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05.11.2008

Zeitenwende auf dem Campus - Die Frankfurter Stiftungsuniversität polarisiert

Insbesondere Professoren der Johann Wolfgang Goethe-Universität sehen in der neuen Rechtsform der Hochschule eine große Chance: Die Uni soll nicht mehr länger Mittelmaß sein, sondern sich mit den besten Hochschulen messen können. Studierende und Beschäftigte kritisieren das Projekt scharf. Sie sehen eine Gefahr für die freie Wissenschaft.

Die Hochschulgruppe der Jusos fand deutliche Worte: „Ein Abzocker ist nicht genug – Honorarprofessur auch für Zumwinkel“, so der Text eines Transparentes, das Studierende im Senatssaal der Goethe-Uni aufgehängt hatten, um dagegen zu protestieren, dass Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann zum Professor ehrenhalber ernannt wird. Doch alle Mühen waren umsonst. Der Senat gab dem Antrag des Fachbereichs Wirtschaft statt.

Die Verleihung der akademischen Weihen an Ackermann ist aus Sicht der Studierenden der negative Höhepunkt einer Entwicklung, die viel mit der zum Jahresbeginn erfolgten Umwandlung der Hochschule in eine Stiftungsuniversität zu tun hat. Die Uni öffnet sich mehr und mehr der Wirtschaft, kritische Wissenschaft spielt nach Meinung vieler Studierenden kaum mehr eine Rolle, wichtig sind große Namen. Dabei könnte Ackermann höchstens in den Fächern „Schamlosigkeit und Bereicherung“ lehren, wie die Gegner der Berufung erklärten.

Hin zur „Elite and Excellenz“

Universitätspräsident Rudolf Steinberg kann mit dieser Kritik wenig anfangen. Sein erstes Fazit des Modells Stiftungsuniversität fällt durchweg positiv aus. Formal hat die Universität zwar nur ihre Rechtsform geändert. Sie ist nun Eigentümerin ihrer gesamten Liegenschaften und nicht mehr dem Land Hessen unterstellt. Doch für Steinberg bedeutete die Umwandlung der Goethe-Universität in eine Stiftungsuni weitaus mehr. Sie war der Aufbruch zur „neuen Universität“. Zu einer Universität, an der die Begriffe Elite und Exzellenz eine entscheidende Rolle spielen. Zu einer Universität, die eines Tages weltweit mit den berühmten Hochschulen konkurrieren kann.

Privat bezahlt

Ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts sind Stiftungsprofessuren. Von privater Seite, oft Unternehmen, gibt es Geld für einen Lehrstuhl. Dieses Modell funktionierte schon, bevor die Goethe-Universität Stiftungshochschule wurde, doch die Zahl der eingeworbenen Professuren ist in den vergangenen Monaten deutlich nach oben geklettert. Knapp 40 Professorinnen und Professoren werden derzeit privat bezahlt.

Grundsätzlich sei es durchaus legitim, dass die Universität versuche, Geld auch von privater Seite einzunehmen, sagt der Hochschulexperte der GEW, Andreas Keller: „Ein neues Steuerungsmodell wie die Stiftungsuni wäre dafür aber gar nicht nötig gewesen.” Studierende oder auch Beschäftigte hätten in der neuen Rechtsform an Einfluss verloren. Dafür seien Gremien wie der Hochschulrat gegründet worden, in denen vorwiegend Vertreter von Unternehmen sitzen. „Wie sich das auswirkt, müssen wir in den nächsten Jahren aufmerksam beobachten”, sagt Keller. Derweil kritisieren die Studierenden, die Universität mache sich von der Wirtschaft abhängig. Zumal sich die Befürchtung, dass die Freiheit von Forschung und Lehre in Gefahr gerät, bewahrheitet habe. Als Beispiel führen die Studierenden gerne eine Professur an, die der ob seiner Geschäftspraktiken hochgradig umstrittene Finanzinvestor 3i* gestiftet hat. Mit dem Geld von 3i soll die Universität die Folgen des Private Equity** untersuchen. Genau das aber ist das ureigene Betätigungsfeld von 3i.

Rudolf Steinberg sieht darin kein Problem. Die Stifter könnten höchstens vorgeben, worüber mit ihrem Geld geforscht werde. Auf die Besetzung der Professuren, die Methodik oder gar die Ergebnisse hätten sie keinen Einfluss. „Es hat niemand ein Interesse an Auftragsforschung – auch die Stifter nicht“, sagt Steinberg.

Beschäftigte enttäuscht

Auch bei den Beschäftigten der Hochschule fällt das Fazit nach zehn Monaten Stiftungsuniversität durchwachsen aus. „Viele hatten sich mehr versprochen“, sagt Personalrat Alexander Rausch. Die Mitarbeiter hätten sich sehr über die neuen Job-Tickets gefreut – aber ansonsten? Bei der Bezahlung und den zu leistenden Arbeitsstunden gebe es immer noch Ungerechtigkeiten. Auch von den Verhandlungen über einen Haustarifvertrag seien viele enttäuscht. Zwar bekommen die Uni-Beschäftigten seit Anfang des Jahres drei Prozent mehr Lohn. Das ist aber nur die Gehaltserhöhung, die alle Landesbediensteten erhalten haben. In einer Universität, die an die Spitze der deutschen Hochschullandschaft will, hatten die meisten Beschäftigte auf einen größeren Gehaltssprung gehofft.

Dazu komme, dass die Universität nicht mehr allen offen stehe, kritisiert Rausch. Als eine der ersten Regelungen der Stiftungsuni hatten die verantwortlichen Gremien beschlossen: Bewerber, die statt des Abiturs nur eine Fachhochschulreife haben, dürfen, anders als an allen anderen hessischen Hochschulen, in Frankfurt nicht mehr studieren.

Präsident Steinberg wird die Geschicke der Uni bald anderen übergeben. Aus privaten Gründen tritt er Ende 2008 von seinem Amt zurück. In einer Pressemitteilung würdigte ihn die Hochschule bereits als „Architekten der Stiftungsuniversität“.

Georg Leppert, Redakteur
der „Frankfurter Rundschau“

* 3i Group (3i steht für Investors in Industries) ist ein Private-Equity-Unternehmen. Die Gruppe entstand 1946 als Arbeitsgemeinschaft britischer Banken, um in Industrien zu investieren und gilt als der
älteste noch aktive Finanzinvestor.
Neben Wachstums- und Infrastrukturfinanzierungen war 3i auch im Geschäftsfeld Risikokapital aktiv.
** Private Equity ist eine Kapitalunterstützung auf Zeit.

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