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„Journalismus macht Schule“Den richtigen Ton getroffen

YouTube, TikTok oder Instagram sind für viele Schülerinnen und Schüler wichtige Informationsquellen. Fake News werden oft nicht erkannt. Das bundesweite Projekt „Journalismus macht Schule“ will gegenhalten.

18.10.2021 - Matthias Holland-Letz, freier Journalist

„Sagt euch Peter Scholl-Latour was?“, fragt Tagesschau-Sprecher Constantin Schreiber. „Nee“, antwortet eine Achtklässlerin. Auch von Ernest Hemingway, wie Scholl-Latour ein berufliches Vorbild des NDR-Journalisten, haben die Mädchen und Jungen der „Friedensschule Oberschule“ im sächsischen Plauen noch nichts gehört. „Wo bezieht ihr eure Informationen her?“, will Schreiber wissen. „Das bekommt man auf TikTok mit. Was die Leute sagen, was gerade passiert“, sagt ein Mädchen. „Die Tagesschau gibt’s auch bei TikTok“, erklärt Schreiber. „Aber da bin ich nicht. Bei TikTok kenn ich mich nicht so super aus.“

Per Videokonferenz hatten die Schülerinnen und Schüler Gelegenheit, den prominenten TV-Mann kennenzulernen. „Wie sind Sie auf den Beruf Journalist gekommen?“, lautete eine Frage. „Aus welchen Ländern haben Sie schon berichtet?“, hieß eine andere. Auch Schreiber zeigte sich neugierig – und lernte dazu. „Sie müssen sich jemanden aussuchen, der Ihnen antworten muss“, klärte ihn Lehrerin Lucienne Raithel auf. Richte er seine Frage an die ganze Klasse, reagiere niemand.

„Journalismus macht Schule“, heißt das Projekt, an dem Schreiber zusammen mit mehreren Hundert Journalistinnen und Journalisten, darunter Claus Kleber (ZDF) und Caren Miosga (ARD), teilnahm. Auch YouTuber Mirko Drotschmann („Mr. Wissentogo“) war mit von der Partie. Es gehe darum, „die Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler zu verbessern“, erklären die Projektverantwortlichen. Ziel sei es, die jungen Leute zu „kompetenten Akteuren in der demokratischen Öffentlichkeit zu machen“. Hinter der Initiative stehen Süddeutsche Zeitung, Die Zeit, NDR, BR, RBB und ZDF, außerdem die gemeinnützige Recherchegruppe Correctiv, Netzwerk Recherche sowie Journalistenschulen, Institutionen der Lehrkräftefortbildung und der politischen Bildung.

Fragen gemeinsam erarbeitet

In Plauen hatten die Schülerinnen und Schüler zur Vorbereitung den Instagram-Kanal von Schreiber besucht. Auf YouTube, so Raithel weiter, habe man Interviews mit ihm angeschaut. „Wir haben die Fragen gemeinsam erarbeitet. Und überlegt, wer wann welche Fragen stellt“, so die 42-Jährige, die Deutsch und Ethik unterrichtet.

Ortswechsel. Lübeck, Carl-Jacob-Burckhardt-Gymnasium. Zu Besuch, ebenfalls per Videokonferenz, ist Steffen Klusmann, Chefredakteur des Spiegel. Er gibt sich meinungsstark. „Der Spiegel ist links-liberal, das ist er immer gewesen.“ Eine politische Position zu haben, sei erlaubt. „Wichtig ist, dass alles belegt ist“, erklärt Klusmann. Er warnt vor Fake News, die auch bei den US-Wahlen 2016 eine Rolle gespielt hätten: „Diese ganzen Desinformationskampagnen der russischen Regierung. Die haben den amerikanischen Wahlkampf gekapert!“ Diese Aussage stößt auf Widerspruch, wie auf YouTube zu sehen ist. Ein User namens „SteffonSearch“ schreibt im YouTube-Chat: „Das ist leider gelogen! Wo ist ihr Beleg, dass Russland massiv in den US-Wahlkampf eingegriffen hat.“

Doch weder Klusmann noch die Lübecker Schülerinnen und Schüler greifen die Wortmeldung auf. Also kein Dialog mit Andersdenkenden oder Anhängern „alternativer Medien“? Kuno Haberbusch von den Projektverantwortlichen nennt für das Nichtreagieren technische Gründe. „Was bei YouTube im Chat geschah, konnten weder wir noch die Gesprächspartner sehen“, so Haberbusch auf E&W-Anfrage. Man habe ausschließlich den Chat des Videokonferenztools Zoom im Blick gehabt. „Alle direkt am Gespräch Beteiligten hatten keine Kenntnis über die von Ihnen geschilderten Einträge.“

Zurück in Plauen. Wie wurde der digitale Schulbesuch nachbereitet? „Jeder musste seine Fragen vorlesen und sagen, was Herr Schreiber geantwortet hat“, berichtet Lehrerin Raithel. „Überraschenderweise wussten viele auch noch die Antworten auf Fragen der anderen Schülerinnen und Schüler.“ Die Pädagogin ist hochzufrieden: „Das war sehr positiv.“ Sie lobt Schreiber. Er habe den richtigen Ton getroffen und konnte „nachvollziehen, dass meine Schülerinnen und Schüler teilweise keinen Zugang zu seinem Sendeformat haben – und wollte unbedingt wissen, woran das liegt“.

Geschützter Raum

Juliane Pfeiffer, Medienwissenschaftlerin an der Uni Leipzig, erklärt zum Projekt: Es sei ein „gutes Konzept“, dass Schülerinnen und Schüler zur Vorbereitung Fragen erarbeitet hätten. Sie begrüßt, dass die Veranstaltung nicht als Podiumsdiskussion organisiert war, sondern im Klassenverband. Der sei „ein geschützter Raum“, die Mädchen und Jungen seien dort „eher redebereit als in der großen Aula“. Sie trauten sich, „auch vermeintlich dumme Fragen zu stellen“. Allerdings sei die Auswahl der teilnehmenden Medien nicht repräsentativ. Es bleibe abzuwarten, ob künftig auch „Cicero, FAZ, das sächsische Radio PSR oder ProSieben“ Eingang fänden. Zudem wäre eine Kooperation mit dem Verein Neue Deutsche Medienmacher*innen „überlegenswert“. Dieser Verein vertritt die Interessen von Journalistinnen und Journalisten, die aus eingewanderten Familien stammen.

Pfeiffer erinnert daran, dass sich Verlage nicht erst seit dem Aufkommen von Fake News an Schulen engagieren. Projekte wie „Zeitung in der Schule“ gebe es seit vielen Jahren. „Verlage investieren sicherlich auf diesem Weg in die Werbung neuer Kundinnen und Kunden und versuchen, ihre Medienmarke zu stärken.“ Wir nehmen an: Dieses Ziel dürfte auch bei „Journalismus macht Schule“ eine Rolle spielen. Gleichwohl spricht alles dafür, das Projekt auszubauen und fortzusetzen.