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Internationaler Austausch

Gewerkschaftsvertreter aus Bulgarien, Burkina Faso, Griechenland, der Türkei und den USA berichten beim gemeinsamen Seminar von GEW und Friedrich-Ebert-Stiftung über die Situation der Bildung in ihren Ländern und diskutieren über Perspektiven internationaler Zusammenarbeit.

Foto: Manfred Brinkmann

Was für ein Tag! Internationale Gewerkschaftszusammenarbeit in Krisenzeiten. Allein der Programmtitel hat bei mir schon eine Erwartungshaltung aufgebaut, die sich beim Lesen der angekündigten sehr unterschiedlichen Länderbeiträge noch steigerte. Nicolaos Papachristos, der Präsident der griechischen Lehrergewerkschaft OLME, leitete die Vortragsreihe am Vormittag ein. Sehr eindringlich schilderte Nicolaos die Zerstörung des griechischen Sozialsystems und der griechischen Wirtschaft durch die einschneidenden von der Troika auferlegten Maßnahmen: Lehrer wurden entlassen, Gehälter um 40% gekürzt (so liegt das Anfangsgehalt von Lehrern nur noch bei 629 €), die Zahl der Unterrichtsverpflichtungen sowie die Anzahl der Kinder pro Klasse erhöht, die psychische Belastung ist in mehrfacher Hinsicht nur noch schwer zu bewältigen.

Bildungsnotstand in Griechenland

So haben die Unterrichtenden nicht nur mit ihrem eigenen Kampf ums Tägliche zu leben, sondern müssen ohne oder mit unzureichendem Material unterrichten, müssen miterleben, dass immer mehr Eltern weder die Schulmaterialien bezahlen noch ihre Kinder ausreichend ernähren können. Immer mehr Kinder können sich in der Schule nicht mehr konzentrieren, weil sie hungrig in die Schule kommen. Auch im privaten Schulwesen macht sich die Finanzsituation bemerkbar, da immer weniger Eltern die Schulgebühren bezahlen können. Da die staatlichen Schulen aber diesen Zuwachs an Schülerinnen und Schülern gar nicht mehr in ihr stark reduziertes Schulsystem aufnehmen können, droht auch hier ein Kollaps. Die Lehrerinnen und Lehrer haben an vielen Streiks trotz des Verbots der Regierung teilgenommen und zu neuen Streikmaßnahmen aufgerufen. Der Zugang zu den Medien ist sehr schwierig, da diese mit der Ausnahme einiger Lokalzeitungen, sehr tendenziös, regierungsfreundlich berichten. Dass diese katastrophale Situation nicht nur Griechenland betrifft, sondern in gleichem Maße auch Spanien und Italien, unterstrichen Charo Perez Molina und Alessandro Arienzo in ihren Beiträgen.

Verfolgung von Gewerkschaftern in der Türkei

Der Kampf gegen die Vernichtung des Bildungs- und Sozialwesens kann nur gewonnen werden, wenn die Länder sich nicht weiter vereinzeln lassen, sondern eine gemeinsame Aktionsstrategie mit internationaler solidarischer Unterstützung entwickeln. Mehmet Bozgeyik, der Generalsekretär der türkischen Lehrergewerkschaft Egitim Sem saß vor uns als lebendes Beispiel der Willkür der Staatsgewalt in der Türkei. Erst vor zwei Monaten aus zehnmonatiger Haft entlassen plädierte er für einen friedlichen Kampf für demokratische Rechte, gegen die Armut und für den Frieden. Er warnte vor dem angeblich ‚moderaten’ Islam, den die Regierung Erdogan eingeführt hat. Dieser wird als Vorwand zur Unterdrückung von anderen Glaubensrichtungen, gegen die sprachliche und kulturelle Identität von Minderheiten, besonders der Kurden genutzt, Lesben und Schwule werden genauso wie Umweltgruppen oder soziale Bewegungen verfolgt. Der Lehrerberuf verliert immer mehr an Wertschätzung. Lehrer werden entlassen, Arbeitszeiten erhöht, Gehälter werden gekürzt, Tarifverträge ausgehöhlt sowie Schulbudgets gekürzt. Bürgerinen und Bürger, die sich in der Türkei gegen die Maßnahmen der Regierung auflehnen, müssen mit einer Inhaftierung rechnen. Im Augenblick befinden sich noch 93 Lehrerinnen und Lehrer in türkischen Gefängnissen, nur weil sie sich für Meinungsfreiheit oder das Recht auf muttersprachlichen Unterricht eingesetzt haben. Mehmet selbst ist ein Beispiel, wie wichtig internationale Solidarität und Prozessbeobachtung ist. Sie hat sicherlich zu seiner Freilassung mit beigetragen.

Bulgarien: Qualifizierte Fachkräfte verlassen das Land

Yanka Damianova, die Präsidentin der bulgarischen Lehrergewerkschaft SEB wies in ihrem Beitrag auf das hohe Bildungsniveau der bulgarischen Gesellschaft hin. Das Land bietet jedoch kaum wirtschaftliche Möglichkeiten für hochqualifizierte Berufe, obwohl dies zum Aufbau Bulgariens dringend benötigt würde. So wandern viele dieser Menschen nach Nordeuropa oder den USA aus. SEB sieht es als ihre Aufgabe an, die Arbeits -und Gehaltsbedingungen der Mitglieder zu verbessern, sowie den Dialog zu NGOs und anderen zivilgesellschaftlichen Gruppen auszubauen und hier besonders den Kontakt zu Eltern und Schülerinnen und Schülern. Ausserdem fordert Yanka, dass man innerhalb der EU zu einheitlichen Gehaltsrichtlinien für Lehrerinnen und Lehrer kommen sollte.

Gewerkschaftsarbeit in Westafrika

Mamadou Barro, Generalsekretär der Lehrergewerkschaft F-SYNTER, aus Burkina Faso berichtete von dem langen historischen Weg der Arbeiter in Schwarzwestafrika, Gewerkschaften gründen zu können. Dies gelang erst als 1954, noch unter französischer Kolonialherrschaft, ein französisches Gesetz auch in den Kolonien angewandt wurde und den Bürgern volle Bürgerrechte und somit die Bildung von Gewerkschaften ermöglichte. Heute hat der Staat Burkina Faso, teil der ehemaligen Kolonie Obervolta, eine demokratisch gewählte Regierung, die aber genau diese Gewerkschaftsrechte beschneidet. Ohne Verhandlungen mit den Gewerkschaften sind Lehrergehälter gekürzt, die Ausbildungssituation der Jugendlichen verschlechtert und das Streikrecht ausgehöhlt worden. Friedliche Demonstrationen von Gewerkschaftlern und Schülerinnen und Schülern hat die Polizei brutal und blutig niedergeschlagen. Damit hat die Regierung jedoch nur die Streikbereitschaft der Gewerkschaften erhöht. Wie sehr das Land auf Unterstützung angewiesen ist, lässt sich leicht an der hohen Zahl von 70% Analphabeten im Land ablesen. Das Fehlen von qualifizierten Lehrkräften, Schulgebäuden, Schulmaterial, mangelnde Ernährung, endemische Krankheiten wie Malaria oder AIDS stellen die Unterrichtenden vor fast unlösbare Herausforderungen und fordern eine breite internationale Solidarität.

Lösungsorientierte Gewerkschaftspolitik in den USA

Francine Lawrence, die Vizepräsidentin der amerikanischen Lehrergewerkschaft AFT, stellte uns einen ganz anderen Focus vor. Ihre Gewerkschaft will nicht länger von Problemen sprechen, sondern von Lösungen. Die AFT sieht sich als Gestalterin von Gemeinschaft und als Verteidigerin von Kinderrechten. Die Gewerkschafter suchen in vielen direkten Gesprächen und öffentlichen Veranstaltungen Unterstützerinnen und Unterstützer für die gemeinsame Sache: gute Qualität in Bildung für Alle. Bildung muss in den Händen von Bildungsfachleuten bleiben und darf nicht vom Staat in Form von externen Lehrerbeurteilungen oder einseitig ausgearbeiteten Richtlinien, oder Tests den Ausführenden aufgedrückt werden. Eltern und Schüler müssen gleichermaßen an Entscheidungsprozessen beteiligt werden. Durch dieses Engagement konnten beginnend in Toledo im Bundesstaat Ohio viele Kommunen und Bundesstaaten für dieses Projekt gewonnen werden: Unter den Mottos ‚Think Big, ‚Shared Prosperity and Opportunity’, ‚Quality Agenda’ oder ‚Not only talk the talk, but walk the walk’ werden die Menschen mobilisiert. Die AFT versteht sich als sehr politische Gewerkschaft, die aber keine Parteipolitik macht.

Solidarität wirkt

Der weitgesteckte Rahmen von Griechenland über die Türkei, Bulgarien nach Burkina Faso und in die USA zeigte wie spannend Gewerkschaftsarbeit weltweit ist und wie wichtig es ist, Gelegenheiten zu schaffen voneinander zu hören, zu lernen und sich zu solidarisieren. Auch wenn die Absender von Solidaritätsadressen nur selten eine Antwort auf ihre Schreiben erhalten, sind diese doch sehr wichtig, zeigen sie doch zum Einen der Partnergewerkschaft, dass sie weltweite Unterstützung bekommt und den jeweiligen Regierunge, dass ihr Handeln auch sehr wohl im Ausland wahrgenommen wird.