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/ Jahrgang 2010
/ 02/2010
Pubertät: BorseVon einer Essstörung sind meist Mädchen und Frauen betroffen, aber auch Jungen und Männer leiden zunehmend darunter. Die neueste Erhebung zur Kinder- und Jugendgesundheit des Robert-Koch-Instituts, KiGGS 2007, hat ergeben, dass jedes fünfte Kind in Deutschland im Alter von elf bis 17 Jahren ein gestörtes Essverhalten aufweist. Bereits jedes dritte Mädchen im Alter von 14 bis 16 Jahren leidet unter Symptomen einer Essstörung, d. h. nicht, dass das Vollbild einer Erkrankung bereits ausgebildet ist.
Die Adoleszenz ist insbesondere für Mädchen eine verletzliche Phase für die Entstehung von Essstörungen. Es kommt in diesem Entwicklungszeitraum zu gravierenden Veränderungen des Körpers und der bisherigen Persönlichkeitsstruktur (s. auch Seiten 12, 13 und 18). Das gesamte Selbsterleben wird labiler. Dies betrifft die Entwicklung des Körperbildes, die Akzeptanz des eigenen Körpers, das Identitäts- und Selbstwertgefühl, das Gefühl von Kompetenz, von Autonomie und sozialer Akzeptanz. Mädchen, deren Erleben bereits in früheren Entwicklungsstadien von Gefühlen der Ohnmacht und Selbstwertproblemen geprägt war, fühlen sich der körperlichen Entwicklung oft hilflos ausgeliefert. Zudem läuft die Entwicklung des weiblichen Körpers diametral entgegengesetzt zum derzeitigen überschlanken Schönheitsideal. Entspricht der eigene Körper nicht dem gängigen Idealbild, so kann dies bei Mädchen eine erhebliche Selbstwertproblematik und Verunsicherung der Identität auslösen.
Suchtsymptomatik
Die Gründe für Essstörungen wie Anorexie, Bulimie und Binge Eating Disorder (Essanfälle) sind vielfältig. Hierbei spielen biologische, inter- und intrapsychische* sowie soziokulturelle Faktoren eine Rolle. Das überzogene Schön-heits-, Schlankheits- und Jugendlichkeitsideal der heutigen Zeit trägt ebenfalls dazu bei, dass Essstörungen bei Jugendlichen zunehmen und Diäterfahrungen schon bei jungen Mädchen zur Regel werden. Essstörungen sind psychosomatische Erkrankungen mit einer oftmals ausgeprägten Suchtsymptomatik.
Die Krankheitsbilder sind gekennzeichnet durch ein weitgehend funktionalisiertes Essverhalten. Die Nahrungsaufnahme steht im Dienst von Bedürfnissen, die mit Ernährung nichts mehr zu tun haben. Nur vordergründig geht es bei Essstörungen um Gewicht und Körpernormen. Hinter dem gestörten Essverhalten verbergen sich schwerwiegende seelische Erkrankungen. Essstörungen können ein Symptom, ein Signal, ein Selbstheilungsversuch sein, emotional nicht auszuhaltende, nicht integrierbare Prozesse zu kompensieren. Menschen mit Essstörungen fällt es besonders schwer, ihre physischen und psychischen Bedürfnisse wahrzunehmen. So werden Gefühle wie Unwohlsein, Müdigkeit, Stress, Einsamkeit, Leere und Wut mit Hilfe des Essens reguliert. Essen (bzw. Nicht-Essen) stellt in der Essstörung ein Symbol für die Gestaltung von Beziehungen dar. Im gestörten Essverhalten drücken sich Probleme im Umgang mit zwischenmenschlichen Grenzsetzungen und in der Wahrnehmung und Verarbeitung von Gefühlen aus. Allen Formen von Essstörungen ist eine aktive Konfliktvermeidung gemeinsam. Konflikte werden auf die Ebene der Nahrungsaufnahme verschoben. Das Essen hat somit seine „normale“ Funktion, die (möglichst genussvolle) Befriedigung von Hunger weitgehend verloren und wird in zunehmendem Maße zum Regulator zwischenmenschlicher und intrapsychischer Prozesse. Alle Essstörungen charakterisiert, dass die Beschäftigung mit Essen und Gewicht im Zentrum der Gedankenwelt steht und den Tagesablauf bestimmt.
Magersucht
Etwa 0,5 bis ein Prozent der Mädchen und Frauen zwischen zwölf und 30 Jahren sind von einer Magersucht betroffen. Diese ist gekennzeichnet durch eine absichtlich herbeigeführte massive Gewichtsreduktion. Das Körpergewicht liegt mindestens 15 Prozent unter dem der Größe und dem Alter entsprechendem Normalgewicht. Der Body-Maß-Index (BMI)** liegt bei höchstens 17,5. Da Magersüchtige oft an einer Körperschemastörung leiden, empfinden sie sich selbst dann noch als dick, wenn sie schon unter starkem Untergewicht leiden. Die Betroffenen reduzieren ihr Gewicht in erster Linie durch Hungern bzw. Nahrungsverweigerung. Aber auch selbst herbeigeführtes Erbrechen, übertriebene sportliche Aktivitäten und Medikamentenmissbrauch (Abführ- und Entwässerungsmittel, Appetitzügler) gehören zu den Maßnahmen der Gewichtsreduktion.
Bulimia nervosa
Die Bulimie ist gekennzeichnet durch Essanfälle und kompensierende Maßnahmen, die eine Gewichtszunahme verhindern oder verringern. Rund zwei bis vier Prozent der Mädchen und Frauen zwischen 15 und 35 Jahren leiden unter Bulimie. Die Betroffenen sind meist normalgewichtig. Sie sind jedoch mit ihrer Figur unzufrieden und haben große Angst vor einer Gewichtszunahme. So wird das eigene Essverhalten stark reguliert. Gleichzeitig kommt es immer wieder zu Heißhungeranfällen, bei denen große Mengen an hoch kalorienhaltigen Nahrungsmitteln konsumiert werden. Mit verschiedenen gewichtsregulierenden Maßnahmen bekämpfen die Betroffenen ihre Heißhungeranfälle. Das kann durch Erbrechen, Diäten, exzessiven Sport oder Missbrauch von Medikamenten geschehen.
Binge Eating Disorder
Unter Binge Eating Disorder wird eine Essstörung mit Essanfällen ohne kompensatorische gewichtsregulierende Maßnahmen verstanden, was in aller Regel zu Übergewicht bzw. Adipositas (Fettleibigkeit) führt. Etwa 2,5 Prozent der Bevölkerung sind von dieser Erkrankung betroffen.
Betroffene Jugendliche sollte man nicht vor der Klasse ansprechen. Essstörungen sind etwas sehr Intimes. Man sollte seine Sorge im persönlichen Gespräch formulieren und diese auf konkrete Beobachtungen beziehen. Ausgeprägte Schuld- und Schamgefühle bei Essgestörten erfordern ein umsichtiges Verhalten und Verständnis für eine möglicherweise anfangs brüske Reaktion und Zurückweisung. Ohne das Wissen des betroffenen Mädchens oder Jungen sollte man nichts unternehmen. In Absprache mit dem Jugendlichen sollten bei Bedarf die Eltern mit einbezogen werden. Zusätzlich sollte man sich selbst fachliche Unterstützung einholen.
Sigrid Borse,
Diplompädagogin,
Geschäftsführerin des Frankfurter Zentrums für Ess-Störungen gGmbH
(// www.essstoerungen-frankfurt.de)
Bundesweites Präventionsprogramm für Schulen: // BodyTalk
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