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Fair Childhood - Bildung statt Kinderarbeit300 Millionen Kinder ohne Mittagessen

Bernhard Walter, Ernährungsexperte bei Brot für die Welt, über die in armen Ländern drohende Hungerkrise durch Corona, warum besonders Kinder betroffen sind – und wie Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler durch bewussten Einkauf helfen können.

17.06.2020 - Interview: Martina Hahn, freie Journalistin

  • E&W: Herr Walter, die Corona-Krise werde Entwicklungs- und Schwellenländer besonders hart treffen und dort womöglich eine Hungersnot auslösen, mahnt die UN-Ernährungsorganisation FAO. Warum droht eine solche Krise?

Bernhard Walter: Ein Grund ist, dass dort vielerorts die Märkte wegen des Corona-Virus geschlossen wurden. Einerseits schützt das die Menschen, weil es das Virus ausbremst. Andererseits sind diese Märkte oft der einzige Ort, an dem Kleinbauern ihre Produkte verkaufen und Familien ihr Essen kaufen können. Supermärkte gibt es in vielen Regionen der Welt nicht. Hunger droht in Entwicklungs- und Schwellenländern auch, weil die Ernte wegen der Ausgangssperren nicht mehr verteilt werden kann. Sie fällt womöglich ohnehin geringer aus, denn Landwirte können jetzt in vielen Gegenden nicht vernünftig aussäen. Saatgut steckt an Grenzen, Umladestationen oder auf Schiffen fest. Außerdem fehlen – wie bei uns – Erntehelfer. Unzählige Menschen haben durch den Lockdown ihre Arbeit und damit ihr Einkommen verloren, etwa in Indien. Ihnen springt keine Regierung mit einem Milliarden-Hilfspaket bei. Sie haben jetzt noch weniger Geld für Essen.

  • E&W: Wen trifft das besonders hart und zuallererst?

Walter: Kinder. Rund 300 Millionen Mädchen und Jungen bekommen weltweit ihr Essen in der Schule. Für viele von ihnen ist es die einzige verlässliche Mahlzeit am Tag. Nicht nur in armen Ländern, auch bei uns. Doch nun
haben die Schulen geschlossen. Schul-essen und andere Programme der öffentlichen Versorgung fallen weg. Nicht jede Familie hat das Geld, diese Lücke zu schließen. Ich befürchte auch, dass es zu mehr Kinderarbeit kommen wird, weil Unternehmen und Betriebe Minderjährige als billige Arbeitskräfte einsetzen – zumal viele Familien ja auf zusätzliche Einkommen angewiesen sind.

  • E&W: Droht eine Hungerkrise auch, weil Staaten Lebensmittel für sich behalten?

Walter: Tatsächlich beschränken einige Staaten, etwa Vietnam oder Kasachstan, bereits die Ausfuhr von Reis oder Buchweizen. Sie wollen sicherstellen, dass sie ihre Bevölkerung ernähren und versorgen können, dass es nicht zu Hungeraufständen kommt – und sie nicht, wie während der letzten Hungerkrise 2008, auf einmal Produkte teuer auf dem Weltmarkt einkaufen müssen.

  • E&W: Durchaus verständlich.

Walter: Ja, aber in der Folge könnten Spekulationen mit Agrarrohstoffen wie Weizen oder Reis die Situation weltweit verschlimmern. Das haben wir 2008 gesehen. Die Nachricht, dass einzelne Staaten den Export beschränken, hat damals an den Rohstoffbörsen in Chicago und Paris die Preise in die Höhe getrieben. Die Folge der Börsen-Zockerei: Familien können sich das Essen, das immer teurer wird, nicht mehr leisten – und müssen hungern. Leider achten auch viele private Anleger bei uns nicht darauf, dass ihr Geld nicht in Hedgefonds oder Pensionskassen gesteckt wird, die Rendite mit Wetten auf Lebensmittel machen.

  • Auf dem Acker helfen: Infos unter wir-haben-es-satt.de, ernteretter.de
  • Lokale Anbieter unterstützen: supportyourlocal.online (Gutscheine), kochen-fuer-helden.de, kitchenguerilla.com
  • Obst und Gemüse anbauen: Tipps unter dreschflegel-saatgut.de/gartenbaupraxis
  • Bewusst öko-fair einkaufen: aktion-fairsorgung.de, oekokiste.de, „Fair einkaufen – aber wie?“ (Verlag Brandes & Apsel, 2019)
  • Sich für Stadternährung einsetzen: ernaehrungsraete.de
  • E&W: Lässt sich die drohende Hungerkrise in den armen Ländern noch abwenden?

Walter: Ja. Alle Länder sollten dringend – auch mithilfe von Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften – Versorgungsprogramme wie Schul-essen ersetzen, die plötzlich weggefallen sind. Sie müssen dafür sorgen, dass sie sich besser als bislang mit den wichtigen Lebensmitteln selbst versorgen können. Landwirte dürfen nicht mehr – wie leider in vielen Ländern der Fall – bestraft werden, wenn sie eigenes Saatgut sammeln und säen. Sie wären dann endlich unabhängig von Saatgut, das sie teuer kaufen müssen. Außerdem müssen Wochen- und Bauernmärkte geöffnet bleiben.

  • E&W: Müsste man Wetten auf steigende Preise von Reis & Co. an den Börsen verbieten?

Walter: Ja, zumindest schädliche Agrarspekulationen an den Finanzmärkten, etwa auf steigende Getreidepreise. Die dadurch verursachten Preissprünge haben die letzte Hungerkrise massiv verschärft. Die Börsenaufsicht muss verhindern, dass sich Lebensmittel in den Händen weniger Händler konzentrieren und diese die Preise bestimmen können.

  • E&W: Werden auch bei uns Feldfrüchte knapp?

Walter: Ich denke nicht. Deutschland ist gut versorgt. Wir erzeugen mehr Getreide, Fleisch, Milch, Zucker und Kartoffeln, als wir essen können. Bei Obst, Gemüse und Honig hingegen liegt unser Selbstversorgungsgrad bei unter 40, mancherorts sogar unter 10 Prozent. Hier müssen wir importieren. Fehlen bei uns Erntehelfer, spüren auch wir das. Tomaten oder Erdbeeren werden wahrscheinlich etwas knapper und teurer werden. Und natürlich gilt auch bei uns: Was nicht geerntet wird, verdirbt auf dem Feld. Das ist gerade die große Sorge aller Bauern, hier wie dort.

  • E&W: Wie können hiesige Verbraucher das verhindern?

Walter: Sie können selbst aufs Feld gehen – es gibt Initiativen, die Erntehelfer vermitteln, darunter viele Schüler und Studierende. Dadurch würden wir endlich diejenigen wertschätzen, die – meist schlecht bezahlt – unser Essen erzeugen. Denn im Akkord Spargel zu stechen oder Äpfel zu pflücken, schaffen die wenigsten von uns, das ist Knochenarbeit.