03.03.2010

„Wir schaffen das schon alleine“

„Wir schaffen das schon alleine...“ Das klingt selbstbewusst. Die vier jungen Frauen, die E &W porträtiert, trauen sich einiges und muten sich viel zu. Sie wollen einen guten Job, Karriere, aber mit Maß. Sie wollen nicht unbedingt Kinder. Wollen unabhängig sein. Verantwortung übernehmen. Sie sind begeistert von ihrem Beruf oder ihrem Studium, politisch interessiert, dabei voller Skepsis für die Politik. Zwei sehen im gewerkschaftlichen Engagement die bessere Alternative. Aber nach der Macht greifen alle nicht. Die scheinen sie immer noch den Männern zu überlassen.
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Internationaler Frauentag

 

Anna-Sophia: „Unabhängig im Kopf und finanziell“

Anna-Sophia Ludolf, 24, Erzieherin in der Kita Lüneburger Straße, Berlin

Im Bewegungsraum hüpfen sich ein halbes Dutzend Kita-Kinder zu poppigen Rhythmen warm. Im Eingangsbereich verabschiedet ein Papa rasch seinen Nachwuchs. „Tschüss“, ruft Anna-Sophia Ludolf und federt die Treppe hinauf zu den Gruppenräumen im ersten Stock. Gerade hat ihr Arbeitstag begonnen, Spätschicht. Die 24-Jährige ist ausgeruht, frisch, voller Tatendrang für das, was sie am liebsten macht: mit Kindern arbeiten, sie fördern, begleiten, mit ihnen aus ganzem Herzen lachen.

Ludolf gehört zu den Menschen, die Sätze wie diese sagen: „Ich freue mich jeden Tag neu auf die Arbeit.“ „Sie ist das größte Geschenk für mich.“ Die Pädagogin gehört zu jenen Menschen, die seit jeher wissen, was ihre Bestimmung ist. Bereits nach dem Praktikum in der neunten Klasse war ihr klar: „Erzieherin ist mein Traumberuf.“ Wer sie von den Jüngsten schwärmen hört, diesen „faszinierendsten Wesen, die es gibt“, die „so bewundernswert unbeschwert handeln und leben“, der weiß: Die meint es ernst.

Vielleicht hat es sie deshalb so bekümmert, dass sie in ihrem ersten Job auf so wenig Leidenschaft oder, wie sie es formuliert, „Authentizität“ im Kollegium stieß. Im September 2009 wechselte sie in die Kita Lüneburger Straße in Berlin. Hier hat Ludolf gleich gemerkt: „Das ist es.“ Ein offenes Kollegium, ein tolles Konzept, viele Migrantenkinder. „Die Arbeit mit ihnen fesselt mich besonders, die Mehrsprachigkeit, die kulturelle Vielfalt.“

Aber warum, fragt sie sich, wird in der Gesellschaft der Wert dieser pädagogischen Arbeit immer noch nicht entsprechend anerkannt? Warum ist der Betreuungsschlüssel in den Kitas oft so schlecht, die Bezahlung so dürftig? Von der Politik erwartet sie keine Hilfe. „Ich habe noch nie erlebt, dass sich durch die Politik etwas geändert hat.“ Da sind ihr Gewerkschaften schon näher. Weil sie konkret handeln. Tarifabschlüsse durchkämpfen, Arbeitsbedingungen verbessern. „Dort könnte ich mir am ehesten vorstellen einzutreten.“

Aber aktiv sich engagieren? Ludolf streicht ihre braune Mähne zurück und schüttelt den Kopf. Viel Zeit bleibe ihr neben dem Vollzeitjob nicht. Wenn sie Frühdienst hat, muss sie um 4.30 Uhr aus dem Bett, um sechs beginnt die Schicht. Nur am Wochenende kann sie ein biss­chen aufdrehen. Party machen oder einen Museenbummel mit Freunden.

Am liebsten würde sie eines Tages eine eigene Kita eröffnen. In der jedes Kind einen eigenen Garten hat, damit es wieder ein „Gefühl für den Wert einer Blume und nicht nur eines Matchboxautos bekommt“, sagt Ludolf und lacht. „Realistisch ist das nicht gerade.“ Also „klotzt“ sie erst mal als Erzieherin rein. Denn unabhängig zu sein, im Kopf und finanziell, ist ihr sehr wichtig. Vom Geld ihres Freundes leben? Absurd. „Das ist für mich schon eine Frage des Selbstwertes.“ Eigene Kinder möchte die 25-Jährige nicht, wenn überhaupt, dann käme nur Adoption in Frage, „um einem Kind, das keine Perspektive auf dieser Welt hat, zu helfen“. Aber auch das würde sie ganz alleine stemmen wollen. „Es gibt doch nichts, was wir Frauen nicht können, wenn wir es wollen. Und das schaffe ich auch, wenn ich es will.“


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Annika: „Karriere ja – aber mit Maß“

Annika Bischoff, 30, Assistentin der Geschäfts­führung und Teamleiterin Seminare beim TÜV- Saarland Bildung + Consulting, Hattingen

Besser hätte es nicht laufen können: Noch vor Studienabschluss hatte Annika Bischoff die erste Jobzusage in der Tasche – beim Weiterbildungsträger TÜV Saarland. Seit Februar 2009 pendelt die 30-Jährige Tag für Tag von Recklinghausen nach Hattingen. Dozenten betreuen, Seminare planen, Kunden beraten, sich tief hineinbohren in ihren neuen Themenschwerpunkt Umweltmanagement und Qualitätsentwicklung. „Ein toller Job.“ Annika Bischoff lacht und beißt in ihr Mittagsbrötchen. Sicher, nebenher muss sie noch die Diplomarbeit fertig schreiben, irgendwie. „Aber es lohnt sich.“

Von der Krise der Weiterbildungsbranche sei beim TÜV nicht allzu viel zu spüren, findet Bischoff. Zum Glück. 95 Prozent der Weiterbildungen ihrer Kunden gehen auf Kosten des Arbeitgebers, Bischoff selbst bekam ihre eigene Fortbildung komplett vom TÜV bezahlt. Natürlich weiß die Erwachsenenbildnerin, dass es mit der Bezahlung in der Bildungsplanung wesentlich besser aussieht als im pädagogischen Bereich. Natürlich weiß sie auch, dass vielerorts Arbeitsnehmer für zusätzliche Qualifikationen tief in die eigene Tasche greifen müssen. Doch wie bei vielen Themen in ihrem Leben sieht sie auch die Diskussion über ihre eigene Branche zwiespältig. Einerseits: Die Unternehmen sollten für die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter bezahlen, schließlich profitieren sie davon. Andererseits: Sollten nicht auch die Beschäftigten einen Eigenbeitrag leisten, weil sie davon beruflich profitieren?

Das Für und Wider abwägen – das hat Annika Bischoff immer getan. Arbeitgeber, Arbeitnehmer, rechts, links, Kategorien wie diese spielen bei ihr eine untergeordnete Rolle. „Bei vielen Themen finde ich Argumente für beide Seiten.“ Vielleicht ist es das, was sie bremst, selbst mitzumischen bei einer Partei oder einer Gewerkschaft. Unpolitisch ist Bischoff deshalb nicht. Sie verfolgt die politischen Debatten, Themen wie Staatsverschuldung, Gesundheitssys­tem und schwindende soziale Gerechtigkeit treiben sie um. Aber selbst aktiv werden? Bischoff schüttelt den Kopf. Zu viel Filz, zu viel Lobbyismus, zu wenig Ehrlichkeit, auch bei den Gewerkschaften.

Das heißt nicht, dass sich Annika Bischoff nicht engagieren würde. Früher leitete sie Jugendgruppen, später Work­shops, klinkte sich ehrenamtlich in der kirchlichen Weiterbildungsplanung ein. Gut zwei Stunden die Woche ist sie heute noch dabei. „Ich bin da mit viel Freude reingewachsen.“ Dabei hat sie gemerkt: Mit Menschen zusammenzuarbeiten, das will ich auch beruflich einmal machen. Bischoff hängte ihren alten Traum, Architektin zu werden, an den Nagel und studierte Erwachsenenbildung.

Bereut hat sie das nie. Der Berufseinstieg ist geschafft. Jetzt will die 30-Jährige höher hinaus. Verantwortung übernehmen, mehr verdienen, irgendwann vielleicht in der Personalabteilung eines Unternehmens arbeiten. Karriere ja, aber nicht 70 Stunden die Woche. Ein „gesundes Maß“, das Luft lässt für den Partner, die Freunde, einen gemütlichen Sofa-Nachmittag mit einem schönen Buch. Bischoff weiß, dass ihr auf diesem Weg die Kinderfrage zum Stolperstein werden könnte. Auch wenn sie selbst keine möchte. „Es wird schwer sein, das glaubhaft zu machen.“ Sie will das schaffen. Alleine. „Wir brauchen dafür heute keine Gleichstellungsbeauftragen mehr, die eine Riesenwelle machen. Wir machen das schon selbst. Wie die Männer auch.“


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Sarah: „Elfenbeinturm mit Fenster in die Welt“

Sarah Al-Heli, 27, Staatsexamen/Magister Deutsch, Englisch, Ethik, Uni Würzburg

Fast hätte die Bankenwelt Sarah Al-Heli geschluckt. Doch bis zum Ausbildungsstart bei der Deutschen Bank in Düsseldorf blieb der Abiturientin noch ein Jahr Zeit. Zeit, um zu experimentieren. Al-Heli schrieb sich an der Uni Würzburg ein: Deutsch, Englisch, Ethik auf Lehramt und Magister – und war begeis­tert. So begeistert, dass sie beschloss: Ich bleibe an der Uni und lasse die Ausbildung sausen.

Zweimal die Woche jobbt sie in der Unibibliothek. Al-Heli fühlt sich wohl an der Uni, das ist ihre Welt. Nicht zufällig hat sie „total krass studiert“, besuchte schon im dritten Semester Hauptseminare, hatte den doppelten Abschluss im Visier. Das wissenschaftliche Arbeiten, die differenzierte Auseinandersetzung mit Themen, viele tolle Dozenten, schließlich ihre fachlichen Erfolge beflügelten sie immer wieder neu. Bis ihr irgendwann klar wurde: Eine Wissenschaftskarriere, das wäre was.

Sie weiß: Leicht wird es nicht. Rückschläge kann es geben. Aber sie klotzt ran. Der Magister ist geschafft, im März kommen die Prüfungen fürs Staats­examen. Parallel heißt es, auf die Antworten für die Promotionsstipendien zu warten.

Die Uni war von Beginn an „etwas Großes“ für sie. Sie glaubte, sich noch mehr reinhängen zu müssen als all die anderen. Vielleicht auch, weil sie sich aus einem bildungsfernen Milieu durchkämpfen musste. Als junge Frau mit Migrationshintergrund, der Vater im Irak, die Mutter auf sich allein gestellt, begleitete sie „das Gefühl, ich kämpfe ständig gegen die Statistik“. Sicher, Sarah Al-Heli hat auch so ein 1,0-Abi geschafft. Und doch fragt sie sich heute: Warum wurde ich als leis­tungsbereite junge Frau mit Migrationshintergrund nicht mehr gefördert? Im Wissenschaftsbetrieb, das ist ihr klar, muss sie mit denen konkurrieren, die nur Leistung und Karriere im Blick haben. Und das war Al-Heli schon immer zu wenig. „Ich kann mich für alles begeistern.“ Dass sie allerdings so schnell bei der Hochschulpolitik landen würden hätte die junge Frau nicht gedacht. Es war das Theater, das sie zur Politik führte. Al-Heli klinkte sich bei einer Theatergruppe ein, schrieb eine Komödie über Dozenten, die bloß meckern und Untergangsstimmung verbreiten, statt etwas zu tun. Bei der Aufführung saßen 300 Leute im Hörsaal, ein praller Erfolg. Die Jusos wurden auf sie aufmerksam: „Willst du nicht bei uns mitmachen?“

Neugierig ging Al-Heli darauf ein. „Das waren keine hochschulpolitischen Schwätzer, sondern richtig fitte Leute.“ Kurz darauf saß sie im Sprecherinnenrat, Senat, Konvent – ein Start „von Null auf 100“. Und erlebte dann doch enttäuscht, dass Bündnisse und Ränkespiele oft wichtiger waren, als gute Ideen. Aber die 27-Jährige ist keine, die sich schnell ins Bockshorn jagen lässt. Nach einem Auslandssemester in London versuchte sie einen Neustart in der Politik. Erst sollte es nur die Fachschaftsebene sein, dann wurde es doch der Konvent. „Ich wollte mir beweisen, dass ich das professionell durchziehen kann.“

In dieser Zeit entdeckte Sarah Al-Heli auch die GEW. Ein Stand vor der Mensa, ein gutes Gespräch, das Gefühl: Die politische Haltung passt, die Themen sind wichtig für mich: prekäre Beschäftigung, Tariffallen, Frauen in die Wissenschaft. Al-Heli stürzte sich wieder mit ganzer Kraft hinein, betreute die Lehramtskampagne, wurde Sprecherin des GEW-Landesausschusses der Studentinnen und Studenten, saß im DGB-Bezirksausschuss Bayern und machte mit beim Pilotprojekt Mentoring für Frauen. „Ich habe in der Gewerkschaft meine politische Heimat gefunden.“ Berufs­politikerin werden? Nein, das kommt für Al-Heli trotzdem nicht in Frage. „Mein Ziel bleibt der Elfenbeinturm, aber ich will unbedingt ein Fens­ter in die Welt geöffnet halten.“


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Mirijam Schnaitter, 23, Studentin für Sonderpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen

Politik? Lange Zeit ließ Mirijam Schnaitter das ziemlich kalt. „Was macht ihr da oben nur?“, fragte sie sich dann und wann kopfschüttelnd. Durch einen Ferienjob kam sie zur GEW Ulm. Versandtaschen kleben. Da gab ihr der Vater einen Stubs. „Mach da doch mit, das ist mal was anderes.“ Warum nicht? Mirijam klopfte bei der GEW-Studiengruppe an der PH Weingarten an. „Erst bin ich nur so mitgelaufen. Dann hat es mich voll überzeugt.“

Heute steckt sie mit Haut und Haaren mittendrin. Sie ist Vorsitzende des Landesausschusses der Studentinnen und Studenten (LASS) in Baden-Württemberg, macht bei der „Jungen GEW“ mit und in der Arbeitsgruppe Frauenpolitik des GEW-Hauptvorstandes. Sie organisiert Veranstaltungen zu Themen wie „Staatsexamen und dann?“, debattiert über Studiengebühren, Tarifpolitik und die Neugestaltung der Hochschullandschaft. Reist am Wochenende zu Sitzungen in ganz Deutschland. „Inzwischen sind das für mich richtig nette familiäre Treffen.“

Auch ihr altes Politikbild hat sich verändert. Sie hat „gelernt, klarer Position zu beziehen und für diese mit anderen einzutreten“. Hat entdeckt, was möglich ist – „für jeden in seinem Bereich“. Für die Pädagogin heißt das: Sich auch für Frauenthemen einzusetzen. Bezahlung, Gleichstellung, Kinder und Karriere. „Wir müssen in Bildungsorganisationen präsenter sein. In der Pädagogik arbeiten doch vor allem Frauen.“

Schließlich hat sie selbst Kurs auf die Schule gesetzt. Kunst und Spanisch, eine Gymnasialkarriere, sollte es erst sein. Leidenschaftlich malt sie bis heute so oft sie kann. Gerade hatte sie ihre erste Ausstellung. Das reicht ihr im Moment, denn die Vorlesungen zur Sonderpädagogik an der PH Reutlingen reißen sie so mit wie nie zuvor.

Entdeckt hat sie ihre Leidenschaft für die Sonderpädagogik durch die Kunst. Nach dem Abi brauchte sie noch Zeit, um die Mappe für das Kunststudium zu füllen. Aber nur malen? Nein. Schnaitter entschied sich für ein Soziales Jahr an der Körperbehindertenschule in Ulm. Den ersten Besuch wird sie nie vergessen. Die Wärme, die Dankbarkeit, die vorbehaltlose Offenheit, die ihr von den Schülerinnen und Schülern entgegenströmten. „Zwei Mädels haben mir sofort von ihren Liebesproblemen erzählt. Es war, als hätte ich schon immer dazu gehört.“

Seit 2006 studiert die 23-Jährige Sonderpädagogik, erst in Weingarten, jetzt in Reutlingen. Sie will noch Frühförderung und Sprachbehindertenpädagogik draufsatteln. „Man studiert doch nur einmal.“

Die Studentin weiß: Der Berufsalltag an Körperbehindertenschulen kann hart werden. Aber sie hat gelernt, sich durchzubeißen. Als sie in der Schulzeit gemobbt wurde, fand sie auf eigene Faust den Schritt heraus: Sie wechselte die Schule. „Das hat mich stark gemacht.“ Vielleicht ist es auch das, was sie so gelassen erscheinen lässt, wenn sie von ihrer Zukunft erzählt. Ein guter Job – „dafür würde ich eine zeitlang eine Fernbeziehung führen“. Familie, Kinder – „auf jeden Fall“. Aber wer dann welche Rolle übernehme, sei „Situationssache“. Denn: „Hauptsache, es läuft und man ist zufrieden im Leben. Und wenn nötig, muss man sich die Zufriedenheit eben zurechtbiegen.“

Alle Porträts aufgezeichnet von Anja Dilk, freie Journalistin


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