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„Lernen mit digitalen Medien darf kein Selbstzweck sein“

27.02.2017

Die digitalen Entwicklungen beeinflussen auch die Arbeits- und Lernbedingungen im Bildungswesen. Welche Veränderungen zu erwarten sind und wie der Prozess gestaltet werden muss, darüber spricht GEW-Vorstandsmitglied Dr. Ilka Hoffmann.

Was ist notwendig, um gute Arbeitsbedingungen auch unter den veränderten Gegebenheiten zu schaffen?

Hoffmann: Wir brauchen gesetzliche Rahmenbedingungen, um eine Entgrenzung der Arbeit zu verhindern. Die digitalen Möglichkeiten führen dazu, ständig erreichbar und verfügbar zu sein. Hier muss es Schutzbestimmungen geben. Die Digitalisierung kann auch dazu führen, traditionelle Arbeitsplätze und Büros einzusparen. Die Arbeit soll dann von zuhause aus erledigt werden. Auf den ersten Blick wirkt dies auf junge Familien mit Kindern vielleicht attraktiv. Solche „Arbeitsplätze“ können aber zur sozialen Vereinsamung und zu mangelnder Solidarität zwischen den Arbeitnehmer_innen führen. Auch gewerkschaftliches Engagement wird erschwert. Hier braucht es Möglichkeiten der Begegnung und des Austausches zwischen Kolleg_innen. Die Digitalisierung im Arbeitsfeld Bildung bringt auch Umstrukturierungen und Veränderungen von Arbeitsroutinen mit sich. Hierfür brauchen die Beschäftigten Zeit. Es müssen also Freiräume für Fort- und Weiterbildung, für Veränderungen in den Arbeitsabläufen und für die Schul- und Unterrichtsentwicklung geschaffen werden. Hinzu kommen die Bereitstellung der entsprechenden Infrastruktur und von Wartungspersonal.

Die Digitalisierung beeinflusst auch die Lernbedingungen und das soziale Miteinander. Was ist notwendig damit Lernen mit digitalen Medien eine positive Wirkung entfaltet?

Hoffmann: Das Lernen mit digitalen Medien darf kein Selbstzweck sein, sondern muss angemessen in das pädagogische Gesamtkonzept eingefügt werden. Um digitale Medien sinnvoll einzusetzen, brauchen Lehrkräfte die entsprechenden Kompetenzen. Fort- und Weiterbildungen sind darum dringend notwendig. Gerade heute ist es wichtig, bei Kindern und Jugendlichen auch wieder „analoge“ Kompetenzen verstärkt zu entwickeln. Dazu gehören Zuhören, Kommunizieren, aber auch Kulturtechniken wie Schreiben, Lesen und Rechnen. Wir wissen, dass Jugendliche, die den Großteil ihrer Zeit mit digitalen Medien verbringen, gesundheitliche Probleme bekommen und oft auch Schwierigkeiten mit Sozialkontakten haben. Außerdem ist eine fundierte Grundbildung im Lesen, Schreiben, Rechnen notwendig, um digitale Medien überhaupt sinnvoll nutzen zu können.

Wie kann Schule auf Arbeit 4.0 vorbereiten, was kann sie Jugendlichen zur Digitalisierung des Alltags und zu sozialen Medien mit auf den Weg geben?

Hoffmann: Digitale Medien können eine Chance sein, Lerninhalte auf sehr verschiedene Art und Weisen zu vermitteln. Sie können den Unterricht auf vielfältige Weise bereichern und zu selbstständigem Lernen anregen. Sie sind auch ein wichtiges Hilfsmittel für Lernende mit Sinnesbeeinträchtigungen. Alle Schüler_innen sollten einen Einblick erhalten, was „digital“ bedeutet und was Algorithmen sind. Wir fordern eine informatische Grundbildung für alle, beispielsweise im Rahmen des Mathematikunterrichts und die Möglichkeit der Vertiefung im Wahlpflichtbereich der Sekundarstufe. Der kompetente Umgang mit Anwendungen wie Textverarbeitungsprogrammen oder Excel sind wichtige Lerninhalte, die sich gut in den Fachunterricht integrieren lassen. Eine weitere wichtige Aufgabe von Bildung ist es, den Lernenden einen verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien und sozialen Netzwerken zu vermitteln. Deshalb gehören Themen wie Datenschutz, Cybermobbing, Gewalt und Kommunikationsformen in ein umfassendes medienpädagogisches Konzept.

Auf dem GEW Gewerkschaftstag 2017 wird sich ein Antrag mit der „Bildung in der digitalen Welt“ auseinandersetzen. Was sind die wichtigsten Forderungen der GEW?

Hoffmann: Aus unserer Sicht darf die Digitalisierung zu keiner Entgrenzung der Arbeit und zu keinen Mehrbelastungen der Beschäftigten führen. Wir fordern eine gute, öffentlich verantwortete Ausstattung der Bildungseinrichtungen mit digitalen Medien sowie die uneingeschränkte Möglichkeit von Fort- und Weiterbildung. Die Bildungseinrichtungen brauchen Zeit und Unterstützung zur Entwicklung von Konzepten sowie genügend Personal. Wir fordern auch die Berücksichtigung entwicklungspsychologischer Erkenntnisse und eine solide Grundbildung für alle Lernenden. Der Antrag enthält auch die Selbstverpflichtung der GEW, sich kritisch-konstruktiv mit den Entwicklungen auseinander zu setzen und ihre Mitglieder zu unterstützen und zu beraten.

Das Interview führte Britta Jagusch.

 

Dr. Ilka Hoffmann ist Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands der GEW und zuständig für den Organisationsbereich Schule.

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