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Wenn die Arbeit zur Belastung wird

17.08.2017 - Anne-Katrin Wehrmann

Im Rahmen ihrer Sommerreise hat die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe am 17. August Halt in Bremerhaven und Bremen gemacht. Sie besuchte drei Schulen und stellte einmal mehr fest: Der Fachkräftemangel hat inzwischen dramatische Ausmaße angenommen.

Los geht die Tour durch ein Land, das im jüngst veröffentlichten Bildungsmonitor 2017 den vorletzten Platz aller 16 Bundesländer belegt, an der Marktschule in Bremerhaven. Die offene Ganztagsschule liegt im Stadtteil Lehe, der nach der Werftenkrise immer noch vom Strukturwandel in der Stadt gezeichnet ist und als sozialer Brennpunkt mit hoher Migrations- und Arbeitslosenquote gilt. Mithilfe eines innovativen Konzepts gelingt es dem Kollegium jedoch, dem schwierigen Umfeld zu trotzen und den Schülerinnen und Schülern einen im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichneten Unterricht anzubieten: Kinder der Klassen Eins bis Vier lernen dort jahrgangsübergreifend, wofür es die Grundschule beim Deutschen Schulpreis 2011 auf Platz zwei schaffte.

Die Führungen übernehmen hier keine Lehrkräfte, sondern eigens dafür geschulte Kinder. Heute sind Celia und Tetsuro an der Reihe. „Darf ich dich fragen, wie alt du bist? Du darfst mich das dann auch fragen“, wendet sich Tepe an Tetsuro. „Ich bin acht Jahre alt“, antwortet der Junge mit japanischen Wurzeln höflich. Stille. „Möchtest du jetzt auch wissen, wie alt ich bin? Oder interessiert dich das eigentlich nicht?“ hakt Tepe nach. „Ich glaube, das interessiert mich nicht“, meint Tetsuro und bringt damit die GEW-Chefin zum Lachen.

„Wenn ich nach den Ferien zurückkomme, freue ich mich immer noch und denke: Das war gut so“, sagt Schulleiterin Ute Mittrowann und meint damit das Schulgebäude, welches vor elf Jahren komplett saniert und um einen Neubau ergänzt wurde. Noch immer wirken die Räume hell und modern, was sowohl Erwachsene als auch Kinder dazu motiviert, die Dinge heile und sauber zu halten. Das fällt auch Marlis Tepe sofort auf, als sie herumgeführt wird. In den Toilettenräumen wird sie sogar überrascht. „Hier stinkt es nicht“, stellt sie fest. Sie habe bei ihren bisherigen Ortsterminen stets heruntergekommene und stinkende Toiletten vorgefunden, so Tepe.

„Im Grundschulbereich haben wir einen Bedarf von ungefähr 400 Stunden. Davon fehlt uns faktisch ein Viertel, und da sind krankheitsbedingte Fehlzeiten noch nicht einmal eingerechnet.“ 

Gutgelaunte Schülerinnen und Schüler, ein hochmotiviertes und engagiertes Kollegium, gut ausgestattete und freundliche Räumlichkeiten: Schulleiterin Mittrowann hat viele Gründe, zufrieden mit ihrem Job zu sein. Und doch schlägt auch sie sich mit einer Sorge herum, die sie mit Kolleginnen und Kollegen Land auf, Land ab teilt: der zu geringen Personalausstattung. „Im Grundschulbereich haben wir einen Bedarf von ungefähr 400 Stunden“, berichtet sie. „Davon fehlt uns faktisch ein Viertel, und da sind krankheitsbedingte Fehlzeiten noch nicht einmal eingerechnet.“ Noch schlimmer sieht es beim sonderpädagogischen Bedarf aus. Hier können von den erforderlichen 90 Stunden derzeit nur 11 Stunden geleistet werden.

„Ich halte mich für belastbar, aber wenn ich nach Hause komme, bin ich völlig fertig.“

Beim Pausentreffen im Lehrerzimmer bringt es eine Kollegin auf den Punkt: „Die Personalsituation ist das große Problem. Ich halte mich für belastbar, aber wenn ich nach Hause komme, bin ich völlig fertig und kann erst mal nichts machen.“ Sie empfinde ihre Arbeit mittlerweile als große Belastung und kaum noch als Freude: „Obwohl das ja eigentlich ein Job ist, der Spaß macht.“ Auf Tepes Frage, was denn am besten helfen würde, antworten gleich mehrere Lehrerinnen wie aus einem Mund: Doppelbesetzung.

Die Politik in Bremerhaven und Bremen hat mittlerweile erkannt, dass es so nicht weitergeht und dass sie mehr in die Bildung investieren muss als in der Vergangenheit. Das Problem: Es stehen nicht genügend Lehrkräfte, Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen, Erzieherinnen und Erzieher zur Verfügung, um alle offenen Stellen zu besetzen. Bremerhavens Schuldezernent Michael Frost macht deutlich, dass aus kommunaler Sicht der Bund stärker in die Verantwortung für die Bildungspolitik gehen und steuernde Funktionen übernehmen müsse – sowohl was die finanzielle Ausstattung als auch die Qualifikation von Fachkräften angehe. „Der Bund muss dazu beitragen, dass der Konkurrenzkampf der Länder um Personal aufhört“, sagt Frost.

„Es besteht ein Widerspruch zwischen der Freiheit der Wissenschaft und den Bedarfen der Gesellschaft.“

Dank einer integrativen Tradition seien in Bremerhaven die Voraussetzungen zur Umsetzung der Integration grundsätzlich gut, berichtet der Schuldezernent. Allerdings litten die Schulen unter dem Mangel an Ressourcen. Er zeigt sich mit Marlis Tepe darin einig, dass die Steuerung der Universitäten durch die Landesregierung nicht mehr funktioniere. Das sei mitverantwortlich für den herrschenden Fachkräftemangel. „Es besteht ein Widerspruch zwischen der Freiheit der Wissenschaft und den Bedarfen der Gesellschaft“, betont er und verweist darauf, dass es an der Universität Bremen für die Sekundarstufe keinen Studiengang mit einem Schwerpunkt für inklusive Pädagogik gebe. Und das trotz des gesellschaftlichen und politischen Willens zur Umsetzung von Inklusion und den vielen fehlenden Fachkräften, die dazu notwendig wären.

„Die Situation ist dramatisch und wirkt sich dramatisch aus.“

Ob bei den anschließenden Besuchen der beiden Bremer Oberschulen an der Helgolander Straße und am Barkhof oder bei der darauf folgenden Sitzung des Landesvorstands der GEW Bremen, es sind immer wieder dieselben Themen, die den Lehrkräften sowie Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern unter den Nägeln brennen: Die finanziellen und personellen Ressourcen zur gelungenen Umsetzung von Inklusion und Integration sowie für gute Bildung insgesamt reichen vorne und hinten nicht aus. „Das habe ich bei meiner Sommerreise in den vergangenen Monaten auch in den anderen Bundesländern gesehen“, bestätigt Marlis Tepe, „die Situation ist dramatisch und wirkt sich dramatisch aus.“

Drei der Kernforderungen, die sie an diesem Tag mehrfach zu hören bekommt – und die sie persönlich und die GEW ausdrücklich unterstützen: A 13 für alle Lehrkräfte, Anerkennung von Qualifikationen geflüchteter und eingewanderter Fachkräfte sowie Einführung von Deutsch als Zweitsprache (DaZ) als reguläres Schulfach. Im Gespräch mit Bremens Bildungssenatorin Claudia Bogedan zeigt sich, dass Landespolitik und Gewerkschaft in vielen Punkten an einem Strang ziehen. „Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite müssen zusammenarbeiten“, meint Bogedan, „das wird die entscheidende Stellschraube der Zukunft sein. Alle Ideen, die in Politik und Verwaltung entwickelt werden, helfen am Ende nichts, wenn sie in den Klassenräumen nicht umgesetzt werden.“

Die Senatorin und die GEW-Vorsitzende vertreten gemeinsam die Auffassung, dass das Kooperationsverbot abzuschaffen sei und der Bund stärker in die Bildung investieren müsse. Und dass es durchaus fragwürdig sei, ob sich die Zukunftsfähigkeit eines Landes tatsächlich an der „schwarzen Null“ öffentlicher Haushalte bemessen lasse. Zusammen mit dem Saarland habe Bremen den höchsten Anteil an Flüchtlingskindern, berichtet Bogedan. Auch für sie sind daher die Themen Integration und Fachkräftemangel ein großes Thema. Die beiden verständigen sich darauf, dass die Gewerkschaftschefin zeitnah zwei Briefe an die Kultusministerkonferenz schreiben wird: einen, in dem sie sich im Namen der GEW für DaZ als Schulfach einsetzt, und einen weiteren, in dem es um die Anerkennung von ausländischen Abschlüssen gehen soll. Mit diesen Hausaufgaben im Gepäck macht sich Marlis Tepe nach einem langen Tag wieder auf den Weg.

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