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EU-Programm Erasmus+

Bologna für Azubis

Das EU-Programm Erasmus+ richtet sich nicht nur an Studierende oder Schülerinnen und Schüler, die im europäischen Ausland Erfahrungen sammeln wollen. Auch Auszubildende werden gefördert.

Foto: Shutterstock/GEW

André flog nach Rumänien. Der 21-Jährige absolviert im niedersächsischen Schneverdingen eine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik – und machte im März dieses Jahres ein zweiwöchiges Praktikum in der rumänischen Großstadt Galati. „Mein Praktikumsbetrieb war Ginavidor, ein Speditionsunternehmen“, berichtet der junge Mann. Zu seinen Aufgaben habe das Kommissionieren gezählt, das Zusammenstellen von Waren nach den Wünschen der Kunden. Aufgefallen sei ihm, „dass im rumänischen Lager weniger strenge Vorschriften herrschen wie in meinem deutschen Betrieb“, erzählt André. „Nur die Wenigsten trugen Arbeitsschuhe.“ Der Azubi durfte auch ein Stadtfest besuchen und verbrachte „schöne Abende“ mit Kollegen und dem Chef. Er verständigte sich auf Englisch. „Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich mich fachlich und sprachlich verbessern konnte und eine neue Kultur kennenlernen durfte.“

EU übernimmt Kosten für Flug und Unterkunft

Ermöglicht wurde Andrés Auslandsaufenthalt durch Erasmus+. Die EU übernimmt bei diesem Projekt die Kosten für Flug und Unterkunft, die Ausbildungsvergütung läuft während des Praktikums weiter. Insgesamt bewilligte die EU im Jahr 2023 Erasmus+-Projekte in der deutschen Berufsbildung mit einem Volumen von 76,1 Millionen Euro.

Die Zahl der genehmigten Anträge für Azubis sowie Berufsschülerinnen und -schüler lag im selben Jahr bei 25.259. Davon vielen 5.616 auf NRW, 5.227 auf Bayern, in Sachsen waren es 704, in Thüringen 264. Diese Zahlen veröffentlicht die Nationale Agentur Bildung für Europa, die beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn angesiedelt ist. Am häufigsten beteiligten sich 2019 – neuere Angaben liegen nicht vor – Azubis aus Berufen wie Industriekaufmann/-kauffrau oder Kaufmann/Kauffrau im Groß- und Einzelhandel.  

Anträge auf ein Auslandspraktikum stellt das ausbildende Unternehmen, die Handwerkskammer, die IHK oder eine Bildungseinrichtung. Im Fall von André waren es die Berufsbildenden Schulen (BBS) in Soltau, westlich von Lüneburg. Hier absolviert der 21-Jährige den theoretischen Teil seiner Lagerlogistik-Ausbildung. Die BBS Soltau engagiert sich seit Jahren, um die Mobilität von Lernenden im beruflichen Bildungssystem zu fördern. Sie übernimmt auch die Organisation des Praktikums und zahlt die EU-Fördergelder aus. 2023 vermittelte die BBS Soltau Auslandspraktika in Dänemark, Schweden, Portugal, Spanien, Frankreich, Österreich und Estland.

„Jemand mit einem höheren Bildungsniveau traut sich eher zu, ein Auslandspraktikum zu starten“  (Carsten Eckloff)

Auch Azubis im südlichen Sachsen-Anhalt nutzen Erasmus+. „Zielländer sind Spanien und Griechenland“, berichtet Anja Worm, Pressereferentin der Handwerkskammer Halle (Saale). „Pro Jahr gibt es zwei Flows, bei denen jeweils zehn junge Leute teilnehmen“, antwortet Anja Worm. Das ist eine überschaubare Zahl, angesichts von 2.963 Azubis, die derzeit im Kammerbezirk Halle einen handwerklichen Beruf lernen.

Und wie sieht es an der BBS Soltau mit ihren 1.900 Schülerinnen und Schülern aus? „2023 haben wir 25 Kurzzeitmobilitäten ermöglicht“, antwortet Lehrer Carsten Eckloff, Projektkoordinator für Erasmus+ an der BBS Soltau. Warum nicht mehr? Das habe oft mit der Vorbildung der Azubis zu tun. „Jemand mit einem höheren Bildungsniveau traut sich eher zu, ein Auslandspraktikum zu starten“, erklärt Eckloff. Hinzu komme: „Insbesondere für Auszubildende in kleineren Betrieben gibt es viele Hürden.“ Oft argumentiere der Chef oder die Chefin, es fehle ohnehin an Arbeitskräften, der Azubi sei unverzichtbar. „Da ist viel Überzeugungsarbeit notwendig“, sagt Carsten Eckloff. „Für Azubis in großen Unternehmen, die Tochterunternehmen oder Partner im Ausland haben, ist es einfacher, eine Freistellung für das Praktikum zu bekommen.“

Schaffung eines europäischen Raumes für Berufsbildung

Eckloff will sich damit nicht abfinden. Er fuhr Anfang April dieses Jahres nach Brüssel zu einer Tagung der gemeinnützigen internationalen Organisation „Euro App Mobility“. Gegründet 2020, hat sie zum Ziel, die Mobilität von Auszubildenden in Europa zu fördern. Eine der in Brüssel entwickelte Forderungen lautet, so Eckloff: „Die Schaffung eines europäischen Raumes für Berufsbildung. So wie er mit dem Bologna-Prozess für die Hochschulen entwickelt wurde.“ Es sei nötig, die im europäischen Ausland erbrachten Ausbildungsleistungen leichter anzuerkennen. Betriebe sollten entlastet werden, wenn sie einem Auslandspraktikum zustimmen. In Österreich zum Beispiel übernehme die öffentliche Hand die Ausbildungsvergütung, während der Azubi im Ausland lernt.    

Erasmus+ ermöglicht auch dem Bildungspersonal in der beruflichen Bildung, Auslandserfahrungen in einem europäischen Nachbarland zu sammeln. „Hospitieren in Polen? Job-Shadowing in Spanien? In einem irischen Partnerunternehmen ausbilden?“ So wirbt die Nationale Agentur Bildung für Europa für diese Weiterbildung. Der Aufenthalt dauert, je nach Maßnahme, mal zwei Tage, mal ein ganzes Jahr. Im Jahr 2023 wurden Erasmus+-Fördermittel für bundesweit 7.752 Lehrkräfte, Ausbilderinnen und Ausbilder oder Berufsberaterinnen und -berater bewilligt. Auch hier ist die BBS Soltau aktiv: 2023 nutzten 17 Lehrerinnen und Lehrer das Angebot und reisten ins europäische Ausland.

„Wir müssen Information und Beratung an den berufsbildenden Schulen ausbauen.“ (Ralf Becker)

Ralf Becker, bei der GEW zuständig für Berufliche Bildung, sieht Nachholbedarf bei Erasmus+ für den Bereich der beruflichen Bildung. „Wir müssen Information und Beratung an den berufsbildenden Schulen ausbauen. Dazu benötigen wir eine Unterstützungsstruktur seitens der Ministerien und entsprechend qualifizierte Lehrkräfte, die im Gegenzug Anrechnungsstunden erhalten.“

Becker fordert von Bund und Ländern, kleinere und mittlere Betriebe zu unterstützen, wenn sie ihre Auszubildenden für ein Auslandspraktikum freistellen. Ralf Becker unterstreicht: „Der Blick über den nationalen Tellerrand, insbesondere in der Berufsausbildung, war nie so wichtig wie heute.“