Sie sind hier:

Bildungsgipfel in Edinburgh

05.04.2017 - Barbara Geier

Schottland war Ende März Gastgeber des ISTP, einer internationalen Konferenz von Bildungsministern und Gewerkschaften aus OECD-Staaten, an der auch eine Delegation der GEW unter Leitung der Vorsitzenden Marlis Tepe teilnahm.

"Lehrkräfte stärken und befähigen, um größere Chancengerechtigkeit und bessere Ergebnisse für alle zu erreichen“ war der Titel des siebten internationalen Gipfels zum Lehrkräfteberuf (ISTP = International Summit on the Teaching Profession), zu dem sich Bildungsexperten aus 17 OECD Ländern vom 29.-31.März 2017 in der schottischen Hauptstadt Edinburgh trafen. Der ISTP wurde 2011 in New York mit Unterstützung der Obama-Regierung ins Leben gerufen. 

Bildungsgipfel ohne US-Bildungsministerin

Seitdem treffen sich jedes Jahr Wissenschaftler des OECD-Bildungsberichts, Vertreter*innen der Bildungsinternationale und Länderdelegationen bestehend aus einer Bildungsministerin oder einem Bildungsminister sowie Vertreter*innen von zwei Bildungsgewerkschaften und einer Lehrkraft zu einem internationalen Dialog zu Bildungsthemen. Die Schwierigkeit, die in dieser Vorgabe steckt, wurde in Edinburgh überdeutlich. So durften die beiden großen US-Lehrergewerkschaften AFT und NEA diesmal nur als Beobachter*innen, aber nicht als offizielle Delegation teilnehmen, da die von Präsident Trump eingesetzte neue US-Bildungsministerin Betsy deVos ihre Teilnahme am ISTP für unwichtig hielt. Bei Staaten ohne nationales Bildungssystem wie Kanada, Großbritannien oder Deutschland muss das Land darüber entscheiden, welches Provinz- oder Landesministerium die nationale Delegation leitet. Für Deutschland war dies der Bildungsminister von Sachsen-Anhalt, Marco Tullner, der von KMK-Generalsekretär Udo Michallik begleitet wurde. GEW und VBE waren durch ihre Vorsitzenden Marlis Tepe und Udo Beckmann sowie sechs bzw. zwei weiteren Personen in der deutschen Delegation vertreten.

Schulbesuche in Edinburgh

Nach dem großen Interesse an den Schulbesuchen in Berliner Willkommensklassen im Vorprogramm des ISTP 2016 in Deutschland, boten die Gastgeber in Edinburgh einen beeindruckenden Einblick in das schottische Schulwesen von der Bun-Sgoil Tadh na Pairce Grundschule mit Gaelic als Unterrichtssprache bis zur Craigroyston Community High School, in der 70% der Schüler*innen aus Familien kommen, die Sozialhilfe erhalten. Die schottische Regierung fördert gezielt Schulen in sozialen Brennpunkten. Für ihre 500 Schüler*innen erhält die Craigroyston Schule daher 150.000 britische Pfund von der Regierung und noch einmal 130.000 britische Pfund zusätzlich. Wie die internationalen Gäste des ISTP vom Leitungsteam der Craigroyston Schule bei ihrem Besuch erfahren und später auch von John Swinney, dem Bildungsminister und stellvertretenden Ministerpräsidenten Schottlands, hören konnten, setzt Schottland den Schwerpunkt im Bildungswesen auf die Qualifizierung der Schüler*innen für den Arbeitsmarkt. So wurde die Zahl der Schulabbrecher*innen verringert, in Craigroyston von 23 auf 3, und die Stellenvermittlung durch eine enge Kooperation mit örtlichen Arbeitgebern mehr als verdoppelt. Die Schulen stehen untereinander im Austausch, nicht in Konkurrenz. Das Problem sei nicht die materielle Armut, sondern die Armut an Hoffnung in die Zukunft. Schüler*innen, die einen Universitätszugang erreicht haben, werden im ersten Jahr ihres für alle Schotten kostenfreien Studiums von einer Lehrerin oder einem Lehrer ihrer alten Schule weiter betreut. Politisches Ziel ist es, von Sozialhilfe Abhängige in die gesellschaftliche Teilhabe zu bringen.

Unterschiedliche Bildungssysteme

Keine schottische Lehrkraft hat mehr als 22 1/2 Stunden Unterrichtsverpflichtung. Die Wochenarbeitszeit beträgt 35 Stunden. Schottland lehnt auch die in England ausufernde Testerei ab, möchte Bürokratie abbauen und vertraut auf das Urteil seiner 'teaching professionals'. Schon daran erkennt man den Unterschied zwischen Schottland und England, dessen Bildungsminister Nick Gibb Privatisierungen im englischen Schulwesen als Ausdruck demokratischer Elternentscheidung propagiert und als Kriterium für schulischen Erfolg die Studienzulassung sieht. Die Testerei in England macht aus Lehrer*innen Zuliefer*innen der Testindustrie und anerkennt sie nicht als 'teaching professionals'. Lehrer*innenmangel und die nur gut vierjährige durchschnittliche Verweildauer im Beruf sind ein alarmierendes Zeichen. Eigentlich hätten schon die Steilvorlagen dieser beiden autonomen Bildungssysteme innerhalb ein und desselben Staates als Diskussionsgrundlage für das Konferenzthema ausgereicht. Doch während des zweitägigen ISTP ging es nicht nur um die Bildungssysteme des Gastgeberlands. Die Teilnehmer*innen des ISTP hörten viele Erfahrungsberichte, etwa aus dem OECD-Vorzeigeland Singapur, oder aus Portugal, dessen Bildungswesen aufgrund der Austeritätspolitik überlebensbedrohliche Kürzungen bei Lehrer*innengehältern und Investitionen überstehen muss, oder aus Estland mit seinen großartigen PISA-Ergebnissen. Bezüglich der Situation in Deutschland wies die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe darauf hin, dass der Bildungserfolg von Schulkindern noch immer stark von ihrer sozialen Herkunft abhängig sei.

Test auf die Haltbarkeit demokratischer Systeme

Andreas Schleicher, Direktor für Bildung in der OECD und verantwortlich für die PISA-Studien, betonte zum Einen, dass Fortschritt und Erfolg im Bildungswesen nur im Dialog mit Regierung und Gewerkschaften als Sozialpartnern erreicht werden kann, zum Anderen , dass Unterricht dort am erfolgreichsten ist, wo Lehrer*innen die höchste Autonomie und Möglichkeit der Kooperation gegeben ist. Schleicher wies aber auch auf eine große Herausforderung und Anfrage an unsere Bildungssysteme hin: die meisten Jugendlichen, die in westlichen Ländern aufgewachsen und zum Islamischen Staat übergetreten sind, haben eine ganz normale staatliche Erziehung genossen. Fred van Leeuwen, Generalsekretär der Bildungsinternationale, die rund 400 Bildungsgewerkschaften mit mehr als 30 Millionen Mitgliedern weltweit vertritt, wies darauf hin, dass die gegenwärtigen vielen Krisen ein Test auf die Haltbarkeit unserer demokratischen Systeme seien. "Lehrer*innen sind der Leim, der unsere Gesellschaften zusammenhält. Dies zu stärken ist das Ziel unserer Konferenz", so van Leeuwen zu den Delegierten aus Regierungen und Gewerkschaften. John Bangs, wissenschaftlicher Berater der Bildungsinternationale, riet dazu, bei den schweren Turbulenzen unserer Zeit die Sicherheitsgurte fest anzuschnallen: „Wir sind gefordert, uns eine neue systemische Strategie zu überlegen, um die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung, besonders das Bildungsziel 4, bis zum Jahr 2030 zu erreichen.“ Zur Tradition des ISTP gehört es, dass die nationalen Delegationen sich zum Abschluss auf gemeinsame Ziele verständigen, an deren Umsetzung sie im Laufe des kommenden Jahres arbeiten wollen. Die deutsche Delegation entschied sich dabei für folgende drei Themen:

·         Lehrkräfte im Umgang mit Vielfältigkeit im Klassenraum stärken

·         Anwendungsbezogenes Wissen für Politik und pädagogische Praxis

·         Fortgesetzter Dialog zwischen KMK und Gewerkschaften

Zurück