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/ Jahrgang 2008
/ 12/2008
Schwerpunkt: PISA-EJetzt sitzt die Kultusministerkonferenz (KMK) in der Patsche und muss die Suppe auslöffeln, die sie sich gegen den Rat aller Experten selbst eingebrockt hat. Alle, die sich nur etwas näher mit den PISA-Ergebnissen beschäftigt haben, haben die KMK davor gewarnt, ihre Bildungsstandards als Abschluss bezogene Prüfungsstandards zu konzipieren. Die Experten der so genannten Klieme-Expertise und die GEW haben mit Nachdruck dafür plädiert, die Bildungsstandards als Orientierungs- und Förderstandards auszulegen. Die Lehrkräfte sollten einen Maßstab für Qualität an die Hand bekommen, und für die politische und die schulaufsichtliche Ebene sollte deutlich werden, wo besondere Unterstützung notwendig ist.
Weg ins Desaster
Die GEW hat darauf hingewiesen, dass vor allem zentrale bundesweite Abschlussprüfungen für den Hauptschulabschluss, die auf einheitlichen Standards beruhen, in einem föderalen Land wie Deutschland nur ins Desaster führen könnten. Die Hauptschulquote lag 2006 bundesweit im 8. Schuljahr bei 21,8 Prozent und bewegte sich unter den Bundesländern zwischen 10,9 Prozent in Hamburg und 34,7 Prozent in Bayern. Dass unter solchen Bedingungen Vergleiche nur in die Irre führen können, leuchtet unmittelbar ein. Entweder müssten die Anforderungen an den Bundesländern mit den schwächsten Ergebnissen ausgerichtet werden oder viele Schülerinnen und Schüler, die im anregungsarmen Milieu der Hauptschulen lernen müssen, bekommen keinen Abschluss. Letzteres ist zynisch und unverantwortlich gegenüber den Betroffenen. Eine Absenkung der Anforderungen und die Abkopplung von den übrigen Schulformen der Sekundarstufe I ist für die Qualitätsentwicklung verheerend. Die Hauptschule als weiterer Sonderschultyp ist wirklich das Letzte, was wir in Deutschland brauchen können.
Vor allem die konservativen Kultusminister bestanden auf Hauptschul-Prüfungsstandards. Die KMK beauftragte das Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) in Berlin, die entsprechenden Testaufgaben in Anlehnung an die Kompetenzstufen des PISA-Formats zu entwickeln und zu überprüfen. Und was stellten die Forscher fest? Mehr als 50 Prozent der Hauptschüler erreichen in Mathematik nicht den Mindeststandard (Kompetenzstufe II), 75 Prozent scheitern am schriftlichen Mindeststandard des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Fremdsprachen.
Und das sind die bundesdeutschen Durchschnittswerte! In den einzelnen Ländern dürften die Werte für Mathematik zwischen 40 und über 70 Prozent liegen. Anders ausgedrückt: Koppelt man den Hauptschulabschluss an die Mindestanforderungen, dürften ihn im Bundesdurchschnitt zirka 50 Prozent der Hauptschüler und in manchen Bundesländern sogar mehr als zwei Drittel nicht erhalten. Was das für die sowieso brachliegende Motivation dieser Schülergruppe bedeutet, muss nicht illustriert werden.
Die KMK befindet sich in der babylonischen Gefangenschaft der Ideologie eines angeblich begabungsgerecht fördernden Schulsystems. Was soll sie tun? Soll sie die Qualitätsüberprüfung für den Hauptschulabschluss auf die lange Bank schieben und der Öffentlichkeit vorgaukeln, jetzt nähme man ganz enorme Unterstützungsmaßnahmen in Angriff, wie in einem vertraulichen Papier des IQB empfohlen wurde? Oder soll sie die Standards durch das IQB „passgenau“ machen lassen, sprich das Niveau absenken, wie es in der Empfehlung der Staatssekretäre für die KMK-Konferenz im Dezember anklingt?
Hauptschulpolitik gescheitert
Es gibt nur eine vernünftige Konsequenz: Die KMK muss das Scheitern ihrer Hauptschulpolitik und ihrer Politik der Bildungsstandards als Prüfungsstandards eingestehen. Vertuschen, schönen, die Ansprüche herunterschrauben hilft niemandem, vor allem den Hauptschülerinnen und -schülern nicht. Die einzig vernünftige Reaktion wäre: Abschaffen des Bildungsgangs Hauptschule und konsequente Förderung schwacher Schülerinnen und Schüler. Irgendwann werden sie es einsehen – fragt sich nur, wie lange die Hauptschulideologen dazu brauchen.
Marianne Demmer, Leiterin des
GEW-Organisationsbereichs Schule