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Katastrophe mit Ansage

03.11.2017 - Gesa Bruno-Latocha, Referentin im GEW-Arbeitsbereich Tarif- und Beamtenpolitik, und Sarah Kleemann, Leiterin des Parlamentarischen Verbindungsbüros der GEW in Berlin

Den Generationenwechsel in den Lehrerzimmern zu organisieren, haben alle Bundesländer verpasst. Nachhaltige Konzepte der GEW sind jahrzehntelang überhört worden. Das rächt sich: Überall herrscht Lehrkräftemangel.

Die Versorgung mit Lehrerinnen und Lehrern ist das Musterbeispiel eines jahrzehntelangen Planungsversagens zu Lasten der Kinder sowie der Pädagoginnen und Pädagogen. Wer den Blick in ein Lehrerzimmer in Deutschland wirft, findet selten eine gleichmäßige Altersmischung. In den 1980er- und frühen 1990er-Jahren wurde im Westen kaum eingestellt, eine ganze Absolventengeneration wurde arbeitslos. Als dann ab Mitte der 1990er wieder mehr Lehrkräfte benötigt wurden, reagierten die meisten Länder erst einmal mit höherer Unterrichtsverpflichtung, statt vorausschauend einzustellen. Die GEW machte unter dem Motto „Unser Jüngster wird 50“ auf diese Schieflage und die große Zahl arbeitsloser Lehrerinnen und Lehrer aufmerksam. Erst ab 1998 wurden bundesweit mehr als 15.000 Lehrkräfte pro Jahr neu eingestellt (2016 waren es mehr als 35.000). Dabei ist es wenig überraschend, dass die 50-Jährigen der 2000er Jahre fünfzehn Jahre später gleichzeitig die Altersgrenze erreichen!

In den Ländern, die einst zur DDR gehörten, läuft zeitversetzt das gleiche Spiel. Hier waren vor 1989 viele neue Lehrkräfte eingestellt worden. In den Jahren nach der Wende folgte als erstes eine Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung auf Westniveau. So erzeugte das wiedervereinte Deutschland mit politischen Mitteln einen „Lehrkräfteüberschuss“. Sinkende Schülerzahlen durch die Abwanderung sowie ein extremer Geburtenrückgang nach der „Wende“ kamen verschärfend hinzu. Massenentlassungen konnten zwar dank der Sozialtarifverträge verhindert werden, die die zu unterrichtenden Stunden via Teilzeit auf die vorhandenen Lehrkräfte verteilten. Der Preis war, dass heute in den Kollegien kaum jüngere Lehrkräfte zu finden sind. Doch auch in Dresden oder Rostock gehen 50-Jährige absehbar in spätestens anderthalb Jahrzehnten in Rente ...

Der lange Atem der GEW

Bereits früh pochte die GEW darauf, den Generationenwechsel vorausschauend zu organisieren. Ende 2010 forderte der die GEW in einem „Sofortprogramm für den Lehrerinnen- und Lehrernachwuchs“ vor allem folgendes: eine einheitliche Besoldung aller Lehrämter, höhere Anwärterinnen- und Anwärterbezüge, mehr Stellen und eine einheitliche Länge des Vorbereitungsdienstes bei gleichzeitiger Senkung des „bedarfsdeckenden Unterrichts“, den Referendarinnen und Referendare zu absolvieren haben.

Im Frühjahr 2011 folgte eine GEW-Positionierung zur Reform der Lehrerinnen- und Lehrerbildung, die Geburtsstunde des „Zukunftsforums Lehrer_innenbildung“. Dessen Ergebnisse wurden im Mai 2017 auf dem Gewerkschaftstag in Freiburg mit dem Dringlichkeitsantrag „Lehrkräftemangel bekämpfen – Schulqualität sichern – Schulreformen offen halten“ bekräftigt und konkretisiert.

„Entscheidet sich ein Land politisch für Einsparungen im Schuldienst, hat es automatisch einen geringeren ‘Bedarf’ an Lehrkräften.“

Anstatt die Warnsignale zu hören, hielt sich die Kultusministerkonferenz (KMK) lange zurück. 2013 legte sie dann erstmals nach zehn Jahren eine Prognose des Lehrkräftebedarfs vor, mit einer Laufzeit bis 2025. Die KMK kündigte an, diese Prognose alle zwei Jahre zu aktualisieren. 2015 lag die zweite Prognose auch tatsächlich vor, auf die dritte Aktualisierung wird man dieses Jahr vergeblich warten. Sie wurde verschoben, weil zunächst die offizielle Schülerzahlen-Vorausberechnung des Statistischen Bundesamtes eingearbeitet werden soll.

Das Problem dabei: Der von der KMK ermittelte „Bedarf“ ist nichts als ein Aufsummieren der von den Ländern gelieferten Zahlen. Entscheidet sich ein Land politisch für Einsparungen im Schuldienst, hat es automatisch einen geringeren „Bedarf“ an Lehrkräften. Die KMK-Prognosen sind also ein Spiegelbild der Schuldenbremse. Entscheidend ist nicht, wieviel Personal für gute Bildung tatsächlich benötigt wird, sondern was die Bundesländer für Lehrkräfte auszugeben bereit sind.

„An den Hochschulen wurde die Lehrkräftebildung kaputtgespart.“

Aber selbst in dieser unzulänglichen KMK-Prognose von 2013 wird festgehalten, dass zu viele junge Menschen auf das Lehramt an Gymnasien studierten. Für die anderen Schularten werde entweder eine halbwegs passende Anzahl von Bewerbern erwartet, nur in den „falschen“ Regionen oder insgesamt zu wenige Studierende. Mit anderen Worten: eine äußerst problematische Fehlsteuerung in der Lehrkräfteausbildung.

Das Versagen der Bundesländer zeigt sich nicht nur bei der Einstellung, sondern auch beim Angebot an Lehrkräften, für das die Bundesländer als Finanziers der Hochschulen ebenfalls verantwortlich sind. Die Zahl der Lehramtsabsolventinnen und -absolventen hat sich zwar seit Anfang der 1990er Jahre verdoppelt, hinkt aber der Nachfrage seit mehr als 15 Jahren hinterher. Erneut zeigen sich die Folgen der Schuldenbremse – und einer unverantwortlichen Bildungs-Kleinstaaterei. An den Hochschulen wurde die Lehrkräftebildung kaputtgespart. Dabei mangelt es nicht an Studierwilligen, das belegen die Zulassungsbeschränkungen für Lehramtsstudiengänge selbst in den „Mangelbereichen“ Grundschule und Förderschule. Vielerorts wurden auch im Vorbereitungsdienst Stellen abgebaut. Die Länder setzten darauf, dass die anderen schon genügend ausbilden würden. In den letzten Jahren haben alle Bundesländer außer Bayern mehr Lehrkräfte eingestellt als den Vorbereitungsdienst verlassen haben – in Berlin, Sachsen und Sachsen-Anhalt sogar mehr als doppelt so viele.

Immer mehr Schülerinnen und Schüler

Wie brisant die aktualisierten Schülerinnen- und Schülerzahlen sind, macht eine im Sommer vorgelegte Studie der Bertelsmann Stiftung deutlich: Diese rechnet bis 2025 mit über einer Million mehr Schülerinnen und Schüler als die KMK bei ihrer letzten Prognose. Wie sich diese verteilen und wozu das führt, erläutert der Bildungsforscher Klaus Klemm eindrücklich in seinem Gastkommentar in der Novemberausgabe der „E&W“.

Die bundesweiten Zahlen verdecken zudem die dramatischen Bevölkerungsbewegungen innerhalb Deutschlands: Städtische Ballungsräume wachsen stark, ländliche Regionen verzeichnen beachtlichen Bevölkerungsschwund. Auf dem Land muss dafür gekämpft werden, dass Schulen in schrumpfenden Gebieten nicht geschlossen werden. In den Ballungsräumen fehlen Schulgebäude und Lehrkräfte, zudem erfordern die sozialen Probleme Antworten, die nur mit zusätzlichem Personal zu bewältigen sind.

„Auch an Kunst- und Musiklehrkräften mangelt es seit Jahrzehnten.“

Ebenso wenig wurden strukturelle Facetten des Lehrkräftemangels angegangen, über die Expertinnen und Experten seit Jahrzehnten diskutieren. So gelten die MINT-Fächer (Mathe, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) seit langem als Mangelfächer. Die KMK beschloss zwar bereits 2009 „Empfehlungen zur Stärkung der mathematisch-naturwissenschaftlichen Bildung“ und stellte 2011 „Aktivitäten der Länder zur Stärkung der mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Bildung“ zusammen. Die bessere Studierbarkeit der MINT-Lehramtsstudiengänge ist darin allerdings kein Thema. Dabei ist bekannt, dass Studierende dieser Fächer die Bedingungen als problematisch empfinden: In den Fachwissenschaften wird das volle Programm auf höchstem Abstraktionsniveau abverlangt, die Bildungswissenschaften kommen noch oben drauf. Doch ausgerechnet zu den Lehramtsstudiengängen gibt es in der aktuellen Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung zum Studienabbruch keine Zahlen.

Auch an Kunst- und Musiklehrkräften mangelt es seit Jahrzehnten. Die KMK hielt 1998 in einem Bericht zur Situation des Musikunterrichts fest: „In nahezu allen Ländern fehlen qualifizierte Musiklehrer.“ Vierzehn Jahre später, Ende 2012, appellierte sie an die Kunst- und Musikhochschulen: „Die Anforderungen der Aufnahmeprüfung sollten (…) stärker an die Anforderungen des Musik- und Kunstlehrerberufs angepasst (…) werden.“ Getan hat sich seither nichts. Die Kunst- und Musikhochschulen, die wegen des häufigen Einzelunterrichts vergleichsweise „teuer“ sind, bieten aufgrund der von den Ländern verfügten Sparzwänge nach wie vor zu wenige Studienplätze an, um auch nur die absehbar ausscheidenden Lehrkräfte ersetzen zu können. Die Schwarze Null lässt grüßen.

Was jetzt zu tun wäre

Nachdem die Bundesländer den absehbaren Generationenwechsel schon verschlafen haben, wirken die Maßnahmen, mit denen jetzt reagiert wird, fast schon hilflos. Etwa wenn Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen – mit mäßigem Erfolg – versuchen, mit dem Mittel der Verbeamtung Lehrkräfte anzulocken, die sie nicht selbst ausgebildet haben. Wer dazu nicht bereit ist, wie Berlin und Sachsen, ist im Wettbewerbsföderalismus der Verlierer. So tritt in Berlin – dem Land mit den meisten Seiteneinsteigerinnen und -einsteigern – nur jeder/jede zweite der hier ausgebildeten Lehramtsmasterabsolventinnen und -absolventen auch den Vorbereitungsdienst in der Hauptstadt an. Vor diesem Hintergrund wirkt es ebenso hilflos, wenn die KMK in ihrer Pressemitteilung vom 12. Oktober 2017 zum Thema Lehrkräftemangel die „Zusammenarbeit der Länder“ beschwört, „Möglichkeiten länderübergreifender Werbeaktionen“ berät und „länderspezifische Konzepte zur Gewinnung von Lehrkräften“ austauscht.

Auf der anderen Seite geraten zurzeit Dinge in Bewegung, die die GEW seit Jahrzehnten vergeblich gefordert hatte. Es gelang in drei Ländern – Berlin, Brandenburg und jüngst Nordrhein-Westfalen – den einst ehernen Grundsatz „Kleine Kinder – Kleines Gehalt“ aufzubrechen: Nach neuem Recht ausgebildete Grundschullehrkräfte sollen künftig nach A13 besoldet bzw. als Angestellte nach E13 eingruppiert werden. Ohne den langen Atem der GEW wäre das nicht möglich geworden – aber auch nicht ohne den eklatanten Mangel an Grundschullehrkräften. Die GEW wird nicht ruhen, ehe auch die anderen Bundesländer nachziehen.

Gleiches Geld für gleiche Arbeit

Eine weitere langjährige GEW-Forderung eignet sich ebenfalls, um dem Lehrkräftemangel entgegenzuwirken: Anstatt wie derzeit zu viele Gymnasiallehrkräfte und zu wenige Lehrkräfte für andere Schulformen auszubilden, sollten durch Stufenlehrämter Durchlässigkeit hergestellt und alle Lehrkräfte gleich (gut) bezahlt werden. Gymnasiallehrkräfte „schulformfremd“ einzusetzen und dort besser zu bezahlen als ihre Kolleginnen und Kollegen, wie es heute in einigen Ländern Praxis ist – besser kann man nicht vorführen, wie überholt das laufbahnrechtliche Klassendenken ist!

Auch das tarifliche Eingruppierungsrecht stößt zurzeit an seine Grenzen: Je dringender die sogenannten Seiteneinsteigerinnen und -einsteiger benötigt werden, desto mehr beißt sich das mit dem im „Tarifvertrag über die Eingruppierung und die Entgeltordnung für die Lehrkräfte der Länder“ (TV EntgO-L) verankerten Prinzip, Menschen mit unvollständiger Lehramtsausbildung lebenslang schlechter einzugruppieren. Die GEW setzt sich darum für einen Qualifizierungsanspruch ein, der diesen Lehrkräften das Recht auf Höhergruppierung sichert. Denn auch diese Kolleginnen und Kollegen sollen nach Jahren der Bewährung im Job gleiches Geld für gleiche Arbeit bekommen.

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