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03.11.2009

Wer ist Mielke? Was Berliner Schüler in Ost und West über die DDR wissen

Auch wenn der rot-rote Berliner Senat wenig Anlass zum Handeln sieht: 20 Jahre nach dem Mauerfall ist das Wissen über die DDR bei Schülerinnen und Schülern der Hauptstadt unterbelichtet – im Westen wie im Osten.

Erich Mielke ist Mister X. Der große Unbekannte. Man könnte den Eindruck gewinnen, den Stasi-Chef habe es nie gegeben. Ein Phantom. Jedenfalls, wenn man Berliner Schülerinnen und Schüler zum Maßstab nimmt. Die Frage, welcher Politiker aus der DDR 20 Jahre nach dem Mauerfall den Nach-Wende-Kindern noch etwas sagt, fördert bei ihnen am ehesten noch den Namen Erich Honecker zu Tage. Doch der Name Mielke löst bei einer Stichprobe des Autors unter Berliner Jugendlichen nur ein Stirnrunzeln aus.

Vor zwei Jahren bereits hatte die Freie Universität (FU) Berlin mit einer Studie* mächtig Staub aufgewirbelt. Die Politikwissenschaftler Klaus Schroeder und Monika Deutz-Schroeder vom Forschungsverbund SED-Staat der FU hatten Schüler in mehreren Bundesländern zur DDR befragt und teilweise haarsträubende Antworten erhalten. Demnach waren die ehemaligen Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) und Helmut Kohl (CDU) DDR-Politiker, die Stasi ein Geheimdienst wie der Bundesnachrichtendienst, und darüber, wer die Mauer errichtet hatte, herrschte mehrheitlich Rätselraten: die Bundesrepublik, die Sowjets, die Alliierten? Ein Kessel Buntes an Antworten. Am besten Bescheid wussten laut FU-Studie die Jugendlichen aus Bayern. Schlusslichter waren die Pennäler aus Brandenburg und Berlin. Genau dort, wo Teilung und SED-Staat jahrzehntelang den Alltag bestimmten.

Der Berliner Senat hatte nach Bekanntwerden dieser Ergebnisse zunächst nichts Eiligeres zu tun, als den Befund der Studie anzuzweifeln und ein Zusatzgutachten in Auftrag zu geben. Erst im zweiten Schritt und mit dem öffentlichkeitswirksamen Jahrestag des Mauerfalls vor der Brust bequemte sich Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) in Absprache mit dem früheren Bürgerrechtler und heutigen CDU-Politiker Rainer Eppelmann, ein Bündel guter Vorsätze auf den Weg zu bringen, um das Thema DDR in den Schulen der Stadt besser zu verankern. Auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen bekundete der Bildungssenator allerdings: „Der Senat sieht zurzeit keinen Anlass, die Rahmenlehrpläne zu ändern.“ In diesen ist das Themenfeld „Konfrontation der Blöcke und die Deutsche Frage“ zwar festgeschrieben. Zudem heißt es dort: „Die zeitgeschichtliche Nähe der Epoche bietet den Schülern eine ganze Reihe von musealen Bezugspunkten: Museen, Ausstellungen und Bilder- bzw. Plakatgalerien können erkundet und für den Unterricht produktiv genutzt werden.“ Doch das ist alles Theorie.

Nicht mal mehr Erinnerung

Der Mauerfall – also nicht mal mehr eine Erinnerung für die Jugendlichen der Hauptstadt. Wer heute in Berlin zur Schule geht, ist im vereinten Deutschland aufgewachsen. Die Teilung der Stadt lag vor ihrer Zeit. Sie hat ihr Leben nicht geprägt. Aber das Leben ihrer Väter und Mütter. Und wenn man die Jugendlichen 2009 nach Mauer und SED, nach Kaltem Krieg und Staatssicherheit befragt – sind es vor allem die Schilderungen der Eltern, aus denen sie ihr Wissen schöpfen. Eine Stichprobe an zwei Schulen im Ost- und Westteil der Hauptstadt, was die Schüler tatsächlich im Herbst des Mauerfall-Jubiläumsjahres 2009 wissen, soll das ergründen.

Die Luise-Henriette-Oberschule in Tempelhof, mitten im alten Westberlin. Tempelhof ist rundum von Westbezirken von Kreuzberg über Charlottenburg bis Neukölln umgeben – ohne direkte Verbindung zum alten Ostteil. In Tempelhof gab es keine Mauer, der Flughafen als sichtbarstes Erbe des Kalten Krieges, berühmt durch die alliierte Luftbrücke mit ihren Rosinenbombern, hat längst dichtgemacht. Reihenhäuser ringsum, um die Ecke hat die Kleingartenkolonie „Friede und Arbeit“ Wurzeln geschlagen.

„Voll langweilig“

Svenja, Vivienne, Nadine und Nina sind eine Mädchenclique, wie sie sich die Jugendzeitschrift „Bravo“ nicht besser ausdenken könnte. Sie sind 17 und 18 Jahre alt, besuchen die 12. Klasse der Luise-Henriette-Oberschule. Bei der Frage nach der DDR winken sie ab. „Da fragen Sie genau die Richtigen, davon haben wir überhaupt keine Ahnung.“ Vivienne hat ohnehin ihre ganz klare Meinung zu dem Ganzen: „Die Mauer ist gefallen, damit ist es doch auch gut, oder?“ Die Deutsche Einheit, die friedliche Revolution, die Bürgerrechtler, der Kampf gegen den Stasi-Apparat, die enormen politischen, sozialen und kulturellen Umwälzungen des Jahres 1989? Alles „voll langweilig“, legt Nadine nach. In ihrem Unterricht sei der gesamte Komplex sowieso noch nicht bei ihnen „gelandet“: „In Geschichte sind wir nur bis zur Nazizeit und zum Zweiten Weltkrieg gekommen.“ Der Ostteil der Stadt? Interessiert sie nicht: „Manchmal fahren wir nach Berlin-Mitte, aber weiter auch nicht. Marzahn – was sollen wir denn da?“

Getoar, ebenfalls 17, geht auch in die 12. Klasse, ihn hat das Kapitel DDR we­nigstens schon im Unterricht ereilt. „Wir sprechen schon drüber. Das Thema ist aber so trocken und langweilig, da nützt es wenig, wenn sich die Lehrer bemühen“, meint er. Dabei hat er seine ganz speziellen Erfahrungen mit der Teilung Europas. „Ich komme ja quasi aus einem sozialistischen Bruderland der DDR.“ Getoar stammt aus Ex-Jugoslawien. Der Krieg auf dem Balkan hat die Familie nach Deutschland gespült und den Osten der Stadt hat er anschließend ganz hautnah erfahren: „Meine Ex-Freundin kam aus dem Osten, die hieß Chantal.“ Letztens, erzählt sein Kumpel Julian, habe man im Unterricht auch Musik aus der DDR gehört. Die Puhdys? „Nee, so was doch nicht: ‚Die Partei hat immer recht’.“

Im DDR-Museum an der Spree (s. Seite 22) sind Getoar, Julian und ihre Klasse schon einmal gewesen. Immerhin. Wenn auch nicht ganz im Sinne der zumeist christdemokratischen Politiker, die nach Bekanntwerden der FU-Studie vorschlugen, Besuche in einer Stasi-Gedenkstätte zum Pflichtprogramm für jeden Mittelschüler zu machen. Dabei scheuten sie sich nicht, das Thema parteipolitisch auszuschlachten. Die CDU-Bundestagsabgeordnete Kristina Köhler, zum Zeitpunkt des Mauerfalls selbst erst zwölf Jahre alt, argwöhnte gar in Richtung Berliner Senat, dass dieser Wissenslücken über die DDR billigend in Kauf nehme: „Je harmloser die DDR-Diktatur erscheint, desto harmloser erscheint die Linkspartei als SED-Nachfolgepartei – und desto einfacher ist es, den SPD-Wählern eine rot-rote Koali­tion schmackhaft zu machen.“

Wechsel in den Osten. Der Bezirk Lichtenberg genießt nicht den besten Ruf: Links und rechts stehen die elfgeschossigen Wohntürme aus Ostzeiten, nicht weit weg ist die Weitlingstraße, die von Neonazis schon mal zur „national befreiten Zone“ ausge­rufen wurde. Ein paar Straßen weiter steht die Alexander-Puschkin-Oberschule und duckt sich gegen den Lärm der nahen Frankfurter Allee, der breiten Verkehrsachse, die früher mal Stalin­allee hieß und die Autos aus Mitte in die östlichen Stadtbezirke führt. Dominik besucht die 9. Klasse und weiß vieles über die DDR – aus den Erzählungen seiner Mutter: „Alles über die ganzen Vorteile, die die DDR hatte – mit den sicheren Arbeitsplätzen und vor allem, dass damals nicht so viele Ausländer ins Land kamen, die sich wie die Besten aufgeführt haben.“ In der Schule hat er sein „historisches Wissen“ nicht erworben, das sei erst Stoff in Klasse 10.

Marc ist zwar auch erst im 9. Jahrgang, aber er weiß bereits, dass „die Geschichtsbücher bei uns völlig aus westlicher Sicht geschrieben sind, die stecken voller Gemeinheiten über die DDR“. Er habe seine Lehrerin darauf angesprochen, „die hat mir zugesichert, sie will sich nicht daran halten, was im Buch steht“. Erich Mielke aber kennen weder er noch seine Mitschülerinnen Yonca, Jessica und Michelle. Franzi und Oskar sind in der 10. Klasse, über den Alltag in der DDR haben sie im Unterricht noch nichts erfahren. Projekttage aus Anlass des Mauerfallgedenkens? Fehlanzeige. Die zuständige Fachbereichsleiterin im Lehrerkollegium entschuldigt sich, aufgrund der zahlreichen Schulpraktika, gerade in der Klasse 9, sei man mit dem Stoff in Geschichte bedauerlicherweise noch nicht so weit. Ansonsten sei ihre Erfahrung, dass es „bei den Schülern relativ schwierig ist, ein differenziertes Bild von der DDR zu erzeugen“. Je nach Vorprägung durch die Eltern hätten viele Schüler im Kopf: „Entweder war alles gut, oder alles war schlecht.“

Der Bildungssenator ließ übrigens im Abgeordnetenhaus mitteilen: „Der Senat misst der Auseinandersetzung mit der Zeit der deutschen Teilung in der Schule einen hohen Stellenwert zu.“

Peter Ahrens,
freier Journalist

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