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Wolgast-Preis 2008Die Schriftstellerin erhält den von der AG Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW verliehenen Heinrich-Wolgast-Preis Jugendliteratur zur Arbeitswelt für ihr Buch "In Berlin vielleicht".
Lene ist 14, als sie das Dorf und die Lehrerfamilie verlässt, um in der Stadt Berlin eine Stelle als Dienstmädchen zu suchen. Sie findet eine Stelle bei einem Polizeioffizier, wird hoffnungslos ausgebeutet, kündigt und bekommt eine Traumstelle bei einem adligen Oberst, wo sie trotz ihrer Jugend frei wirtschaften darf. Doch dann wird Lene schwanger, der Oberst heiratet, und Lene muss einen Platz für sich und das Kind finden.
Dieser Berlin-Roman ist eine Geschichte des Kaiserreiches von unten - und Berlin steht hier stellvertretend für alle Städte, in die die jungen Mädchen vom Lande zogen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Verdient macht sich Gabriele Beyerlein durch die Nähe, die sie zu diesem Mädchen aufbaut: Ein starkes Mädchen, das immer wieder an der menschenfeindlichen Situation zu zerbrechen droht, dennoch einen Ausweg findet und sich durchsetzt.
Vielerlei wird geschildert, was unsere Kinder heute nicht mehr kennen: Die Arbeitsbedingungen, die Herrschaftsverhältnisse, die doppelte Moral der kaiserlichen Gesellschaft, der Kampf gegen Vorurteile, der beginnende Klassenkampf der Jahrhundertwende. Aber auch etwas von der Geschichte der Sozialdemokraten, den Sozialistengesetzen, den Verfolgungen und Ängsten der Sozialisten der Jahrhundertwende liest man hier, unaufdringlich und eher nebenbei, dadurch aber, und weil es personalisiert ist, bleibt es eher haften als reine Sachinformationen.
Und lesen lässt es sich wie ein Krimi, ein Abenteuerroman, weil die Lene ein schlüssiger Charakter ist, ein Mädchen, das erst noch sucht, träumt, schwärmt, leidet, hungert und arbeitet, zunehmend aber wächst und ihren Platz in der Gesellschaft findet. Nichts ist illusionär, nichts verklärend. Beyerlein bleibt mit beiden Füßen auf dem Boden der Geschichte – und vergisst auch nicht die alten Hausrezepte zur Pflege von Teppichen und Mobiliar.
Gabriele Beyerlein: In Berlin vielleicht. 316 Seiten, ISBN 3-522-17698, Thienemann 2005
Gabriele Beyerlein, geboren 1949, studierte Psychologie, promovierte und arbeitete in der sozialwissenschaftlichen Forschung, bis sie durch das Erzählen für ihre Kinder ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte. Seit 1987 hat sie eine Reihe historischer und prähistorischer Abenteuerromane für Kinder und Jugendliche veröffentlicht, fantastische Literatur, Erstleser-Erzählungen.
Der Heinrich-Wolgast-Preis wird am Montag, den 28.04.2008 im GRIPS-Theater Berlin vom Vorsitzenden der GEW, Ulrich Thöne, an Gabriele Beyerlein überreicht.
Die Rezensionen zum Preisbuch und den Titeln der Empfehlungsliste finden sich unter www.julim-jurnal.de > Preisbücher.

"In Berlin vielleicht", Gabriele Beyerlein, 316 Seiten, ISBN 3-522-17698, Thienemann 2005