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04.02.2008

Wertschätzung fehlt - Erzieherin seit 20 Jahren

Die Schere zwischen den Anforderungen an Erzieherinnen und der Bezahlung klafft immer weiter auseinander. Für rund 2000 Euro brutto sollen sie etwa Bildungspläne umsetzen und Sozialarbeit leisten. Die GEW will in der Tarifrunde 2008 im öffentlichen Dienst zusammen mit ver.di und GdP eine Tariferhöhung um acht Prozent, mindestens jedoch 200 Euro durchsetzen.

Das E&W-Beispiel aus Baden-Württemberg zeigt das ganze Dilemma des Erzieherinnenalltags: große Arbeitsbelastung bei geringem Verdienst (s. E&W 1/2008, Kita-Magazin). Seit 20 Jahren arbeitet Beatrice Schubert als Erzieherin. Trotz vieler Fortbildungen und engagierter Arbeit vermisst sie die gesellschaftliche Anerkennung ihrer Arbeit.

Sieben Uhr. Frühschicht. Beatrice Schubert beginnt gern frühmorgens im kommunalen Kindergarten in Neulußheim, einer kleinen Gemeinde zwischen Mannheim und Karlsruhe. Die Erzieherinnen arbeiten nach der offenen Methode, in der die Kinder ihr Programm selbst gestalten und aus verschiedenen Angeboten eigenständig eine Beschäftigung suchen dürfen. Schubert bietet den Drei- bis Sechsjährigen Bewegung an.

Ein Mädchen, das wunderbar Rollenspiele aufführt, aber motorisch nicht so geschickt ist, darf im Bewegungsraum bei Schubert eine Geschichte spielen. Um als Schneewittchen auf das Schloss zu kommen, balanciert sie über einen Graben aus Matten. Die Pädagogin sagt ihr nicht, dass sie ihr Gleichgewicht besser halten müsste. „Ich mache den Kindern nicht ihre Schwäche, sondern ihre Stärke bewusst.“ Gute Beobachtung ist der Schlüssel dazu. Auffälligkeiten zu erkennen oder Entwicklungsverzögerungen festzustellen, gehört zu ihren anspruchsvollen Aufgaben. Sie sieht ihre Schützlinge im Kontext: Bewegen sie sich zu Hause? Was ist den Eltern wichtig? Wie kann sie die Kleinen fördern?

Wenn 2010 in Baden-Württemberg der Orientierungsplan für Kindertagesstätten verbindlich eingeführt wird, braucht Beatrice Schubert ihre Arbeitsweise kaum zu ändern. Sie wendet die Vorgaben schon jetzt an. Nach einem Bildungs- und Erziehungsplan zu arbeiten, das kennt die Erzieherin aus ihrer Arbeit in Mecklenburg-Vorpommern. Dort schloss sie 1988 ihr dreijähriges Studium zur Kindergärtnerin ab. „Wir gehörten zum Bildungssystem“, berichtet sie. 1991 zog die Kindergärtnerin mit ihrem dreieinhalbjährigen Sohn nach Baden-Württemberg. Sie fand zwar schnell Arbeit, ihr Abschluss wurde aber nicht anerkannt. „Ich fand das ungerecht, da ich wusste, dass unsere Ausbildung qualitativ besser war“, erinnert sich die 41-Jährige.

Anerkennung fehlt ihr immer wieder. Die Erzieherin besitzt eine Zusatzqualifikation als Freizeitpädagogin. Sie erwarb den Übungsschein fürs Kinderturnen, erweiterte ihre Kenntnisse mit Psychomotorik und absolvierte eine Ausbildung zur Fachwirtin. Die Fortbildungen bezahlte sie selbst und investierte ihre Freizeit. Parallel dazu zog sie als Alleinerziehende ihren Sohn groß. „Heute stehe ich so da, als hätte ich nur die Erzieherinnenausbildung gemacht“, stellt Schubert fest. Allerdings hat sie auch an sich selbst den Anspruch gestellt, sich ständig fortzuentwickeln.

Ein angemessenes Gehalt wäre so eine Form der Anerkennung. Im Moment verdient die Erzieherin nach 20-jähriger Berufserfahrung 2493 Euro (brutto). Das ist Entgeltgruppe 8 nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD). Damit ist die engagierte Pädagogin ganz und gar nicht zufrieden. Ihr Sohn, der in diesem Jahr seine Ausbildung zum Mechatroniker abgeschlossen hat, verdient als Berufsanfänger 2800 Euro (brutto). Selbst wenn die Berufe nicht vergleichbar sind, erstaunt sie der Unterschied. Die Bildungsgewerkschaft macht sich dafür stark, dass Erzieherinnen mindestens in die Entgeltgruppe 8 des TVöD eingruppiert werden. Erzieherinnen, die wie Beatrice Schubert nach einem Bildungsplan arbeiten, sollen besser bezahlt werden. Die Arbeitgeber wollen Erzieherinnen dagegen sogar nur in die Entgeltgruppe 6 stecken – das sind noch einmal rund 200 Euro weniger als Beatrice Schubert verdient.

Besserer Arbeitsschutz nötig

Die Baden-Württembergerin hat auch andere Ideen, wie Wertschätzung aussehen könnte: z. B. ein besserer Arbeitsschutz. Der Arbeitgeber könnte präventiv eine Rückenschule oder Krankengymnastik anbieten. In kleineren Gruppen wäre der Lärmpegel geringer, größere Stühle wären eine Entlastung, Rückzugsräume eine Erholung. Die Erzieherin berichtet: „Ich bin während meines gesamten Berufslebens Kinderkrankheiten ausgesetzt und meine Körperhaltung ist oft ungünstig. Das geht mit den Jahren an die Gesundheit.“

Für die zweite Hälfte ihres Beruflebens würde sie gern als Dozentin in der Erzieherinnenausbildung arbeiten. Da liegen allerdings viele Steine im Weg. Ihr Studium aus der ehemaligen DDR zählt nicht. Selbst ihr Abitur musste sie sich anerkennen lassen und dafür beschämende 100 Euro zahlen. Ein neues Studium, das rund fünf Jahre dauern würde, kann sie sich nicht leisten. Dabei ist sie überzeugt, dass sie einen großen Schatz an Erfahrungen weitergeben könnte. Bestätigung findet die Erzieherin im GEW-Arbeitskreis „Sozialpädagogische Fachkräfte Nordbaden“. Hier bietet sie immer wieder Seminare für Kolleginnen und Kollegen an, die gute, bestätigende Rückmeldungen geben. „Nur ein Hochschulabschluss ist in diesem Land was wert und nicht, wie kompetent jemand ist“, bedauert die Erzieherin.

Für Schubert ist klar: Die Arbeit der Erzieherinnen verdient eine deutliche materielle Aufwertung. Frühkindliche Bildung ist eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Das muss der Staat honorieren.

Maria Jeggle, freie Journalistin

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