02.02.2010

Raus aus der Schule: Was Jugendlichen in der Pubertät gut tut

Lernen für das Leben – Auszeit von der Schule. Zum besseren Umgang mit der Pubertät in der Schule haben zwei Bildungseinrichtungen in Berlin und Potsdam ein ungewöhnliches Projekt kreiert.

Wissen Sie eigentlich, warum man Nudeln erst ins Wasser gibt, wenn dieses kocht, Kartoffeln aber zusammen mit dem Wasser erhitzt?“ Auf Anhieb wüssten das selbst die wenigsten Erwachsenen, erklärt Jens Großpietsch von der Berliner Heinrich-von-Stephan-Schule. Dabei ist die Erklärung ganz einfach: Würde man Kartoffeln in kochendes Wasser geben, wären sie außen zwar schnell weich, das Innere jedoch noch hart; Nudeln wiederum würden durch langsames Erwärmen rasch zerfallen. Das war eine der vielen Lektionen, die die 20 Achtklässler der Berliner Schule wäh­rend ihres einwöchigen Aufenthaltes am Potsdamer Schlänitzsee lernten – und die bleibt eher im Gedächtnis als wenn der Lehrer dies im Unterricht erklärt hätte.

Kochen, putzen, bauen

Im vergangenen Schuljahr begann die Kooperation von Großpietschs Schule mit der Montessori-Schule in Potsdam. Diese betreibt auf einem ehemaligen Stasi-Feriengelände nördlich von Brandenburgs Hauptstadt das „Landbauprojekt Schlänitzsee“ und hat das Projekt, gefördert von der Stiftung Brandenburger Tor, bereits in den Schulalltag integriert. Zwei siebte und zwei achte Klassen, insgesamt rund 100 Schülerinnen und Schüler, verbringen im Wechsel jeweils eine Woche auf dem Gelände.

Das Konzept geht zurück auf eine Idee Hartmut von Hentigs* (s. auch E&W 3/2009). Der Doyen der deutschen Reformpädagogik spricht sich seit Jahren für eine „Entschulung der Schule“ während der Pubertät aus. Praktische Arbeit habe für die Jugendlichen in dieser Lebensphase einen größeren Lernwert als die Theorie. Prozentrechnen und Dreisatz können beim Kochen, Zinsrechnung und Buchhaltung beim Einkauf, Flächenberechnung bei Schreinerarbeiten gelernt werden.

Grundidee des Modells: Schüler im Pubertätsalter sollen raus aus der Schule, in einer anderen Umgebung anders lernen. Es wird gemeinsam gekocht, gebaut, geputzt. Das Wichtigste aber: Die Schüler organisieren sich selbst: Morgens werden die Gruppen gebildet und die Arbeiten eingeteilt, abends wird gemeinsam über den Tag gesprochen.

Lehrende spielen hier die zweite Geige. Das Lernen in der Praxis geschieht unter Anleitung von Handwerkern und anderen externen Fachleuten. „Die Jugendlichen haben tausend Fragen und suchen Antworten, wenn sie durch die Natur gehen. Zum Beispiel darauf, warum die Blätter von Silberpappeln silberfarben sind“, beschreibt Schulleiter Groß­pietsch die Lernatmosphäre vor Ort.

Angelika Penkert-Jaquet von der Potsdamer Schule war als Lehrerin schon vor drei Jahren beim Start am Schlänitzsee dabei. Selbst Fremdsprachen kämen bei dieser Form des Lernens nicht zu kurz, so Penkert-Jaquet. Die Jugendlichen müssten ihren Tätigkeitsbericht auf Englisch oder Französisch verfassen. „Die Schüler wissen jetzt, was Luftpumpe auf Englisch heißt“, erzählt Penkert-Jaquet.

„Eifrig bei der Sache“

Während der Pubertät hat der kognitive Wissenserwerb eine geringe Bedeutung, betont die Montessori-Pädagogin. „An erster Stelle steht die Entwicklung der sozialen Fähigkeiten.“ Die 14-jährige Sameena aus der Berliner Partnerschule bestätigt diese Einschätzung mit ihren Worten. „In der Schule tun manche im Unterricht nur so, als ob sie den Lehrern zuhören würden. Am Schlänitzsee waren dagegen alle eifrig bei der Sache.“ Für seine gesteigerte Aufmerksamkeit hat ihr Mitschüler Yasin eine Erklärung. „Wir konnten viel selbst entscheiden, seitdem sind wir ein Team.“ Und das ­Bes­te: „Die Lehrer haben uns nicht reingeredet“, ergänzt sein Freund Tom.

Für die Berliner Schüler ist der Weg nach Potsdam allerdings sehr weit. Bislang ist deshalb nur ein einwöchiger Aufenthalt pro Schulhalbjahr geplant. Auf Dauer sollen laut Großpietsch die Besuche auf dem Gelände in Potsdam häufiger werden, doch mittelfristig möchte der Schulleiter gerne ein Objekt in der Nähe nutzen. „Praktisch wäre es, wenn man damit gleich die Neugestaltung unseres Pausenhofes verbinden könnte“, meint er. Erst zu Beginn dieses Schuljahres hat die Heinrich-von-Stephan-Schule ihr jetziges Domizil bezogen, einen sanierungsbedürftigen Bau aus dem 19. Jahrhundert. Da gäbe es in der Tat viel zu tun für die Jugendlichen.

Doch auch ohne solche Initiativen versucht man an der Heinrich-von-Stephan-Schule die Zeit der Adoleszenz für alle Beteiligten so erträglich wie möglich zu gestalten. Rund 300 Jugendliche lernen an dieser Ganztagsschule von Klasse 7 bis 10. Alle sind also entweder am Beginn der Pubertät oder stecken mitten drin. Für junge Menschen sei in dieser Zeit vor allem eines wichtig, sagt Großpietsch: viel Bewegung.

Die Schule hat Bewegung daher zum pädagogischen Prinzip erhoben. In der ersten großen Pause kurz vor zehn Uhr ist körperliche Aktivität Pflicht: entweder Fußball spielen, Laufen oder Spiele in der Halle. „Einfach in der Ecke rumhängen und Yu-Gi-Oh-Karten tauschen, ist nicht“, sagt Großpietsch. Starren Fä­cherunterricht wie früher wird man an seiner Schule ebenfalls nicht finden. Man lernt projektorientiert, d. h., es kann schon mal vorkommen, dass man eine Woche lang zehn Schulstunden und mehr in ein Musikprojekt in­vestiert.

Die pädagogische Arbeit an seiner Schule ist von zwei Grundgedanken geprägt: Wahlfreiheit und Orientierung an den Stärken der Schüler. Die jungen Menschen können aus einem breitgefächerten Kurs-Angebot am Nachmittag wählen. „Die Freiwilligkeit steht dabei an oberster Stelle“, betont Großpietsch, d. h., entscheidet sich ein Schüler für den Schachkurs, weil er ein guter Schachspieler ist, darf er das – selbst wenn er vielleicht besser daran täte, den Deutschkurs zu belegen, um seine Schwäche in der deutschen Grammatik zu beheben. „Jugendliche in diesem Alter reagieren sensibel auf Druck und negative Bewertungen“, sagt Großpietsch. Mit mehr Lerndruck, da ist er sich sicher, erreicht man bei Pubertierenden nur das Gegenteil. Der Vorschlag Hartmut von Hentigs, 13- bis 15-Jährigen eine vollständige Auszeit von der Schule zu gönnen, findet der Pädagoge daher sympathisch. „Da wäre ich absolut dafür.

Jürgen Amendt,
Redakteur „Neues Deutschland“

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