Rente nach Mindesteinkommen, in der kleine Renten bis über die Grundsicherung aufgestockt wurden. Jetzt will die schwarz-gelbe Bundesregierung diese zwar wieder einführen, aber unter verschärften Bedingungen: 40 Beitragsjahre werden verlangt und eine abgeschlossene Riester-Rente. In der alten Rente nach Mindesteinkommen brauchte man lediglich 30 Wartejahre. Die Versicherung Hanse-Merkur hat errechnet, dass von der geplanten Regelung nur zwei Prozent Geringverdienender profitieren und dann zehn bis 15 Euro mehr ausgezahlt bekämen als die Grundsicherung. Bezieherinnen geringer Einkommen sind also nach wie vor schlechter gestellt als vor 1992!

Die Verlagerung eines Teils der Altersvorsorge auf private Versicherungen bringt weitere Nachteile für Zuverdienerinnen: Der Arbeitgeberanteil bei privaten Versicherungen fällt weg, Kindererziehungszeiten werden als Beitragsjahre verrechnet, auch die Hinterbliebenenversorgung im Fall der Verwitwung ist nicht vorgesehen, sondern muss teuer „dazugekauft“ werden. Betriebliche Altersvorsorgeverträge dagegen bieten viele Arbeitgeber in „Frauenbranchen“ erst gar nicht an. Nur für ein Drittel der Beschäftigten im Gesundheits-, Veterinär- und Sozialwesen ist das überhaupt möglich. Auch bieten kleine Unternehmen die betriebliche Vorsorge seltener an, Frauen sind jedoch häufiger bei kleinen Arbeitgebern beschäftigt.

„Nicht zum Nulltarif“

Cecilia B., die scheinbar so fatalistisch in die Zukunft blickt, wehrt sich seit Jahren: Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen haben das „Schwarzbuch Integrationskurse“******* der GEW zusammengestellt, das alle Probleme ihres unterbezahlten Jobs auf den Punkt bringt. Seit mehreren Jahren kämpft die GEW darum, zumindest die Honorarsätze für Integrationslehrkräfte zu erhöhen. Da diese aber von den Zahlungen des Innenministeriums abhängen, protestieren Dozentinnen und Dozenten immer wieder vor dem Bundesamt für Flüchtlinge und Migration (BaMF) und weisen die Öffentlichkeit auf ihre prekäre Lage hin. „Wir machen Integration möglich“, steht dann zum Beispiel vorn auf ihren T-Shirts. Und hinten: „Aber nicht zum Nulltarif.“
Was wäre, wenn sich in der Gesellschaft Frauen klarmachten, was sie alles durch ihre Arbeit und ihren Einsatz ermöglichen, von der Kindererziehung bis hin zur Pflege? Und zu welchem Tarif sie das immer noch tun.

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