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Geschlechtersensible Berufsorientierung – ein Balanceakt

24.04.2017

Geschlechterstereotype bestimmen die Berufswahl Mädchen und Jungen. Wie eine gendersensible Berufsorientierung dieses einschränkende Berufswahlverhalten verändern kann, erläutert Prof. Dr. Hannelore Faulstich-Wieland.

Es gibt rund 300 Ausbildungsberufe und über 18.000 Studiengänge, dennoch wählen junge Frauen und Männer meist aus einem engen Spektrum geschlechtstypischer Berufe aus. Woran liegt das?

Berufswahl ist ein Prozess, der sehr früh beginnt − erst zu Hause, dann im Kindergarten, später in der Schule. Die Frage ist, welche Geschlechterbilder werden vermittelt, was wird gelobt, sanktioniert, was gefördert, was untersagt. Die Geschlechtersozialisation wird durch Rollenvorbilder und geschlechterstereotype Erwartungen der Eltern geprägt. Mit diesem Verständnis kommen Kinder in die Schule. Wenn Berufsorientierung sich mit dem nicht auseinandersetzt, ist es schwierig etwas zu bewegen.

Wie kann Schule dem entgegen wirken?

Zurzeit ist es so, dass in der Schule oft nur wenige Berufe besprochen werden und die Auseinandersetzung mit Berufen erfolgt eher zufällig zum Beispiel mit einem Berufe-ABC oder ähnlichem. Es fehlt eine systematische gendersensible Berufsorientierung, die Berufe nach Anforderungen und notwendigen Kompetenzen bündelt. Zum einen müsste eine möglichst große Auswahl an Berufen angeboten werden – und zwar ohne sofort in „Männer- oder Frauenberufe“ zu unterscheiden − denn Berufe werden zum Teil nur aus diesem Grund sofort ausgeschlossen. Darüber hinaus bräuchten wir Lehrkräfte, die das Thema sich zu Eigen machen und über eine bestimmte Genderkompetenz verfügen.

Wie kann ich Genderkompetenz erwerben?

Genderkompetenz bedeutet, dass ich über das Thema Geschlecht und Berufsorientierung viel wissen muss und auch meine eigene Einstellung zu dem Thema reflektiert habe. Dazu brauche ich Hintergrundinformationen zur Geschlechtersegregation in Bildung und Beruf, zu Geschlechtersozialisation und Berufswahltheorien, aber auch zu Geschlechtswechseln von Berufen, zum Bespiel im historischen Kontext. In einem nächsten Schritt muss dieses Wissen in die praktische Tätigkeit übertragen werden. Gerade die Thematisierung von Geschlecht ist nicht leicht, da muss eine gute Balance gefunden werden zwischen Dramatisierung und Entdramatisierung des Geschlechts.

Wie kann das in der Praxis gelingen?

Das bedeutet, nicht alles darf unter der Genderbrille betrachtet werden, denn damit verstärke ich die „typischen“ Zuschreibungen und reproduziere Geschlecht. Eine Entdramatisierung darf andererseits nicht bedeuten, Geschlecht für irrelevant zu halten. Eine gute Balance zu finden heißt z.B., als Lehrkraft die Bedeutung von Geschlecht zu erkennen, in der praktischen Arbeit diese aber nicht sofort in den Vordergrund zu rücken. Wenn man erkennt, dass Schülerinnen sich zurückhalten, weil es um ein den Jungen zugeschriebenes Verhalten geht, dann sollte man z.B. nicht auffordern, dass sich „nun auch mal die Mädchen“ beteiligen sollten. Andere Kategorien könnten genutzt werden oder einzelne Schülerinnen direkt angesprochen werden.

Wie kann eine gendersensible Berufsorientierung gelingen?

Ganz wichtig ist die reflexive Ebene, das heißt zu schauen, welche Bedeutung hat das Geschlecht in der Berufsorientierung. Es ist wichtig, deutlich zu machen, dass es Männer- und Frauenberufe nur auf der quantitativen Ebene gibt. Das bedeutet, dass es Zuschreibungen sind und dieser Einteilung keine natürliche Differenz von Frauen und Männern zugrunde liegt, sondern soziale Konstruktionen und gesellschaftliche Übereinkünfte. Das wird leider oft anders verstanden und interpretiert in der Hinsicht, als wären Frauen oder Männer dafür besonders gut geeignet. Grundsätzlich gilt es, Zuschreibungen zu erkennen und zu bearbeiten. Das führt zu Irritationen, die zum Nachdenken und Reflektieren anregen. Irritationen hervorzurufen und aufzuzeigen, wie Stereotypisierung und Geschlechtszuweisungen funktionieren, scheint mir ein guter Weg zu sein.

Welche Unterstützung bietet die von Ihnen entwickelte Handreichung für Lehrkräfte?

Die Handreichung bietet fundiertes Wissen über das geschlechtsspezifische Berufswahlverhalten, Hintergründe und Ursachen. In die Handreichung fließen Ergebnisse des Projekts „Berufsorientierung und Geschlecht“ ein, die praxisnah für Lehrkräfte und andere in der Berufsorientierung tätige Personen und Multiplikator_innen in der Lehrkräftefortbildung aufbereitet wurden. Es gibt Materialien, die für eine gendersensible Berufsorientierung im Unterricht genutzt werden können. Die Handreichung soll interessierten Lehrkräften somit Material bieten für ihren eigenen Reflexionsprozess wie auch für die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern.

Das Interview führte Britta Jagusch.

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