03.03.2010

„Zehnjährige können ganz schön laut sein“

Warum man sich als Lehrerin auf den Ruhestand freut.

An den Moment, als sie endgültig beschloss, so, jetzt ist Schluss, jetzt gehe ich aufs Altenteil, kann sich Ursula Horn noch gut erinnern. „Das war kurz nach Weihnachten, eine Grippe hatte mich für mehrere Wochen außer Gefecht gesetzt und auf den Rat von Kollegen ging ich drei Wochen zur Kur. Da merkte ich: Aha, so fühlt sich das also an, wenn man keinen Stress hat.“ Das sei ein schönes Gefühl gewesen, meint die Lehrerin rückblickend. „Als Lehrkraft ist man doch im Dauerstress, nie hat man das Gefühl, etwas zu Ende gebracht zu haben. Andere Berufsgruppen haben es da leichter.“

Diese Erkenntnis liegt jetzt schon mehr als ein Jahr zurück. Seit Herbst 2009 ist die 65-Jährige im Ruhestand. 40 Jahre hatte sie an einem Gymnasium in Nordbayern unterrichtet. „Alles in allem hat es Spaß gemacht“, resümiert sie im Rückblick, „selbst am Ende noch, als ich die körperliche Belastung immer mehr gespürt habe.“ Schwierig sei vor allem gewesen, nach einem Arbeitstag wieder zur Ruhe zu kommen, abzuschalten, zu entspannen. „Die Regenerationszeiten wurden deutlich länger“, berichtet die Pädagogin. Früher sei sie nach dem Unterricht nach Hause gefahren und habe sich gleich an die Korrekturen von Klassenarbeiten gemacht oder den nächsten Schultag vorbereitet. „In den letzten Jahren habe ich mich oft erst einmal hingelegt und ein Mittagsschläfchen gehalten, so kaputt war ich.“

Immer höhere Belastung

Verschärft wurde diese Problematik noch dadurch, dass der Freistaat Bayern seinen Lehrkräften in den vergangenen Jahren stärkere Belastungen zugemutet hat. „Die Klassenfrequenz an den Gymnasien ist gestiegen“, kritisiert Horn. „Und der Unterricht vor einer großen Klasse ist stressiger als der mit einer geringeren Schülerzahl.“ Ein anderes Beispiel: Weil jüngere Kollegen fehlten, musste sie als Ersatz einspringen und die Klassenfahrt einer „Fünften“ ins Schullandheim begleiten. „Das sollten besser die Jüngeren machen, denn hundert Zehnjährige können beim Mittagessen ganz schön laut sein“, erzählt sie. „Da habe ich mich schon gefragt, ob es nicht besser wäre, langsam kürzerzutreten.“

Die Möglichkeit, Altersteilzeit in Anspruch zu nehmen, wie das eine Reihe ihrer Kolleginnen und Kollegen getan haben, kam für sie nicht in Frage. „Ich musste wegen meiner drei Kinder immer wieder eine berufliche Auszeit nehmen, habe teilweise nur in Teilzeit gearbeitet, erst die letzten Jahre war ich voll im Beruf, ich habe die Vollzeitstelle für meine Pensionsansprüche gebraucht“, erklärt sie.

Der Abschied vom Berufsleben sei ihr nicht schwergefallen. „Ich habe doch gesehen, dass die jungen Kolleginnen und Kollegen vieles besser können als ich, weil sie etwa im Gegensatz zu mir den Umgang mit modernen Medien wie dem Internet locker beherrschten“, sagt die ehemalige Lehrerin.

Was nicht heißen soll, dass sich die Gymnasiallehrerin dem pädagogischen Nachwuchs generell unterlegen fühlte. Im Gegenteil: „Ich habe in den vergangenen Jahren von meiner ‚natürlichen Autorität‘ profitiert“, betont die agile Pensionärin. Nachlassende körperliche Fitness und psychische Belastbarkeit habe sie durch ihre Erfahrung wettgemacht. Als ältere Lehrkraft sei man in der Regel weniger nervös und trete souveräner auf.

Mit den früheren Kolleginnen und Kollegen trifft Ursula Horn sich noch ab und an, doch niemals in ihrer alten Schule. „Das Kapitel ist abgeschlossen.“

Jürgen Amendt, Redakteur
„Neues Deutschland“

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