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/ Jahrgang 2010
/ 03/2010
GenerationenwechselGenerationenwechsel – er steht nicht nur im Bildungsbereich, sondern auch in der GEW an. Und er sorgt für eine Menge Zündstoff: Die Übergangsphase, in der die Älteren lernen abzugeben, sich zu verabschieden von Ämtern und Funktionen, und die Jüngeren in neue Rollen hineinwachsen, ist sowohl für die GEW als Organisation als auch für die Institutionen im Bildungsbereich eine Herausforderung. Denn es geht nicht einfach nur darum, Platz zu machen für die Jungen, die in den Lehrerkollegien genauso unterrepräsentiert sind wie in der GEW. Es geht auch darum, das Wissen und die Erfahrungen der Älteren nicht zu verlieren, gleichzeitig aber die Ideen der Jüngeren nicht als „Flausen“ abzutun – und das funktioniert nur im gemeinsamen Dialog.
E&W: Herr Thöne, völlig gegen den Trend gewinnt die GEW neue Anhänger. Jedes vierte Mitglied ist noch keine fünf Jahre dabei. Was ist da los?
Ulrich Thöne: Ganz einfach: Wie die Alten wollen auch die Neuen eine starke Vertretung – damit ihre Interessen, die bildungspolitischen wie die tariflichen, von einer möglichst hörbaren Stimme vertreten werden. Besonders ermutigend an dieser ohnehin erfreulichen Entwicklung finde ich, wie viele Jüngere unter ihnen sind.
E&W: Laut Statistik sind weniger als 20 000 von einer guten Viertelmillion GEWlern unter 30.
Thöne: Das spiegelt aber ziemlich genau die Altersstruktur der Beschäftigten im Bildungswesen wider. Wenn Sie die in Rechnung stellen, gilt sogar: Wir haben uns verjüngt.
E&W: Frau Moritz, gemeinhin glaubt man doch: Gewerkschaften sind für Jüngere nicht attraktiv.
Doro Moritz: Von selbst ist eine Gewerkschaft auch nicht attraktiv; und nur in der Geschäftsstelle zu sitzen und zu warten, dass einer kommt, reicht auch nicht. Wir tun etwas dafür. In Baden-Württemberg haben wir über Jahre Konzepte entwickelt, um junge Menschen zu gewinnen – als Mitglieder wie als engagierte Aktive. Dazu gehört zuallererst, dass wir dorthin gehen, wo sie sind – an die Uni, an Seminare und Erzieherschulen. Vor Ort bieten wir Beratung an: über den künftigen Beruf, Perspektiven, arbeitsrechtliche Fragen. Wenn junge Menschen merken, dass wir uns als Organisation konkret für gute Arbeitsbedingungen und gute Bildung einsetzen, kommen sie in Scharen. Es liegt an uns.
Annett Lindner: Auch in Mecklenburg-Vorpommern holen wir die Jungen ab. Insgesamt erlebe ich die Lage aber als nicht ganz so rosig: Von dem wenigen Nachwuchs sind längst nicht alle an Gewerkschaften interessiert. Uns fällt es zuweilen sehr schwer, viele weitere für die Gewerkschaftsarbeit zu begeistern. Aber: Auch wenn das Patentrezept noch nicht gefunden ist – wir bemühen uns.
Thöne: In den neuen Ländern ist tatsächlich nicht nur der demografische, sondern auch ein Mentalitätswandel früher eingetreten: Die Zeiten, als die Gewerkschaft eine selbstverständliche politische Heimat war nach dem Motto: „Es gibt vielleicht mal Streit, aber hier gehöre ich hin“, gehen zu Ende. Im Ostteil passierte das mit dem Zusammenbruch der DDR sehr abrupt. Umso engagierter müssen wir zeigen, wie notwendig und erfolgreich es sein kann, wenn die professionellen Vertreter von Bildung gemeinsam und geschlossen auftreten.
E&W: Suchen 30-Jährige heute noch eine politische Heimat? Engagieren sie sich nicht viel lieber in kurz- bis mittelfristigen Projekten und punktuell?
Thöne: Einspruch! Selbstverständlich sind junge Menschen auch heute auf der Suche nach Werten – und gemeinsame Werte machen eine politische Heimat aus. Die viel zitierte „Die Jugend ist so unpolitisch“-Schelte halte ich für völlig falsch.
Moritz: Politisches Interesse würde ich ihnen auch nicht absprechen. Aber wir machen doch die Erfahrung, dass viele lieber erst einmal in Projekten arbeiten. Beispielsweise fragen wir regelmäßig alle unter 35-jährigen Mitglieder, ob sie Lust hätten, in ihrer Region einen Junglehrertag auf die Beine zu stellen. Und siehe da: Das Interesse ist enorm. So kommen Gleichgesinnte und Gleichaltrige erst einmal unter sich und mit einem konkreten Ziel zusammen. Manchmal macht ihnen die Arbeit so viel Spaß, dass sie zusammenbleiben. Der ein oder andere aus diesen Gruppen will später vielleicht doch in den Orts- oder Kreisvorstand – also in ein Gremium, mit dem Neulinge erst einmal nicht viel anfangen können.
Thöne: Mich bringt der Begriff „Projekt“ etwas auf die Hinterbeine. Das klingt immer so, als ob junge Leute nur kurzfristig denken und handeln könnten. Ich glaube nicht, dass das stimmt – auch der Nachwuchs will und braucht eine dauerhafte Perspektive. Zentral ist aber, dass die GEW der jungen Generation die Selbstkontrolle über ihre Aktionen überlässt. Wir dürfen nicht anfangen, ihnen Alibi-Funktionen zu geben.
Annett Lindner: Das stimmt! Ich habe schon erlebt, dass auf einzelne Junge geradezu losgegangen wurde, nach dem Motto: „Du bist jung – wir brauchen dich!“ Das geht schief. Wir dürfen die jungen Leute mit ihren speziellen Lebensbedingungen nicht verschrecken.
Thöne: Das hat ja auch etwas mit Glaubwürdigkeit zu tun. Wenn man will, dass Jüngere sich engagieren – und wir wollen das! – dann muss man sie ernst nehmen. Darauf, den Vorzeige-Kasper zu spielen, reagieren sie verständlicherweise allergisch.
E&W: Der Bundesausschuss Junge GEW sieht allerdings noch Optimierungschancen: Positionen, Angebote und Kommunikationsgewohnheiten würden Jüngeren häufig nicht gerecht, sagen sie.
Thöne: Die Kritik ist ja berechtigt – und wir brauchen sie. Richtig ist aber auch: Wir sind auf dem Weg.
E&W: Hand aufs Herz: Woran genau hapert es?
Lindner: Wir brauchen neue Kommunikationsformen. Der obligatorische Mitgliederbrief spricht junge Leute nicht mehr an; die verständigen sich beispielsweise über Twitter.
Moritz: Es hapert auch daran, dass wir Älteren uns gern einbilden, wir wüssten besser, wie dies oder das geht. Wenn dann ein Junger mit eigenen und unter Umständen anderen Vorstellungen kommt, wird das schnell zum Problem. Auch ich, die sich seit Jahren für neue Mitglieder einsetzt, habe am eigenen Leib festgestellt: Loslassen ist gar nicht so leicht. Als ich Landesvorsitzende wurde, übernahm ein junger Kollege die volle Verantwortung für meinen vorherigen Job. Vom ersten Tag an machte er ihn so aktiv und engagiert, wie ich mir das Jahre zuvor gewünscht hatte. Da habe ich begriffen: Er konnte gar nicht richtig loslegen – einfach weil ich da war.
E&W: Wie bricht man das auf? Eigene Gruppen sind ein geschützter Raum – aber irgendwann sollen die Jüngeren da ja auch rauskommen.
Moritz: Wir vernetzen junge Haupt- und Ehrenamtliche. So können sie sich gegenseitig unterstützen. Und wir bieten Seminare für junge Aktive an, in denen das gemacht wird, was die Leute wollen: von rhetorischen Fähigkeiten trainieren bis zum Austausch über GEW-Positionen. Das macht sie sicherer und führt dazu, dass sie sich mehr zutrauen und selbstbewusster auftreten.
E&W: Braucht die GEW eine Neuen-Quote?
Moritz: Ich bin inzwischen sicher: Ja! Nur sie verpflichtet die Gremien, sich wirklich zu öffnen. In Baden-Württemberg haben wir für die diesjährigen Personalratswahlen erstmals eine vereinbart: Auf den meisten Listen, darunter alle der oberen Ebenen, sollen für die ersten zehn Plätze zwei unter 40-Jährige kandidieren; in jedem weiteren Zehner-Block mindestens drei Jüngere.
E&W: Frau Lindner, Sie sind mit 38 Landesvorsitzende geworden. Wie ging denn das?
Lindner: Ich habe gleich nach der Wende begonnen, mich in der GEW zu engagieren: zunächst auf Kreis-, dann auf Landesebene. Über Jahre bin ich dann, eigentlich sehr selbstverständlich, da reingewachsen. Ehrlicherweise muss ich aber auch sagen: Ich sah mich gar keiner Übermacht alter Hasen gegenüber. Im Osten war ja ohnehin für alle alles neu.
Thöne: Wir müssen aber auch aufpassen, die Älteren jetzt nicht schlechtzureden. Dafür, dass sie die Mehrheit der Beschäftigten und damit der Mitglieder stellen, können sie ja nun nichts. Und auf ihre Erfahrung und Routine kann und will die GEW überhaupt nicht verzichten.
E&W: Also braucht es keine Seminare für alte Hasen: Wie rücke ich zur Seite?
Moritz: Nein. Aber: Ein Qualifizierungskonzept zur konstruktiven Zusammenarbeit legen wir durchaus auf. Natürlich geht es dabei nicht darum, Gegensätze aufzumachen – sondern um die Frage: Wie kooperieren wir am besten? Die Jungen, die sich engagieren, müssen optimal unterstützt werden.
E&W: Müssen sich nicht auch die seit 150 Jahren bestehenden Strukturen ändern? Frau Lindner, wie war denn Ihr erster Gewerkschaftstag?
Lindner: Das war 1993, in Essen. Auch da galt: Alles war noch so neu für uns, dass ich ihn spannend fand. Es gibt aber auch andere Beispiele. Ein junger Kollege, den wir vor ein paar Jahren gewonnen hatten, wollte nach seinem ersten Gewerkschaftstag auf der Stelle aus der GEW austreten. Auf einer langen Heimreise konnten wir ihn zum Glück überzeugen, dass unsere Arbeit auch ganz anders sein kann. Und: Er ist bis heute geblieben – und äußerst aktiv.
Thöne: Außerdem: Natürlich haben sich die Strukturen in den letzten 150 Jahren geändert! Sie waren immer einem Wandel unterworfen. Und sie werden es weiterhin sein.
E&W: Aber wie realistisch ist für 25-Jährige eine vierjährige Amtsperiode? Würden sie nicht, hätten sie die Mehrheit, so langjährige Verpflichtungen abschaffen?
Thöne: Sie haben aber nicht die Mehrheit. Ich sage das gar nicht ketzerisch, sondern ganz nüchtern. In den 1970er-Jahren konnte eine Generation von heute auf morgen ganze Vorstände übernehmen; nicht, weil sie so aktiv, sondern weil sie so viele waren. Die Jungen heute sind wenige. Im Zuge des anstehenden Generationenwechsels werden sie Probleme haben, alle frei werdenden Funktionen, in der Gewerkschaft wie im Bildungswesen, überhaupt besetzen zu können. Darauf müssen wir sie vorbereiten – das ist die Herausforderung. Wir brauchen einen moderierten Übergang: Kontinuität und Wandel.
E&W: Wie wichtig ist der Transfer von Wissen? Müssen die Jüngeren im Detail erfahren, was die Älteren wie gemacht haben? Oder ist es vielleicht auch völlig in Ordnung, das Rad öfter mal neu zu erfinden?
Lindner: Ich glaube schon, dass dieser Transfer wichtig ist. Wir müssen überlegen, wie wir die Weitergabe der Erfahrungen und des Wissens organisieren. Ich könnte mir eine Tandemlösung vorstellen aus älteren und jüngeren Aktiven, eine Zeit des gemeinsamen Übergangs – der eine lernt, der andere lernt abgeben.
Thöne: Auch im Sinne der Transparenz ist die Weitergabe von Informationen wichtig. Man muss den Jungen die Chance geben, die Geschichte zu kennen.
Moritz: Wer wann Vorsitzender war, muss niemand wissen. Aber warum die GEW welches Gesellschafts- und Menschenbild vertritt, halte ich schon für wichtig. Dass die GEW für ein staatliches Bildungswesen steht, weiß vielleicht jeder – aber nicht, warum.
Sowohl Privatisierung wie auch die Fokussierung auf Elitenförderung sind große Themen in der Bildung – und werden viel zu selten in Frage gestellt.
E&W: Erleben Sie Gegensätze in den Positionen von Älteren und Jüngeren?
Moritz: Kaum. In der Wahrnehmung von Bildungsungerechtigkeit und Chancenungleichheit sind wir uns unabhängig von Alter und Beruf sehr einig. Da liegt unsere Aufgabe eher darin, potenziellen Mitgliedern unser bildungspolitisches Profil noch besser zu vermitteln.
E&W: Herr Thöne, ist auch der Vorsitzende der GEW im Dialog mit dem Nachwuchs?
Thöne: Natürlich, das ist doch interessant. Als ich im November beim Bildungsstreik an einer Berliner Uni zu Gast war, erlebte ich zum Beispiel etwas ermutigendes Neues. Da saß eine bunt gemischte Gruppe junger Studentinnen und Studenten im Audimax. In allen Ecken haben Leute etwas vorbereitet und diskutiert. Sie waren sich nicht immer einig – aber sie arbeiteten eng an ihrem Ziel und vor allem: zusammen. Früher dagegen hat doch häufig jedes Grüppchen sein eigenes Süppchen gekocht.
Das Gespräch hat Jeannette Goddar, freie Journalistin, moderiert und aufgezeichnet.