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/ Jahrgang 2011
/ 02/2011
XERTIFIX – Siegel gegen KinderarbeitE&W: Warum denkt man unwillkürlich an Asterix und Obelix, wenn man den Namen XERTIFIX hört. Gibt es da eine Querverbindung?
Benjamin Pütter: Durchaus. Als wir einen Namen suchten, dachten wir auch an den kleinen Asterix, der gegen die übermächtigen Römer kämpft und seinen Freund Obelix, der Hinkelsteine herstellt, aber von Hand gemacht und ohne Kinderarbeit.
Bei unserem Siegel XERTIFIX geht es exakt um die Abschaffung von Kinderarbeit in indischen Steinbrüchen. Wir wollen ausbeuterische Kinderarbeit verhindern, die Kinder in den Tod treibt. Sie schuften bei 45 Grad und mehr in den Steinbrüchen. Umgeben von Staubwolken, denen sie bereits in jungen Jahren eine Staublunge verdanken. Mit jedem Lebensjahr wächst das Gewicht des Hammers, den sie schwingen müssen. Sie haben deshalb eine Lebenserwartung von nur 30 bis 35 Jahren. Jährlich sterben über 20 000 an schweren Unfällen.
E&W: Was unternimmt das Hilfswerk Misereor in Indien?
Pütter: Wir holen diese Kinder aus den Steinbrüchen. Aber nicht nur das. Wir bringen sie dort hin, wo sie hingehören und wo sie die Chance für eine bessere Zukunft bekommen: in die Schule. Gleichzeitig achten wir darauf, dass die Erwachsenen, die nun wieder einen Arbeitsplatz bekommen, einen staatlichen Mindestlohn erhalten.
E&W: Wie arbeitet XERTIFIX?
Pütter: Wenn ein deutscher Steinimporteur entscheidet, nur noch Steine zu kaufen, die frei von Kinderarbeit sind, wendet er sich an XERTIFIX. Er nennt uns seine indischen Handelspartner. Wir nehmen mit diesen Kontakt auf und eruieren, woher sie ihre Steine beziehen. Anschließend gehen unsere Inspekteure in die entsprechenden Steinbrüche und schauen nach, welche Arbeitsbedingungen dort herrschen.
E&W: Das heißt, der Kunde kann Einfluss darauf nehmen, ob saubere Steine nach Deutschland importiert werden oder nicht?
Pütter: Ganz genau. Die Entscheidung gegen Kinderarbeit fällt in Deutschland. Wenn der Endverbraucher sicher sein will, dass seine Angehörigen nicht unter einem Grabstein begraben werden, an dem Blut von Kinderhänden klebt, kann er bei seinem Auftrag darauf bestehen, nur einen „sauberen“ Stein zu nehmen. Vor allem, wenn dieser aus Indien kommt, sollte er darauf bestehen, dass er das einzige unabhängige Siegel, nämlich XERTIFIX, hat.
E&W: XERTIFIX siegelt nicht nur Grabsteine.
Pütter: Es geht grundsätzlich um Natursteine aus Indien, also auch um Pflastersteine, Garten- oder Küchenplatten aus Granit, die eventuell durch Kinderhände gefertigt wurden.
E&W: Das heißt auch, eine Kommune kann den Auftrag an XERTIFIX stellen, zu prüfen, ob saubere Steine verbaut werden?
Pütter: Genau das passiert bereits. Viele Kommunalverwaltungen haben das Problem längst erkannt. Das hat auch den Anfangserfolg von XERTIFIX ausgemacht, weil sofort Großaufträge herein kamen, die vor Ort in den Steinbrüchen Wirkung erzielt haben.
E&W: Wie funktioniert die Zertifizierung konkret?
Pütter: Jeder Stein hat einen „geologischen Fingerabdruck“, weil jeder Berg eine spezifische geologische Zusammensetzung hat. Diese erlaubt es uns, exakt zu bestimmen, in welchem Steinbruch der Stein gebrochen wurde und ob er unabhängig kontrolliert wird.
Das Verfahren ist einfach: Wir bekommen von den Steinmetzen bzw. den Importeuren, die das Siegel anfordern, die Auftragslisten, die sie an ihren indischen Exporteur schicken. Aufgrund der Listen, der georderten Tonnage und des geologischen Fingerabdrucks können wir den Auftrag verfolgen und die Lieferung letztlich zertifizieren.
Der Kunde erhält ein Zertifikat mit einer Nummer, die es ihm erlaubt, den Stein bis in den Steinbruch zurückzuverfolgen.
E&W: Um wie viel teurer sind gesiegelte Steine ?
Pütter: Natürlich sind gesiegelte Steine teurer, weil die Kontrollen bezahlt werden müssen. Der Aufschlag liegt durchschnittlich zwischen einem bis drei Prozent des Endpreises. Aber mit diesem minimalen Aufpreis haben wir Hunderte von Kindern aus Zwangs- und Sklavenarbeit in Steinbrüchen befreit und in Schulen gebracht. Und wir haben erreicht, dass eine Gewerkschaftszeitung wie E&W mit uns ein Interview macht. Vielleicht wird ja hier und da das Thema Kinderarbeit in indischen Steinbrüchen auch mal zum Thema im Schulunterricht.
Interview: Steffen Welzel,
ehemaliger Redaktionsleiter der „Erziehung und Wissenschaft“