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Zusammendenken: Gewalt und Armut

06.09.2017 - Christoph Butterwegge, Professor für Politikwissenschaft, em., Universität Köln

Ungleiche Verteilung von Reichtum, Ausgrenzung und Isolation sind Faktoren, die in der Debatte über gewalttätige Jugendliche mitbetrachtet werden müssen. Experten sagen: Sozialpolitik ist die beste Prävention.

Gewalt ist kein „Jugend“-Phänomen – sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem, das mit Armut und Reichtum, wirtschaftlicher Ausbeutung und sozialer Ausgrenzung zu tun hat. Dies gilt mit Blick auf die Ausübenden ebenso wie für jene, die sie trifft: Täter wie Opfer sind häufig Angehörige ethnischer, religiöser und sozialer Minderheiten mit ähnlichen soziodemografischen Merkmalen.

Obwohl Armut seit etwa einem Vierteljahrhundert primär Heranwachsende trifft, wird das Thema Jugendarmut in Fachwissenschaft, Politik und Öffentlichkeit immer noch stiefmütterlich behandelt. Entweder sie wird nicht wahrgenommen, weil das Armutsbild von Not und Elend in der sogenannten Dritten Welt geprägt ist. Oder der – manchmal geradezu voyeuristische – Blick richtet sich lediglich auf (Klein-)Kinder. Diese, so die Logik dahinter, seien Prototypen „würdiger“ Armer; schließlich könnten sie für ihre Misere nicht selbst verantwortlich gemacht werden.

Laut Erkenntnissen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung waren 2015 rund 2,55 Millionen der Unter-18-Jährigen in Deutschland arm, mit 19,7 Prozent nahezu jeder und jede Fünfte. In einem reichen Land wie Deutschland bedeutet Armut nicht nur, wenig Geld zu haben. Sondern den Ausschluss von einer diskriminierenden Ungleichverteilung der materiellen Ressourcen.

„Die beste Kriminalpolitik ist eine gute Sozialpolitik.“

Kinder und Jugendliche in armen Familien sind persönlicher Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten beraubt, sozial benachteiligt und in Hinblick auf Bildung und Kultur, Wohlergehen und Gesundheit, Wohnen und Wohnumfeld, Freizeit und Konsum unterversorgt. Ihre Armut führt dazu, dass sie mit weit höherer Wahrscheinlichkeit niedrige Schulabschlüsse erreichen und im Umgang mit Sprache und Lesestoff weniger geübt sind als Gleichaltrige, die im Wohlstand leben. Auch ihre Scheu vor kulturellen Angeboten, Theater oder Museen zum Beispiel, ist größer.

Hinzu kommt: Junge Menschen sind massivem Druck ihrer Peergroup ausgeliefert, durch Markenkleidung und immer neue, hochwertige Konsumgüter wie Tablets oder Smartphones „mithalten“ zu können. Armut ist für sie noch beschämender als für Mitglieder anderer Altersgruppen; und sie führt zu sozialer Isolation. In einer Lebensphase, die für das Selbstbewusstsein von entscheidender Bedeutung ist – der Adoleszenz – wirkt Armut demütigend, deprimierend und demoralisierend.

In einer Zeit, in der gesellschaftliche Rahmenbedingungen, (geringe) materielle Ressourcen der Familie und (fehlende) Aufstiegsmöglichkeiten maßgeblich darüber mitentscheiden, ob junge Menschen aggressiv, gewalttätig und straffällig werden oder nicht, gilt eine mehr als 150 Jahre alte Maxime weiterhin: Die beste Kriminalpolitik ist eine gute Sozialpolitik, so hatte es bereits im späten 19. Jahrhundert der Strafrechtler Franz von Liszt formuliert.

Schule und Jugendhilfe können, wenn auch nur in beschränktem Maße, ebenfalls dazu beitragen, befriedigende Lebensverhältnisse und ein Höchstmaß an Chancengleichheit zwischen Jugendlichen unterschiedlicher sozialer wie ethnischer Herkunft zu schaffen. Denn: Wer in jungen Jahren sozial deklassiert und ausgegrenzt wird, vermag kulturelle und Bildungsprozesse womöglich sein Leben lang nicht im Sinne seiner persönlichen Emanzipation zu nutzen.

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