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Wolgast-Preis 1988

Sven Wernström: Malin von Hejvtten



Aus der Begründung der Jury für den Heinrich-Wolgast-Preis 1988:
"Ausschlaggebend für die Entscheidung der Jury war neben der Verbindung von sozialgeschichtlicher Kompetenz und erzählerischer Qualität des Autors seine Darstellung der Arbeitswelt. Wernström macht deutlich, dass Arbeit Teil des Alltags, Teil des Lebens ist, dass sinnvolle Arbeit erstrebenswert, ja wichtig für die Selbstverwirklichung des Menschen ist."

Malin ist die 1776 geborene Tochter des Fabrikarbeiters und Witwers Jan Mikaelsson. Mit sechs Jahren unternimmt sie den ersten Versuch, Arbeit zu finden, um damit zum Unterhalt der Familie beizutragen. Sie will Zeitungen austragen und bringt dazu auch die wichtigste Voraussetzung mit: Sie kann lesen. Dennoch scheitert der Versuch. So sucht sie mit den Kindern von Hejpytten, einem Elendsviertel der schwedischen Industriestadt Norrköping, nach anderen Wegen, die bedrückenden Lebensbedingungen zu verbessern: Eine Gruppe reicher Bürger wird überfallen, der Küchengarten eines Kaufmanns wird geplündert, im Winter stiehlt sie Holz.
Eines Tages wird Malin von einem Tabakfabrikanten angesprochen, der dem Mädchen Arbeit in seiner Tabakspinnerei anbietet. Sie hat nun die gleiche Arbeitszeit wie ihr Vater, aber sie verdient als Kind nur ein Drittel seines geringen Lohns. Wieder will sie zusätzlich Zeitungen austragen. Und diesmal bringt ein Zufall sie mit dem liberalen Druckereibesitzer Blume zusammen, der ihr den erhofften Zusatzverdienst ermöglicht.
Malin ist lernbegierig. Interessiert schaut sie sich in der Druckerei um. Sie lernt, wie man mit Drucktypen umgeht. Schließlich kann sie die verhasste Arbeit in der Tabakspinnerei aufgeben und ganz in die Dienste des Buchdruckers eintreten. Hier vervollständigt sie ihre Ausbildung, lernt Setzen und nimmt interessiert sowohl ihre eigene Veränderung als auch die politischen Veränderungen der Zeit wahr. Die Nachrichten von der Revolution in Frankreich, die Anfänge einer demokratischen Bewegung in Schweden und beginnende Organisation der Arbeiterschaft erregen ihr Interesse. Malins persönliche Entwicklung findet ihren vorläufigen Höhepunkt in der Anerkennung, die sie als Mädchen in einem Beruf findet, der eigentlich Männern vorbehalten ist. Sie erhält - obwohl "nur eine Magd" - den gleichen Lohn wie die Gesellen. Ein Erfolg, den sie allerdings nicht zuletzt dem Engagement der in einem gewerkschaftsähnlichen Verband organisierten Typographen zu verdanken hat.
Im Mittelpunkt des Buches, das Bestandteil von Wernströms mehrbändigem Werk "Knechte" ist, steht die Lebensgeschichte der Arbeitermädchens Malin. Ihre Biographie wird von der Geburt bis zum 16. Lebensjahr verfolgt. Malin hat, bei allen Widrigkeiten, die sie erleiden muss, doch Glück. Ihr gelingt eine für Mädchen untypische Karriere: der Aufstieg von der bettelarmen Hungerleiderin zur anerkannten Kollegin und damit in die Nähe einer bürgerlichen Existenz. Eine schwedische Variante also der Legende, dass es auch ein Tellerwäscher zum Millionär bringen kann?
Wernströms Buch eignet sich nicht für die Pflege von Mythen und Illusionen. Vielmehr ist Malin mit ihrem bescheidenen Glück umgeben von der Gegenwelt derer, denen dieser "Aufstieg" nicht vergönnt war: Hungernde und Verhungernde, Alkoholiker, der Kinderfreund Rumpan, der sich erhängt, denn das "war ja wohl kein schönes Leben, das er hatte" (S. 93); die alte Frau in der Tabakspinnerei, die in ihrer Trost- und Hoffnungslosigkeit für Malin eine erschreckende und zugleich motivierende Perspektive eröffnet - dieses Schicksal wollte sie nicht erleiden; schließlich die Schwester. Kann Malin mit sechzehn Jahren auf eine eine personale und berufliche Entwicklung, auf einen sozialen Aufstieg zurückblicken, der in ihr so etwas wie Zufriedenheit hervorruft, so begann für ihre Schwester im gleichen Alter der soziale Abstieg. Als Prostituierte zunächst von den vornehmsten Männern der Stadt begehrt, hat sie sich bis zu ihrem fünfundzwanzigsten Lebensjahr schließlich mit Syphilis angesteckt, wird als unzüchtig verklagt und schließlich ins "Spinnhaus für gefallene Töchter" gesteckt. Den Hintergrund von Malins Lebensgeschichte bildet die soziale und historisch Situation der verarmten Bevölkerungsschichten, der Handwerker und Arbeiter am Beginn der Industrialisierung. Dabei lassen sich die in eher karger Sprache dargestellten, in Schweden angesiedelten Entwicklungen durchaus mit den Verhältnissen im deutschsprachigen Raum vergleichen. (JK)


Literaturangabe:
Sven Wernström: Malin von Hejvtten; herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort von Dirk Röpcke. Zeichnungen von Uwe Berghoff. Bönningstedt b. Hamburg: VSB-Verlag 2003


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