Sie sind hier:

Digitalisierung gestalten

22.02.2017

Digitalisierung ist mehr als Industrie 4.0. Die Auswirkungen auf Berufe und Branchen sind unterschiedlich. Fragen zu Chancen und Risiken für Frauen und Gestaltungsmöglichkeiten für eine Gute Arbeit der Zukunft beantwortet Christina Schildmann.

Die Digitalisierung der Arbeitswelt ist das Thema der Zukunft, welche Veränderungen kommen da auf uns zu?

Schildmann: Die Veränderungen sind im Grunde schon da und die Auswirkungen sind unterschiedlich. Bei den Dienstleistungen, zum Beispiel in der Reisebranche, wird der Service vor Ort von online-Angeboten abgelöst, hier verändern sich ganze Berufsfelder. Im Medienbereich gab es große Veränderungen was die Beschäftigungsverhältnisse angehen, hin zu mehr Freiberuflichkeit. Beim Handel vollzieht sich durch e-commerce ein Wandel der Vertriebsstrukturen, bei Banken und Versicherungen werden große Umbrüche erwartet. Immer schlauere und leistungsfähigere Rechner ersetzen Menschen. Schon heute bewerten Computerprogramme, ob ein Mensch kreditwürdig ist. In der Fertigung sind durch Automatisierungsprozesse bereits viele Arbeitsplätze weggefallen. In manchen Bereichen gibt es dagegen eine Aufwertung durch höhere Anforderungen an die Qualifikation, diese Berufe erhalten ein „Upgrading“ und werden anspruchsvoller. Bei anderen Jobs machen sich Abwertungstendenzen bemerkbar, zum Beispiel, wenn Aufgaben von Maschinen überwacht werden und die eigene Arbeit dann nur noch aus kurzen und monoton-wiederkehrenden Abläufen besteht. Allerdings wird in der Regel immer auf Industrie 4.0 geschaut und wir blenden aus, dass die Digitalisierung die Bildungs- und Dienstleistungsbranchen schon längst erreicht hat. Also die Bereiche, in denen Frauen überproportional tätig sind.

Was bedeutet dieser Trend der Digitalisierung für Frauen am Arbeitsmarkt?

Schildmann: Wenn wir auf die Entwicklung der Arbeitswelt blicken, kann man grundsätzlich von einer Feminierung des Arbeitsmarktes sprechen, das heißt: es wird nicht nur eine Zunahme von berufstätigen Frauen geben – schon heute sind 71,5 Prozent der Frauen in Deutschland erwerbstätig –, sondern auch typische frauenspezifische Tätigkeiten und Berufe werden anwachsen. Der Bedarf wird insbesondere in den Bereichen Gesundheit, Erziehung, Bildung und Pflege enorm ansteigen. Hier wird es in Zukunft den größten Fachkräftemangel geben - in der Pflege gibt es ihn bereits, mehr als zum Beispiel in technischen Berufen. Andererseits wird es massive Einbrüche im Büro- und Verwaltungsbereich geben, hier werden viele Tätigkeiten vom Computer übernommen. Auch in den Fertigungsberufen, besonders in den niedrigeren Lohngruppen sind Frauen beschäftigt, hier wird bis 2030 eine Abnahme der Beschäftigten um 3,2 Prozentpunkte erwartet (auf nur noch einen Anteil von 19 Prozent des Arbeitsmarktes). Eine Zunahme gibt es in den qualifizierten MINT-Berufen, also in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Im dualen Ausbildungssystem und den höheren Verdienstgruppen sind Frauen jedoch kaum vertreten.

Welche Chancen und Risiken sehen Sie in den zukünftigen Entwicklungen des Bildungs- und Dienstleistungsbereichs?

Schildmann: Gerade der Bildungsbereich wächst enorm, insbesondere durch die erhöhten Anforderungen im Zuge der Digitalisierung und durch Migration. Weiterbildung und frühkindliche Bildung werden wichtiger werden. Hier muss die erhöhte Nachfrage auch zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der Bezahlung führen. Insbesondere in den Bereichen, in denen prekäre Beschäftigungsverhältnisse vorherrschen. Leider ist dies kein Selbstläufer, dafür müssen sich insbesondere Politik und Sozialpartner stark machen. Es geht unter anderem darum, den volkswirtschaftlichen Nutzen der Sorge- und Bildungsarbeit abzubilden: Sorge- und Bildungsarbeit ist kein Konsum, sondern Investition.

Sie leiten das wissenschaftliche Sekretariat der Kommission „Arbeit der Zukunft“, welche Aufgabe/welchen Auftrag hat die Kommission?

Schildmann: Die Kommission hat den Auftrag, die zentralen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt in den nächsten zehn bis 15 Jahren aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten: den demografischen Wandel, die Digitalisierung, die Feminisierung der Arbeitswelt und den Wandel der Werte. Im zweiten Schritt werden Vorschläge entwickelt, welche Strukturen und Gestaltungswege benötigt werden, damit die Arbeit der Zukunft auch eine Gute Arbeit ist. Eine Frage ist hier zum Beispiel: Wie kann die – erwartete – Digitalisierungsdividende so genutzt werden, dass sie zu mehr Arbeitszeitsouveränität für möglichst viele führt?

Bringt der Wandel der Arbeitswelt auch einen Wandel im Verhältnis der Geschlechter mit sich – zum Beispiel im Bereich Vereinbarkeit?

Schildmann: Nicht per se. So hat eine Studie zum mobilen Arbeiten gezeigt, wie sich die Arbeit im Homeoffice unterschiedlich auf Frauen und Männer auswirkt. Mit dem Ergebnis: Männer haben beruflich davon profitiert, Frauen nicht. Warum? Männer nutzten das Arrangement, um im Job mehr zu leisten, Frauen, um sich neben der Arbeit um die Familie zu kümmern – also aus Vereinbarkeitsgründen. Beide Gruppen verhalten sich im Grunde „rollenkonform“. Das heißt: Hier müssen Rollenbilder in Bewegung kommen. Das ist auch eine Führungsaufgabe. Die Digitalisierung und neue Technik allein bringt nicht mehr Geschlechtergerechtigkeit.

Kurz vor dem Equal Pay Day rückt das Thema Entgeltgleichheit in den Blick – welche Chancen sehen Sie, dass der Gender Gap kleiner wird?

Schildmann: Zum einen ist es dringend erforderlich, dass dieser scheinbar unüberwindbare Graben zwischen Frauen- und Männerberufen endlich überwunden wird, das muss sich mehr mischen. Und das fängt schon bei der Berufsorientierung an. Hier gibt es immer noch viel zu viele veraltete Bilder und Rollenklischees, gerade im dualen System. Mädchen und junge Frauen müssen viel besser auf die Möglichkeiten in allen Bereichen vorbereitet werden. Darüber hinaus muss deutlich werden, dass Dienstleistung, Sorge- und Pflegearbeit nicht entkoppelt von industrieller Herstellung gesehen werden können, das eine ist ohne das andere nicht möglich. Hier geht es darum, die erhöhte Nachfrage nach diesen sozialen Dienstleistungen auch mit einer Aufwertung der Berufe zu verbinden und damit auch mit einer besseren Entlohnung. Das Wichtigste jedoch ist, dass die Digitalisierung gestaltet werden muss. Wenn wir politisch und sozialpartnerschaftlich diese Entwicklung nicht begleiten, wird die Polarisierung zunehmen.

Das Interview führte Britta Jagusch.

 

Christina Schildmann leitet das wissenschaftliche Sekretariat der Kommission „Arbeit der Zukunft“ in der Hans-Böckler-Stiftung.

Zurück