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1. Follow-up-Kongress zum Templiner Manifest

09.02.2011

Zum 1. Follow-up-Kongress am 21. Januar 2011 in Berlin konnte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft mehr als 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer begrüßen. Vier Monate nach der Verabschiedung des Templiner Manifests auf der 4. GEW-Wissenschaftskonferenz vom 1. bis 4. September 2010 in Templin (Brandenburg) diskutierte die Bildungsgewerkschaft GEW gemeinsam mit Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern aus ganz Deutschland die Perspektiven der Umsetzung der zehn Eckpunkte des Templiner Manifests für die Reform von Personalstruktur und Berufswegen in Hochschule und Forschung. Der Kongress stand unter dem Motto: „Gute Forschung und Lehre – gute Arbeit: zwei Seiten einer Medaille“.

Fotos: Kay Herschelmann

In seiner Eröffnungsrede stellte Andreas Keller, Leiter des Vorstandsbereichs Hochschule und Forschung beim GEW-Hauptvorstand, die Forderungen des Templiner Manifests vor - die Antwort der Bildungsgewerkschaft auf die Strukturdefizite der Karrierewege in Hochschule und Forschung. Von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern werde immer mehr verlangt, angemessene Beschäftigungsbedingungen und Berufsperspektiven würden ihnen vorenthalten. Auf einen wissenschaftlichen Angestellten mit einem unbefristeten Beschäftigungsverhältnis kommen heute sieben Kolleginnen und Kollegen mit einem Zeitvertrag. Dieses völlig aus dem Lot geratene Verhältnis wurde beim Kongress durch acht Pappfiguren in Lebensgröße veranschaulicht. Die GEW fordert daher eine "Entfristungsoffensive": Daueraufgaben der Hochschulen und Forschungseinrichtungen müssen auf Dauerstellen erledigt werden - im Interesse der Qualität und Kontinuität von Forschung und Lehre, aber auch um jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine Berufsperspektive neben der Professur zu eröffnen.

Als 5.000. Unterzeichner des Templiner Manifests begrüßte Andreas Keller den Bürgermeister der Stadt Templin, Detlef Tabbert. Das Templiner Manifest wirke schon, erklärte er, und verwies auf die Bundestagsdebatte zum Thema am Vorabend, die die Fraktionen DIE LINKE und Bündnis 90/Die Grünen mit Anträgen zur Reform der Karrierewege in der Wissenschaft angestoßen haben. Andreas Kellers Fazit: Es muss sich was ändern, es kann sich was ändern - wenn wir uns ändern: die Bildungsgewerkschaft GEW, die eine Hochschuloffensive für die Interessen der Kolleginnen und Kollegen in Hochschule und Forschung startet, und die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst, die für ihre Interessen aktiv werden und sich organisieren sollten.

Silke Gülker vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (wzb) präsentierte die Ergebnisse ihrer im Auftrag der Max-Traeger-Stiftung erstellten Studie zum Personalbedarf an deutschen Hochschulen bis 2025, die die GEW unter dem Titel "Wissenschaftliches und künstlerisches Personal an Hochschulen: Stand und Zukunftsbedarf" herausgegeben hat. Die promovierte Politikwissenschaftlerin machte deutlich, dass sich ein nachhaltiger Einstellungsbedarf für die Hochschulen prognostizieren lässt, der auch nach dem erwarteten Rückgang des "Studierendenbergs" anhält. Sogar ohne die eigentlich notwendige und vom Wissenschaftsrat empfohlene Verbesserung des Betreuungsverhältnisses Lehrenden und Studierenden müssten bis 2025 bis zu 30.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eingestellt werden. Die Prognose belege, so Andreas Keller, dass es es einen enormen Spielraum für den Anschub der überfälligen Strukturreformen und für die von der GEW geforderte "Entfristungsoffensive" gebe.

Ilse Schaad, Leiterin des Vorstandsbereichs Angestellten- und Beamtenpolitik beim GEW-Hauptvorstand, berichtete über die bevorstehenden Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst der Länder, von denen die Beschäftigten an Hochschulen betroffen sind. Die GEW habe dafür gesorgt, dass die Gewerkschaften gegenüber den Arbeitgebern, der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) Forderungen vortragen wird, die im Templiner Manifest angesprochen werden. So werde die GEW auf die Vereinbarung der Tarifpartner zurückkommen, für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Befristung von Arbeitsverträgen zu sorgen. Außerdem setze sie sich für die Erweiterung des Geltungsbereichs des Länder-Tarifvertrages (TV-L) ein, von dem derzeit künstlerische Lehrkräfte sowie wissenschaftliche und studentische Hilfskräfte ausgenommen sind. Ilse Schaad machte deutlich, dass die besseren Argumente allein nicht helfen, sich in Tarifverhandlungen durchzusetzen. Letztlich sei entscheidend, wie viele Beschäftigten die Forderungen der Gewerkschaften unterstützen, durch ihre Mitgliedschaft, die Beteiligung an Protestaktionen und ggf. am Arbeitskampf.

Kolja Briedis und Nora Schindler vom HIS-Institut für Hochschulforschung in Hannover stellten die Ergebnisse ihrer Untersuchung "Traumjob Wissenschaft - Beschäftigungsbedingungen, berufliche Orientierungen und Kompetenzen des wissenschaftlichen Nachwuchses" vor, die sie im Dezember 2010 gemeinsam mit Steffen Jaksztat vorgelegt hatten. Die Wissenschaft habe eine hohe Attraktivität, wenn es um die inhaltlichen Möglichkeiten der Tätigkeit als Forscherin oder Forscher gehe. Gleichzeitig beklagten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler strukturelle Probleme, die Karriereplanbarkeit, die berufliche Sicherheit, die Gerechtigkeit von Personalentscheidungen sowie die Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf betreffen, so Kolja Briedis und Nora Schindler. Wasser auf die Mühlen des Templiner Manifests, in dessen Präambel es heißt: "Gute Lehre und Forschung auf der einen Seite sowie gute Arbeitsbedingungen und berufliche Perspektiven auf der anderen sind zwei Seiten einer Medaille."

Abschließend fand ein Gespräch mit Vertreterinnen und Vertretern der fünf Fraktionen des Deutschen Bundestages statt. Andreas Keller, der die Gesprächsrunde moderierte, wollte von den Abgeordneten wissen: Inwieweit kann die GEW, inwieweit können die 5.000 Unterzeichnerinnen und Unterzeichner des Templiner Manifests mit Unterstützung bei ihrer Forderung nach einer Reform von Personalstruktur und Berufswegen in der Wissenschaft rechnen? Dazu äußerten sich Stefan Kaufmann (CDU/CSU), Ernst-Dieter Rossmann (SPD), Martin Neumann (FDP), Petra Sitte (DIE LINKE) und Krista Sager (Bündnis 90/Die Grünen).

Die Zustimmung zum Templiner Manifest ist überraschend groß - fraktionsübergreifend. Die Vertreterinnen und der Vertreter der drei Oppositionsparteien unterstützen klar die Ziffer Zehn des Templiner Manifests - "Alle Beschäftigungsverhältnisse tarifvertraglich aushandeln" - und fordern die Streichung der Tarifsperre aus dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz, die derzeit den Tarifpartnern untersagt, eine sachgerechte Regelung der Befristungsfrage auszuhandeln. Überraschend sagten auch die Vertreter der Regierungsfraktion eine Prüfung der Tarifsperre zu. FDP-Vertreter Neumann erklärte am Ende Ziffer Zehn gar zu seiner persönlichen Lieblingsforderung des Templiner Manifests. Ernst-Dieter Rossmann konnte noch auf dem Podium als weiterer Unterzeichner des Templiner Manifests gewonnen werden. Krista Sager zögerte noch, holte dann aber 14 Tage später ihre Unterschrift nach. Petra Sitte gehört zu den Erstunterzeichnerinnen und Erstunterzeichnern des Templiner Manifest.

Insgesamt, so resümierte Andreas Keller, sei es mit dem Templiner Manifest gelungen, Schwung in die überfällige Debatte um die Reform der Karrierewege in der Hochschule zu bringen. Er lud die Zuhörerinnen und Zuhörer ein, an den zahlreichen dezentralen Informations- und Diskussionsveranstaltungen teilzunehmen, von denen allein in der auf den Kongress folgenden Woche fünf stattfanden. Und sich in den Landesverbänden der GEW sowie in der Iniativgruppe Templiner Manifest zu engagieren. "Nicht nachlassen, sondern nachlegen" - mit diesem Aufruf schloss Andreas Keller den Follow-up-Kongress

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