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Arm und reich in DeutschlandKinder erster und zweiter Klasse

Die Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums der vergangenen Jahrzehnte hat sich besonders negativ auf die Lebenssituation der Kinder aus sozial benachteiligten Familien ausgewirkt.

08.11.2021 - Carolin Butterwegge, Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Universität Köln, und Prof. Christoph Butterwegge, Politikwissenschaftler

Kinder und Jugendliche bilden keine homogene Gruppe, sondern gehören je nach dem Einkommen und Vermögen, dem Sozialstatus, der ethnischen Herkunft, der weltanschaulichen oder religiösen Überzeugung und dem Bildungsgrad ihrer Eltern unterschiedlichen Klassen, Schichten und soziokulturellen Milieus an. Weil die zwischen den Erwachsenen seit geraumer Zeit deutlich zunehmende Ungleichheit nicht erst seit der Covid-19-Pandemie auf die junge Generation durchschlägt, gibt es Kinder erster und Kinder zweiter Klasse. Da sich die verschiedenen Gesellschaftsschichten weiter voneinander entfernen, haben die Lebenswelten ihrer Kinder kaum noch etwas gemein.

Wer glaubt, dass es in Deutschland keine sozialen Klassenunterschiede gibt, wird eines Schlechteren belehrt, wenn er in die Schulklassen hineinschaut: Da sitzen Kinder, denen es an nichts fehlt, was ihre Ausstattung mit prestigeträchtigen Konsumartikeln, modischer Kleidung und eigenem Taschengeld betrifft, neben Kindern, die ohne Pausenbrot zur Schule kommen, aus ihren Schuhen herausgewachsen sind und kaum das Allernötigste bei sich haben – wenn sie denn überhaupt noch in dieselben Schulen gehen. Während die Kinder aus einkommensschwachen Familien im deutschen Schulwesen zu den größten Bildungsverliererinnen und -verlierern gehören, sind die Kinder reicher Eltern eindeutig im Vorteil. Man kann daher in Abwandlung eines Sprichwortes sagen: Wo eine Villa ist, ist auch ein Weg, sei es zum Abitur, zum Studium und/oder zur beruflichen Karriere.

Riesiger Kapitalreichtum bei wenigen Kindern

Ob ein Kind im Umfeld parkähnlicher Gärten, großer Grünflächen sowie in Tennis- und Hockeyclubs oder im Umfeld von Spielhallen, Sonnenstudios, Wettbüros, Imbissbuden und Billigläden aufwächst, prägt sein ganzes Leben. Die tief ins kindliche Gemüt eingebrannte Erfahrung der persönlichen Benachteiligung oder der familiären Privilegierung lässt Menschen bis ins hohe Alter nie los, beeinflusst ihren Bildungsweg, ihre Berufswahl und ihre Entscheidung für eine Partnerin/einen Partner ebenso wie ihre Persönlichkeit, Lebenseinstellung und Weltanschauung.

Von den knapp 13,7 Millionen Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren, die hierzulande leben, wachsen einerseits ungefähr 2,85 Millionen in Armut auf. Entweder beträgt das Einkommen ihrer Familie weniger als 60 Prozent des mittleren bedarfsgewichteten Haushaltsnettoeinkommens und/oder diese bezieht Sozialtransfers. Andererseits gibt es heute so viele reiche Kinder wie nie zuvor. Aus den Steuerstatistiken der Bundesländer geht hervor, dass sich ein riesiger Kapitalreichtum bei wenigen Kindern konzentriert. Sehr reiche Eltern verschenken aus steuerrechtlichen Gründen Unsummen an ihre Nachkommen. Vor allem Unternehmerfamilien haben zwischen 2011 und 2014 große Teile ihres Vermögens auf ihre Kinder übertragen – aus Furcht, dass die Erbschaftsteuer für Firmenerben erhöht werden könnte, was übrigens wegen der erfolgreichen Lobbyarbeit ihrer Verbände gar nicht geschah. 90 Kinder, die jünger als 14 Jahre waren, bekamen damals im Durchschnitt 327 Millionen Euro geschenkt – steuerfrei!

Ungleiche Bildungschancen

Die Chancen von Kindern auf eine erfolgreiche Bildung waren schon vor der Covid-19-Pandemie in Abhängigkeit von der sozioökonomischen Lage ihrer Familien höchst ungleich verteilt. Dass die Bildungschancen der Kinder maßgeblich vom Sozialstatus, Bildungsniveau und Geldbeutel der Eltern abhängen, ist ein lange bekanntes, aber nach wie vor ungelöstes Kardinalproblem des mehrgliedrigen Schulwesens, das sich aufgrund der pandemiebedingten Schulschließungen sowie der während dieser Zeit erprobten Modelle eines Distanz- und Wechselunterrichts noch erheblich verschärft hat.

Die Chancen von Kindern auf eine erfolgreiche Bildung waren schon vor der Covid-19-Pandemie in Abhängigkeit von der sozioökonomischen Lage ihrer Familien höchst ungleich verteilt. Dass die Bildungschancen der Kinder maßgeblich vom Sozialstatus, Bildungsniveau und Geldbeutel der Eltern abhängen, ist ein lange bekanntes, aber nach wie vor ungelöstes Kardinalproblem des mehrgliedrigen Schulwesens, das sich aufgrund der pandemiebedingten Schulschließungen sowie der während dieser Zeit erprobten Modelle eines Distanz- und Wechselunterrichts noch erheblich verschärft hat.

Nie wurde deutlicher als während der pandemischen Ausnahmesituation, dass sich die sozioökonomische Ungleichheit aufgrund der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich unmittelbar und ohne großen Zeitverzug in gesundheitliche, Wohn- und Bildungsungleichheit umsetzt. Es ist ganz banal: Die eine Familie lebt im Eigenheim mit Garten und großem Kinderzimmer, weil sie über genug Geld verfügt, um sich das leisten zu können, die andere lebt in zwei Zimmern im Hochhaus am Stadtrand – und zwar nicht der Aussicht, sondern der niedrigen Miete wegen. Jeder weiß, wo Kindern das Homeschooling besser gelang. Auch zeigte sich während des wiederholten Lockdowns, dass Lehrkräfte für den Bildungserfolg wichtiger sind als Laptops.

Tabuisierung der (Kinder-)Ungleichheit

Statt der für das bestehende Wirtschaftssystem weiterhin zentralen Konfliktlinie zwischen Kapital und Arbeit wurde im Corona-Zusammenhang hauptsächlich der Generationenkonflikt thematisiert. So hieß es beispielsweise, die Jungen hätten durch ihre fehlende Infektionsfurcht, ihre mangelnde Rücksichtnahme auf die Risikogruppen und ihren zu laxen Umgang mit dem Corona-Virus das Leben der Alten gefährdet. Diesen wurde umgekehrt vorgeworfen, die nachwachsende Generation für die Aufrechterhaltung ihrer eigenen Gesundheit in Mithaftung genommen, den Bewegungsspielraum der Jungen über Gebühr eingeschränkt und deren allgemeine Entwicklungsmöglichkeiten dauerhaft verschlechtert zu haben. Nicht die Generationen hat die Pandemie aber in zwei (sich womöglich feindlich gegenüberstehende) Lager geteilt, sondern jede Generation wurde auf eine spezifische Weise zerrissen.

Da die (Kinder-)Ungleichheit noch immer weitgehend tabuisiert wird, muss zunächst ein politisches Klima geschaffen werden, das sie leichter skandalisierbar und ihre gesellschaftlichen Ursachen klarer erkennbar macht. Wenig hilfreich sind die Massenmedien, weil sie häufig Klischees über „Superreiche“ und „Unterschichtfamilien“ verbreiten, statt Aufklärung über die Strukturen, Entstehungsursachen und Erscheinungsformen der Ungleichheit zu betreiben.

Folgen für die Volkswirtschaft

Argumentativ besser vermittelt werden muss, dass die sich vertiefende Kluft zwischen Arm und Reich nicht bloß moralisch verwerflich, sondern auch schädlich für eine Volkswirtschaft ist. Denn die ungleiche Verteilung der Einkommen bremst das Wirtschaftswachstum. Die sozioökonomische Ungleichheit ist zudem Gift für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, der von Konservativen immer wieder als Ziel ihrer Bemühungen beschworen wird. Je mehr die Sozialstruktur in Arm und Reich zerfällt, umso eher bilden sich Parallelwelten und Subkulturen heraus, in denen die Kinder der einzelnen Klassen und Schichten unter sich bleiben.

Kinderungleichheit erwächst aus einer Ungleichverteilung der Ressourcen von Haushalten mit Kindern, die maßgeblich vom Erwerbseinkommen der Eltern(teile) bestimmt wird. Da Kinderarmut fast immer auf Elternarmut zurückzuführen ist, die aus einer exkludierten oder Randstellung am Arbeitsmarkt resultiert, müssen sich Erfolg versprechende Gegenstrategien auf Maßnahmen konzentrieren, welche nicht armutsfeste Löhne und Gehälter so anheben, dass man „von Arbeit -wieder leben“ und eine Familie unterhalten kann.

Wenn der Staat nicht dafür sorgt, dass die unterschiedliche Ausstattung der Familien mit materiellen Ressourcen durch einen sozialen Ausgleich kompensiert wird, bleibt ein wachsender Teil der jungen Generation bildungsbenachteiligt. Gleichzeitig muss die soziale, Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur ausgebaut werden, wobei der Schwerpunkt auf abgehängten Stadtvierteln liegen sollte. Überholt ist das gegliederte Sekundarschulsystem, das maßgeblich dazu beiträgt, die sozialräumliche Segregation in den Bildungsbereich hinein zu verlängern.

Carolin und Christoph Butterwegge: Kinder der Ungleichheit. Wie sich die Gesellschaft ihrer Zukunft beraubt. Campus-Verlag, Frankfurt 2021, 303 S.