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Widerstand will gelernt sein

15.09.2017 - Fritz Reheis, Akad. Dir. i. R., Lehrbeauftragter am Lehrstuhl Allgemeine Pädagogik der Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Die Welt von heute benötigt den mündigen Bürger, der Nein sagt, widerspricht, wenn nötig einschreitet. Was es dazu allerdings braucht, ist solide politische Bildung.

Der Ruf nach Widerstand ist populär: gegen die Herrschaft von Banken, das Finanzkapital, Freihandelsabkommen, aber auch gegen „Islamisierung“, „Lügenpresse“, „Volksverräter“. Solche Appelle fordern auch die vorherrschende Bildungspraxis heraus – in der es meist eher um Anpassungen an Gegebenes geht. Ist Mündigkeit ohne die Fähigkeit, „Nein“ zu sagen, ohne die Kompetenz zum Widerstand* also, überhaupt möglich? Wann ist Widerstand gerechtfertigt oder gar geboten? Und wie können die Voraussetzungen für widerstandskompetente Mündigkeit erworben werden?

Nach Kant bedeutet Mündigkeit, sich auf die Vernunft zu besinnen und selbst zu denken. Mündige Menschen lassen sich weder durch Menschen noch durch Strukturen instrumentalisieren. Dies beginnt damit, dass der Mündige etwa Werbebotschaften, Leitbilder oder Ideologien nicht ungeprüft übernimmt. Das ist der Startpunkt zu weiteren Schritten. Etwa zu widersprechen, wo Zustimmung erwartet wird, oder einzuschreiten, wenn Inakzeptables geschieht.

Wer in seinem Widerstand gegen Instrumentalisierungsversuche konsequent ist, der wird zudem andere anstiften. Der konsequent Widerständige wird sich in jene Prozesse einmischen, in denen Informationen, Geld und Macht verteilt und Spielregeln definiert werden. Er wird nicht nur für ein anderes Verhalten, sondern auch für andere Verhältnisse kämpfen – wenn es seine Vernunft gebietet.

„Widerstandskompetenz als Teilkompetenz von Mündigkeit erfordert eine solide politische Bildung.“

Das macht deutlich: Widerstand ist nichts für Feig- und Schwächlinge. Je stärker jemand innerlich ist, desto leichter tut er sich. Mündigkeit erfordert also Bedingungen, die Menschen zu starken Persönlichkeiten werden lassen – in Familien, Schulen, Medien etc.. Wer widerstandsfähig ist, muss aber auch wissen, wann genau diese Fähigkeit zum Tragen kommen darf, soll oder muss. Widerstandskompetenz als Teilkompetenz von Mündigkeit erfordert eine solide politische Bildung. Geschärft werden muss vor allem das Bewusstsein für den wichtigen Unterschied zwischen Werten (Menschenwürde, Menschenrechte) und Strukturprinzipien (Rechtsstaat, Demokratie, Sozialstaat) einerseits, die wir aus guten Gründen als Maßstäbe für unser politisches Urteilen und Handeln anerkennen, und all jenen Normen und Standards, die eher unverbindlich und veränderbar sind, mögen sie auch noch so sehr als alternativlos gelten. Widerstandskompetenz mündet also in eine leidenschaftliche politische Haltung, verbunden mit politischem Differenzierungsvermögen.

In Deutschland wird das Widerstandsthema oft lediglich mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht. Welch ein Irrtum! Auch heute gibt es reichlich Gründe, zu widerstehen! Jeder kann wissen, wenn er es denn will, dass unsere Wirtschaftsweise die ökologischen Grenzen unseres Planeten überschreitet, dass die Armen der Welt durch ihre spottbillige Arbeit den Reichtum der Reichen erst ermöglichen, dass immer mehr Menschen gezwungen sind, in anderen Ländern Zuflucht zu suchen, dass die Welt nicht friedlicher geworden ist und dass auch in den westlichen Gesellschaften das Vertrauen in die normativen Grundlagen der Aufklärung schleichend erodiert: zugunsten eines handfesten Nützlichkeitsrassismus, verbunden mit dem Recht des Stärkeren. Anders als zu Zeiten des Nationalsozialismus muss, wer sich heute widersetzt, nicht um sein Leben, sondern höchstens um seine Bequemlichkeit und seine Karriere fürchten. Lasst uns also Sand in dieses menschenverachtende Getriebe streuen. Solche Widerständigkeit ist bitter nötig – und kann unser Leben obendrein  bereichern.

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