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fair childhood - Bildung statt KinderarbeitFairness statt Schläge

Schule ohne körperliche Strafe ist das Ziel der Bildungsinternationale (BI) und der GEW-Stiftung fair childhood. Doch dafür muss vielerorts erst die Gesellschaft umdenken. Die Stiftung hilft dabei, wie Beispiele aus Malawi und Simbabwe zeigen.

15.11.2021 - Martina Hahn, freie Journalistin

Mal fängt der Junge eine Ohrfeige, mal muss das Mädchen mit einem schweren Stein in beiden Händen eine Stunde in der prallen Sonne stehen – noch immer kommt es in vielen Teilen der Welt vor, dass Schülerinnen und Schüler von Lehrkräften körperlich bestraft werden. Laut dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF hat bislang eines von drei Ländern Schläge im Klassenzimmer nicht verboten.  Die Weltbank veröffentlichte Ende April eine Analyse, nach der im französischsprachigen Teil Afrikas jede dritte Lehrkraft einräumt, mitunter gegen ein Kind die Hand zu erheben. In Lateinamerika und der Karibik leidet jedes zweite Kind unter körperlicher Gewalt an Schulen. Und auch in den USA ist körperliche Züchtigung in öffentlichen Schulen in 19 der 50 Einzelstaaten legal.

„Weltweit lebt nur jedes zehnte Kind in einem Land, das es per Gesetz vor Gewalt durch Erwachsene schützt“, so UNICEF – also vor Gewalt von Lehrkräften, Eltern, Arbeitgebern. Die Folgen sind gravierend: „Wer geschlagen wird, wird auch psychisch und in seiner Würde verletzt“, sagt Angelina Lunga aus Simbabwe. „Diese Kinder sind oft traumatisiert, fühlen sich minderwertig – und häufig fördert Gewalt der Lehrkräfte unsoziales Verhalten des Kindes noch“, so die Weiterbildungsbeauftragte der simbabwischen Bildungsgewerkschaft ZIMTA.

Kurse für Lehrkräfte

Außerdem sind Schläge ein massives Lernhindernis. Viele Betroffene lernen aus Angst vor Gewalt schlechter oder kommen deswegen gar nicht mehr zum Unterricht. Sie landen oft in Kinderarbeit – bleiben damit arm und meist auch weiterhin Gewalt ausgesetzt.

„Körperliche Gewalt an Schulen ist nicht nur unwirksam, sie schadet auch massiv der Entwicklung der Lernenden und zerstört die Beziehung zwischen Lernenden und Erziehenden“, steht in der Resolution, die die BI auf ihrem achten Weltkongress im Juli 2019 in Bangkok, der Hauptstadt Thailands, verabschiedet hat. Körperliche Bestrafung müsse per Gesetz und in der Praxis verboten werden, forderten die Teilnehmenden.

„Noch immer glauben manche Lehrkräfte, es brauche eine harte Hand, sonst würden sie ihre Autorität verlieren.“ (Pilirani Kamaliza) 

Doch ein Verbot per Gesetz reicht nicht. In vielen Ländern müssten auch Lehrkräfte ihre Einstellungen ändern, sagt Pilirani Kamaliza aus Malawi, er koordiniert für die dortige Bildungsgewerkschaft TUM Kurse für Lehrerinnen und Lehrer: „Manche von ihnen haben noch Vorbehalte gegenüber unseren modernen und gewaltfreien Methoden.“ Viele Jahrzehnte galt weltweit: Lehrkräfte sind Autoritätspersonen – mit denselben Rechten wie Eltern, die Kinder zu disziplinieren, wenn diese Regeln nicht befolgen.

„Noch immer glauben manche Lehrkräfte, es brauche eine harte Hand, sonst würden sie ihre Autorität verlieren“, sagt Kamaliza. Sie handelten nach dem Motto: Wer lärmt, widerspricht oder um sich schlägt, kann so schnell wieder zur Räson gebracht werden und am Unterricht teilnehmen, bevor er oder sie ganz „ausrastet“ oder Mitschülerinnen bzw. Mitschüler ansteckt. „Einige Lehrkräfte nutzen auch die Schwäche des Kindes aus oder lassen an ihm einfach ihre Wut und ihren Frust aus“, fügt er hinzu. Oder ihre eigene Hilflosigkeit gegenüber den Störern auf der Schulbank oder im Schulhof. Deswegen sei das Gewaltverbot „nur der erste Schritt – man muss den betroffenen Lehrkräften auch zeigen, wie sie mit lärmenden oder selbst prügelnden Kindern in ihrer Klasse umgehen können“.

„Wird ein Kind wirklich mal dazu verdonnert, den Boden zu wischen, den es vorher mutwillig verschmutzt hat, dann muss es das in der Freizeit erledigen – es soll nämlich keine Minute des Unterrichts verpassen.“

Hier setzen die Trainings an, die die GEW über die Stiftung fair childhood in vielen Ländern und in allen ihren „kinderarbeitsfreien Zonen“ unterstützt: Lehrerinnen und Lehrer lernen in den Kursen gewaltfreie Alternativen, um Störungen und Spannungen abzubauen oder sogar zu verhindern. „Kinder sollen sich an Schulen willkommen und sicher fühlen“, sagt Kursleiter Kamaliza.

Den Lehrkräften werden in den Workshops alternative Verhaltens- und Kommunikationstechniken vermittelt; im Fokus stehen Werte wie Empathie, gegenseitiger Respekt, Fairness. Reflektiert wird auch das eigene Verhalten gegenüber den Schülerinnen und Schülern. Seine Gewerkschaft TUM lehrt als Mittel der positiven Disziplinierung etwa, auf das aggressive oder störende Kind zuzugehen. Es zu fragen: Warum machst du das? „Wird ein Kind wirklich mal dazu verdonnert, den Boden zu wischen, den es vorher mutwillig verschmutzt hat, dann muss es das in der Freizeit erledigen – es soll nämlich keine Minute des Unterrichts verpassen.“ Manchmal – als Ultima Ratio – dürfe ein extrem störendes Kind auch aus dem Unterricht geschickt werden – „bevor der Rest der Klasse darunter leidet“.

Präventive Techniken

In Simbabwe vereinbaren Lehrkräfte gemeinsame Ziele: „Indem sie am Vormittag Klassenregeln diskutieren und aufstellen, erfahren beide Seiten von den Wünschen und Erwartungen des anderen“, sagt Gewerkschafterin Lunga. „Wir bekommen immer wieder die Rückmeldung, dass Lehrkräfte die Kinder danach mit anderen Augen betrachten.“ Den Erziehenden werden zudem präventive Techniken vermittelt. „Die Lehrkräfte merken: Es braucht gar keine harten Strafen mehr, weil die Lage erst gar nicht mehr eskaliert“, bestätigt Hillary Yuba. Sie steuert für die simbabwische Bildungsgewerkschaft PTUZ -Projekte gegen Kinderarbeit.

Und sie bringt das Thema Kinderrechte in die Workshops. Lehrkräfte sollen ihre Schülerinnen und Schüler ermutigen, Gewalt anzuprangern, wenn sie ausgeübt wird. Nicht nur jene in Schulen, sondern auch die Gewalt, der sie zu Hause ausgesetzt sind. „Etliche Eltern finden es ja normal, zuzuschlagen“, sagt Yuba. „Mit diesen sprechen wir dann.“ Und auch mit Arbeitgebern, denn in Simbabwe und Malawi müssen viele Minderjährige als Hausmädchen, auf Tee- oder Tabakfeldern oder in Minen arbeiten – und auch dort wird oft geschlagen. „Sie alle müssen sensibilisiert werden, damit die Gewalt gegen Kinder endlich aufhört“, sagt Yuba. Das erfordere oft ein Umdenken ganzer Gesellschaften – dies sei eine der größten Aufgaben für die Bildung.