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Arm und reich in DeutschlandLernpaket für mehr Steuergerechtigkeit

Alle Menschen in Deutschland zahlen Steuern. Doch was oft für Unmut sorgt, kommt in den Unterrichtsmaterialien des Netzwerks Steuergerechtigkeit ganz anders daher.

10.11.2021 - Jeannette Goddar, freie Journalistin

„Steuern tragen nicht nur dazu bei, gute Bildung zu finanzieren. Schon ihre Erhebung sorgt idealerweise für mehr Gerechtigkeit – in Deutschland und weltweit.“ So steht es in dem Lernpaket „Steuergerechtigkeit – Globale Ungleichheit, Steuerhinterziehung und Steuervermeidung“, das sich an Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe II sowie an Fachoberschulen richtet, gut einzubauen etwa in Fächer, die Sozialwissenschaften, Wirtschaft oder Politik heißen.

Entwickelt hat sie das Netzwerk Steuergerechtigkeit, in dem neben entwicklungspolitischen Organisationen auch die GEW Mitglied ist. Ihr Ziel: Wirtschaftliche Zusammenhänge anders zu erklären als zahllose Materialien, wie sie der Bankenverband, Versicherungen oder die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft herausgeben. „Wir dürfen wirtschaftliche Bildung nicht jenen überlassen, für die Steuern als bürokratisches Hindernis nach Möglichkeit zu vermeiden sind. Für das Funktionieren unserer Gesellschaft sowie die internationale Gerechtigkeit spielen sie eine Schlüsselrolle.“ Das erklärt Christoph Trautvetter, Referent beim Netzwerk Steuergerechtigkeit.

Zu Beginn des ersten von drei Lernvideos geht es darum, was mit Steuern geschieht, wenn sie beim Staat eingegangen sind. Mit der virtuellen Schülerin Ida recherchieren Schülerinnen und Schüler, was Kommunen für Kinder und Jugendliche ausgeben: für Radwege zum Beispiel oder auch für eine neue Sporthalle. Zu Ida gesellt sich bald Emanuel, der in Nigeria lebt. Der möchte wie Ida zur Schule gehen, vielleicht studieren. Doch seine Chance, dass das gelingt, sei geringer als bei Ida, erklärt das Video.

Globaler Blick

Das Auseinanderklaffen der Lebensbedingungen im Globalen Norden und Süden ist ein Schwerpunkt der Lernmaterialien, deren Entwicklung vom Bundesentwicklungsministerium gefördert wurde. Die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen werden ebenso erläutert wie der Human Development Index, der den Entwicklungsstand in Staaten widerspiegeln soll, verknüpft mit der Frage: Wie würdet ihr Entwicklung messen? Auch der weltweite Steuer-Unterbietungswettkampf, Briefkastenfirmen und illegale Finanzströme spielen eine Rolle. Zentral sei es, den deutschen mit dem globalen Blick zu verknüpfen, erklärt Trautvetter: „Wie Entwicklungsländer leidet auch Deutschland unter Steuervermeidung und -hinterziehung – hat aber zugleich über EU, OECD und UN mehr Einfluss auf deren Bekämpfung.“

Die zwei weiteren Lernvideos – „Steuervermeidung durch Unternehmen“ und „Geldwäsche“ – dürften für Schülerinnen und Schüler mit besonders interessanten Perspektivwechseln verbunden sein. „Stellt euch vor, ihr seid Anwalt oder Vermögensverwalter“, heißt es in einer Aufgabe, „euer Kunde hat 100 Millionen Euro illegales Geld. Was ratet ihr ihm?“

„Festzustellen, dass sie im Jahresbericht Geldverschiebung und Steuervermeidung selbst nachvollziehen können, ist für Jugendliche eine wichtige Erfahrung.“ (Christoph Trautvetter)

Den Probelauf an einer Berliner Sekundarschule bestand diese Aufgabe mit Bravour: Zwei Schülerinnen entwickelten ein kleines Theaterstück, in dem der Vermögensverwalter der ortsansässigen Mafia zwecks Geldwäsche den Kauf teurer Gemälde empfiehlt. Beeindruckt war auch die Gruppe, die sich den Steuertricks von Netflix widmete. „Festzustellen, dass sie im Jahresbericht Geldverschiebung und Steuervermeidung selbst nachvollziehen können, ist für Jugendliche eine wichtige Erfahrung“, erklärt Trautvetter. Modellhaft verlief auch das Aufeinandertreffen zweier Kleingruppen zum Thema „Soziale Ungleichheit“: Während die einen lautstark fanden, Gleichheit könne kein Ziel sein, machten andere sich mit ebenso viel Verve für mehr Chancengleichheit stark.

Ermöglicht wird der Austausch durch eine große Methodenvielfalt, die mit den drei Videos verknüpft wird. Das Paket ist im Präsenz- wie im Distanzlernen einsetzbar, eignet sich für einen Projekttag wie für Stationslernen – und sogar für den Frontalunterricht.