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Hintergrund: Zahlen zum Lehrkräftemangel

03.11.2017 - Gesa Bruno-Latocha, Referentin im Arbeitsbereich Tarif- und Beamtenpolitik

Die GEW Berlin meldet, dass 41 Prozent der neueingestellten Lehrkräfte Quereinsteigerinnen und -einsteiger seien. In Sachsen sind es 52 Prozent, an den Grundschulen sogar 66 Prozent. Für die GEW ist dies „dramatisch“.

Wer heute Lehrkräftemangel googelt, findet jede Menge plakativer Zahlen zum Lehrkräftemangel. In der Novemberausgabe der „E&W“ gibt es deutlich weniger Daten. Wieso? Wissen die Journalistinnen und Journalisten mehr als die GEW? Nein, denn gerade weil wir die Bildungsgewerkschaft sind, geben wir uns nicht mit einfachen Antworten zufrieden. Wir wissen, dass die Welt komplexer ist.

Wenn Menschen hören, es fehlten 1.000 Lehrkräfte, stellen sich viele vor, es gibt jetzt 1.000 Schulklassen ohne Lehrerinnen und Lehrer. In Wirklichkeit werden dann jedoch häufig Vertretungskräfte eingestellt. Der Kultusminister wird dann sagen: Der Unterricht sei voll abgedeckt. Ziel: Die Menschen sollen denken, es sei alles in Ordnung. Ist es aber nicht, weil die Qualifikation der Vertretungen oft ungenügend ist. Der Kultusminister könnte aber auch sagen, 1.000 Stellen seien ausgeschrieben worden, konnten aber nicht besetzt werden. Zumindest nicht mit voll ausgebildeten Lehrkräften. Also arbeiten vielleicht auf einem Teil dieser Stellen Quer- und Seiteneinsteiger.

Zwischen „Es steht niemand vor der Klasse“ und „Wir stellen nur voll ausgebildete Lehrkräfte mit dem richtigen zweiten Staatsexamen ein“ existiert eine weite Grauzone. Wen zähle ich noch mit? Die Lehrerin mit Staatsexamen in der falschen Schulart? Den Seiteneinsteiger, der parallel ein zweites Fach studiert? Die Romanistin, die lange in der Jugendarbeit tätig war und jetzt Französisch unterrichtet? Die pensionierte Kollegin, die nun stundenweise arbeitet?

„Als dramatisch muss man die Lage in Berlin und Sachsen ansehen.“

Es gibt Zahlen, die sich als Indikator für Lehrkräftemangel eignen, etwa: Wie hoch ist die Zahl der Seiteneinsteiger in den Schuldienst? Wie viele Planstellen, konnten nicht mit voll ausgebildeten Lehrkräften besetzt werden? Das sind verwaltungsinterne Zahlen, die schwierig zu bekommen sind. Die GEW hat über ihre starke Vertretung in den Personalräten viele Einblicke in die Einstellungsverfahren, muss aber mit diesem Wissen sensibel umgehen.

Als dramatisch muss man die Lage in Berlin und Sachsen ansehen. Die GEW Berlin meldet, dass 41 Prozent der Neueinstellungen Quereinsteigerinnen und -einsteiger seien. Die GEW Sachsen meldet 52 Prozent Seiteneinsteigerinnen und -einsteiger, an den Grundschulen sogar 66 Prozent. Auch im Süden und Westen ist die Lage nicht einfach: Die GEW Baden-Württemberg meldete zum Schuljahresbeginn an Grundschulen ein Drittel unbesetzte Stellen. In NRW spricht die Schulministerin zum Schuljahresbeginn 2017 von gut 2.100 unbesetzten Stellen, davon knapp 400 im Besetzungsverfahren. Doch solche Zahlen sind immer nur Momentaufnahmen. Besonders unklar ist das Bild dort, wo die Einstellungen dezentral vorgenommen werden. Die genaue Zahl der Einstellungen steht immer erst deutlich später fest, wenn das Thema Lehrkräfteversorgung wieder aus den Schlagzeilen verschwunden ist.

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