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8. Follow-up-Kongress: Traumjob Wissenschaft? Noch viel zu tun!

23.03.2017

Zeitverträge, fehlende Berufsperspektiven und aufgeschobene Kinderwünsche: Der 8. Follow-Up-Kongress der GEW zum Templiner Manifest hat deutlich gemacht, dass die Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft weiter eine Baustelle sind.

Die Bildungsgewerkschaft debattierte auf dem 8. Follow-up-Kongress mit den zuständigen Bundestagsabgeordneten über die anstehende Wahl und stellte ihren neuen Kodex-Check über Beschäftigungsbedingungen in der Wissenschaft vor. 

Die Mehrheit der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Universitäten bleibt kinderlos. Das fällt auf, denn unter altersgleichen Hochschulabsolventinnen und -absolventen, die außerhalb der Wissenschaft tätig sind, trifft dies nur auf jede Vierte bzw. jeden Vierten zu. Wie lässt sich das erklären? Stefan Krabel sucht auf dem Follow-Up-Kongress der GEW nach einer Antwort. Er hat die Erstellung des dritten Bundesberichts wissenschaftlicher Nachwuchs geleitet und präsentiert auf Einladung der Bildungsgewerkschaft am 22. März in Berlin die wichtigsten Ergebnisse.

"Die Kinderlosigkeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ist die Folge aufgeschobener Kinderwünsche", so fasst Stefan Krabel die Daten und Studien zur Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie zusammen. Denn ist keineswegs so, dass sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler keine Kinder wünschen würden: Nur zwölf Prozent des sogenannten wissenschaftlichen Nachwuchses sagen, dass sie keine Familiengründung anstreben. "Es ist ein Skandal, dass wissenschaftliche Karriere und Familie offenbar nicht vereinbar sind", betont der stellvertretende GEW-Vorsitzende Andreas Keller.

Befristungsquote bei "unglaublichen 93 Prozent"

Es liegt also einiges im Argen an den Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Zentrale Gründe für das Aufschieben von Kinderwünschen sind die mangelnde Planungssicherheit und finanzielle Unsicherheit der akademischen Karriere, auch das zeigt der Bundesbericht auf. Das hat nicht zuletzt mit der Aneinanderreihung immer neuer Zeitverträge zu tun: Die Befristungsquote beim wissenschaftlichen Nachwuchs liegt inzwischen bei "unglaublichen 93 Prozent", wie der Bildungs- und Wissenschaftsjournalist Jan-Martin Wiarda zusammenfasst.

Schwieriger zu sagen ist, wie lang die Zeitverträge laufen. Es ist bereits sechs Jahre her, dass hierzu mit der Evaluation des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes Daten veröffentlicht wurden. Damals lief die Mehrheit der Zeitverträge kürzer als ein Jahr. Ob sich dies bis heute bereits verbessert hat? "Wenn Sie mal die Möglichkeit haben, ein Forschungsprojekt aufzusetzen über Vertragslaufzeiten, würde ich das sehr begrüßen - dann könnte das auch in den nächsten Bundesbericht einfließen", sagt Stefan Krabel hierzu.

Wie weiter nach der WissZeitVG-Novelle?

An dieser Stelle setzt auch Kai Gehring an, der als Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen der Einladung der GEW zur Podiumsdiskussion gefolgt ist. Er wünscht sich, dass die für 2020 vorgesehene Evaluation des novellierten Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (WissZeitVG) bereits früher erfolgt: "Ich gehe nicht davon aus, dass die erfolgten Änderungen reichen, damit das Befristungsunwesen nachhaltig gestoppt wird", sagt er. Die CDU-Bundestagsabgeordnete Alexandra Dinges-Dierig ist optimistischer. Sie sagt: "Dort, wo es die Probleme gibt, haben wir mit dem neuen Befristungsrecht nachgesteuert". Auch aus Sicht von Ernst-Dieter Rossmann aus der SPD-Fraktion ist das neue Befristungsrecht ein "ganz ordentliches Ergebnis" - auch wenn er sich an manchen Stellen noch weitere Änderungen hätte vorstellen können.

Neue Berufswege in die Wissenschaft müssen letztlich vor Ort in den Hochschulen und Forschungseinrichtungen implementiert werden. Dafür wollen die Koalitionsabgeordneten mit dem Nachwuchspakt Anreize schaffen: 1.000 Tenure-Track-Professuren wollen Bund und Länder mit diesem Programm fördern, sie bieten nach einer Evaluation die Aussicht auf eine Festanstellung. Viel zu wenig, kritisiert Nicole Gohlke aus der Linksfraktion. "Wenn man wirklich entfristen möchte, muss man deutlich mehr Stellen schaffen", sagt sie und erläutert: "Wir schlagen ein Anreizprogramm für entfristete Stellen über zehn Jahre vor, bei dem der Bund jede Entfristung mit Zehntausend Euro unterstützen soll." "Das ist jenseits unserer Vorstellung", entgegnet Ernst-Dieter Rossmann. Es dürfe nicht die Vorstellung geben, dass die Hochschulen ein System ausschließlich unbefristeter Stellen seien.

Der Kodex-Check der GEW

Dass die Universitäten hiervon weit entfernt sind, zeigt der Kodex-Check der GEW, in dem online unter www.kodex-check.de recherchiert werden kann Im Auftrag der Max-Traeger-Stiftung hat ein Team an der Berliner Humboldt-Universität unter die Lupe genommen, welche Beschäftigungsbedingungen die 82 staatlichen Universitäten bieten. Den Maßstab für den Vergleich bildet der Herrschinger Kodex "Gute Arbeit in der Wissenschaft" der GEW, mit dem die Bildungsgewerkschaft den Hochschulen und Forschungseinrichtungen vorschlägt, sich auf faire Arbeitsbedingungen zu verpflichten. Franziska Leischner, Anne Krüger, Anna Schütz und Johannes Moes haben die dem Kodex-Check zu Grunde liegende Studie der Humboldt-Universität zu Berlin erstellt und stellen auf dem Follow-Up-Kongress zentrale Ergebnisse vor.

Dabei werden erhebliche Unterschiede sichtbar: So haben etwa an der Uni Siegen alle Lehrkräfte für besondere Aufgaben einen Zeitvertrag, während diese Gruppe an der Uni Stuttgart ausnahmslos fest angestellt ist. In Frankfurt an der Oder arbeiten 63 Prozent der hauptamtlichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Teilzeit, an der TU in Hamburg trifft dies nur auf 12 Prozent zu. "Wir wollen transparent machen, wie Universitäten mir ihrer Verantwortung für die Arbeitsbedingungen umgehen", erläutert Andreas Keller. "Denn wir nehmen wahr, dass sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zunehmend auch dafür interessieren, welche Arbeitsbedingungen die Universitäten bieten. Wir hoffen, dass der Kodex-Check dazu beiträgt, dass die Unis diese Aufgabe ernster nehmen."

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