Zum Inhalt springen

Queer in der Bildung

„Es gibt immer noch Ängste, aber heute ist viel mehr möglich“

Das Bundestreffen lesbisch-queerer Lehrerinnen* (BuLeLe*) feierte Mitte Mai mit einem Seminar sein 30. Jubiläum. Zwei Pädagoginnen aus Berlin und Hannover berichten, wie es heute um die Sichtbarkeit lesbisch-queerer Lehrerinnen* an Schulen steht.

  • E&W: Wann und wie haben Sie sich in Ihren Schulen geoutet?

Doris Lüggert: Vor 30 Jahren habe ich mich aus Versehen auf Drängen von Schülerinnen und Schülern, die da ganz geschickt gefragt haben, geoutet. Da war ich gerade drei Wochen an der Schule. Das war an einem Freitag, das Wochenende war die Hölle für mich. Ich habe Ängste durchlitten und gedacht: Jetzt erfährt es jeder, garantiert finden das viele Kolleginnen furchtbar und wollen mich gar nicht erst kennenlernen.

  • E&W: Was passierte dann?

Lüggert: An der Schule ging es rum wie ein Lauffeuer. Ein Kollege sagte zu mir: Doris, es wird viel erzählt, das kriegst du nur nicht mit – und das ist auch besser so. Dann habe ich in Bielefeld eine Gruppe lesbischer Lehrerinnen gegründet. Wir waren fünf – und blieben fünf. Mit einer Bekannten entstand daher die Idee, ein Bundestreffen zu machen, um mehr zu werden. Vor 20 Jahren habe ich mich dann nach Berlin versetzen lassen, dort war alles ganz anders: Ich kam an die Schule und das Kollegium feierte, dass ein Kollege seinen Partner heiratet.

  • E&W: Wie ist die Situation heute?

Julia Wischeropp: Die Frage „Oute ich mich oder nicht?“ ist immer noch ein großes Thema. Ich bin seit drei Jahren Vollzeit im Schuldienst und war dort – anders als privat – lange Zeit nicht geoutet. Beim Bundestreffen habe ich dann gesehen, dass ich damit eher zu einer Minderheit gehörte. In meinem Kollegium sind alle total offen, und dann hat sich das nach und nach ergeben, dass ich darüber gesprochen habe.

  • E&W: Auch mit den Schülerinnen und Schülern?

Wischeropp: Vor meiner Klasse habe ich mich erst kürzlich geoutet und gesagt: „Es muss nicht die Runde machen, aber euch erzähle ich es.“ Es gab viele Fragen, etwa ob ich als Jugendliche Diskriminierung erfahren hätte. Und es kamen Sätze wie: „Wir haben Sie trotzdem lieb.“ Wenn ich selbst entscheide, wann ich es wem sage, finde ich das angenehm. Gestern fragte mich ein Schüler nach einem Partner oder Partnerin, dem habe ich erstmal geantwortet: vielleicht.

  • Lüggert: Wovor hattest du Angst, Julia?

Wischeropp: Das hatte auch damit zu tun, dass ich noch nicht verbeamtet war. Ich habe gedacht: Wenn ich jetzt Probleme mit Eltern oder Schülerinnen und Schülern bekomme, welche Auswirkungen hat das auf meine berufliche Zukunft? Ich habe mich unsicher gefühlt.

  • E&W: Ist das Coming-out nach wie vor eines der Hauptthemen der Treffen?

Lüggert: Es gibt nach wie vor Workshops dazu, nicht jedes Mal, aber fast jedes Mal – weil sie immer wieder gewünscht werden.

  • E&W: Wie steht es generell im Jahr 2023 um die Sichtbarkeit lesbisch-queerer Lehrerinnen?

Lüggert: Das Thema ist viel präsenter als vor 30 Jahren. So etwas wie Diversity AGs und „Aktivistinnen“, die lesbisch-schwule Gruppen für Schülerinnen und Schüler anbieten, gab es früher nicht. Ich denke auch an die Aktion, als schwule, lesbische und queere Lehrkräfte unter dem Hashtag Teachout in sozialen Medien über ihr Coming-out posteten. Es gibt immer noch Ängste, aber auch einen Generationenwechsel, der dazu führt, dass viel mehr möglich ist.

Wischeropp: Beim Bundestreffen rückt die Öffnung hin zu queer in den Fokus. Ging es früher nur um lesbische Pädagoginnen, sind jetzt explizit auch nicht-binäre angesprochen. Das verändert das Programm. Es gibt Workshops, die den Umgang mit trans*, inter* und nicht-binären Menschen in der Schule thematisieren. Nach den Treffen entsteht auch Bewegung in mir, mit neuen Impulsen in die Schule zu gehen und eine kleine Veränderung zu bewirken.

  • E&W: Was würden Sie sich noch wünschen?

Wischeropp: So viel Selbstverständlichkeit, dass das Coming-out eigentlich abgeschafft wäre. Eine Normalität von LSBTIQ-Themen nicht nur in bestimmten Fächern, sondern insgesamt im Unterricht und in Lehrbüchern. Rückhalt nicht nur durch lesbische, homosexuelle oder queere Lehrkräfte, sondern das ganze Kollegium. Vielleicht auch die Überlegung, diese Themen in die Lehrkräftebildung einzubringen.

  • E&W: Viele, die sich nicht outen, sagen, Sexualität sei privat. Warum denken Sie anders?

Lüggert: Versteckt zu sein und keine Freunde in der Schule zu haben, wäre für mich nicht lebbar. Ich will als ganze Person da sein.

Wischeropp: Ich finde Authentizität auch wichtig. Und es geht ja auch darum, ein Vorbild sein, vielleicht das Vorbild, das man als junger Mensch selbst nicht hatte, sich aber gewünscht hat. Ich versuche, meinen Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, offen und tolerant zu sein – und dass wir im Kern alle gleich sind.

  • E&W: Bringen Sie Ihre Partnerinnen mit zu Schulfesten oder ähnlichen Veranstaltungen?

Lüggert: Meine Frau ist schon oft dabei gewesen. Aber wenn Eltern dabei waren, habe ich mich nie so verhalten, dass man unsere Beziehung hätte erkennen können. Ich will niemanden vor den Kopf stoßen. Das ist vielleicht Blödsinn, aber dieser Gedanke kommt mir schon.