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02.02.2010

Wenn Kinder erwachsen werden: Was junge Menschen zwischen 13 und 15 Jahren denken und fühlen

Jugendliche in der Pubertät: Was ist ihnen wichtig, was treibt sie um, wie erleben sie die Erwachsenen in ihrem Umfeld, in der Familie, in der Schule? Wie ist das Verhältnis zu Gleichaltrigen? Dazu äußern sich vier Jugend­liche zwischen 13 und 15 Jahren aus Berlin.
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Anna Frick: „Manchmal geht es mir zu weit“

Anna Frick, 15, 10. Klasse, Friedrich- Engels-Gymnasium, Berlin Reinickendorf (Mutter Erzieherin, Vater Wirtschaftswissenschaftler)

Es wundert mich, was manche Erwachsenen ihre Kinder alles machen lassen. Das fällt mir auf, wenn Mitschüler erzählen, dass sie am Wochenende bis zwei Uhr nachts unterwegs waren und sich zugesoffen haben. Und die Eltern kümmern sich nicht drum. Ist doch krass. Als wir im Unterricht über Komasaufen geredet haben, war ich überrascht, was da alles auf den Tisch kam. In der Parallelklasse gab es Schüler, die sich so zugedröhnt haben, dass sie sich an nichts mehr erinnern konnten. Und die finden das auch noch cool.

Meine Eltern achten sehr darauf, mit wem ich unterwegs bin und was ich mache. Finde ich gut. Auch wenn es mir manchmal zu weit geht. Kürzlich etwa war mein Vater total sauer, dass ich bis spät auf einer Geburtsfeier in der Gemeinde bleiben wollte, obwohl mich ein Freund bis vor die Tür zurückbringen würde und es mit Mama abgesprochen war. Ich glaube, Erwachsenen fällt es schwer zu akzeptieren, dass man größer wird.

Wir haben klare Regeln in der Familie und jeder muss mit anpacken. Toll finde ich, dass wir jeden morgen zusammen frühstücken, da startet man gleich mit einem schönen Gefühl in den Tag. Manchmal machen wir Spieleabende oder schauen gemeinsam fern, das genieße ich. Nur, dass Papa meist erst so spät nach Hause kommt und oft auf Dienstreisen ist, finde ich schade. Das wünsche ich mir später, wenn ich selbst mal Kinder habe, mal anders. Aber ich fühle mich sehr wohl in meiner Familie, habe ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern, kann immer mit ihnen reden, wenn mich etwas umtreibt.

Zum Glück komme ich in der Schule mit vielen gut klar, es gibt kein Angezicke, keinen Stress. Mit vier, fünf Leuten treffe ich mich auch nach dem Unterricht. Dann gehen wir ins Kino oder Shoppen oder reden darüber, was wir gerade in der Klasse doof finden.

Mit den meisten Lehrern komme ich ganz gut klar. Aber einige gehen gar nicht auf uns ein, die verstehen uns nicht und akzeptieren keine andere Meinung. „Das ist falsch“, heißt es dann, auch wenn ausdrücklich die eigene Meinung gefragt war. Das kann mich richtig wütend machen. Einmal war ich so angepiekst, dass ich der Lehrerin gesagt habe: „Das bleibt aber meine Meinung, punkt. Ich will darüber nicht diskutieren.“ Klar müssen Schüler eine Autoritätsperson respektieren, aber ich wünschte mir, dass die Lehrer uns erns­ter nähmen und selbstkritischer wären.


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Mohammed El-M.: „Wir dürfen nur im Kopf lieben“

Mohammed El-M., 15, 9. Klasse, Kepler-Schule, Berlin Neukölln, Vater Koch, Mutter Hausfrau

Früh morgens habe ich im Moment oft keinen Bock auf Schule. Ich komme einfach sehr schwer aus dem Bett. Wenn ich frei habe, schlafe ich bis zwölf Uhr. Chemie und Mathe mache ich gern, hängt ein bisschen vom Thema ab. Elektrik hat mir auch Spaß gemacht. Aber Klassenarbeiten sind ätzend, es fällt mir manchmal schwer zu lernen, das ist zu viel Stoff. Und ich möchte es ja gut machen. Am liebsten würde ich die Mittlere Reife schaffen. Sonst habe ich nur den erweiterten Hauptschulabschluss.

Manche Lehrer sind knallhart bei uns. Wer mal im Unterricht quatscht, bekommt gleich eine sechs. Selbst wenn man nur einem anderen Schüler antwortet, der einen angesprochen hat. Aber wahrscheinlich haben die Lehrer selbst Stress. Haben sich vielleicht gerade mit einer anderen Klasse gezofft. Meine Mitschüler nerven mich nicht so, eher nerve ich sie. Wenn ich gut drauf bin, geht es schon mal mit mir durch. Dann sag’ ich zu anderen so Sachen wie „Du bist dick“ oder so. Aber ich mein’ das nicht so.
 
Seit ich boxe, bin ich viel ruhiger. Mindestens dreimal die Woche gehe ich zum Training, danach manchmal noch zu Akrobatik. Ich brauch’ den Sport. Er hilft auf der Straße, cool zu bleiben. Früher bin ich schnell ausgerastet, hab’ einem anderen schnell mal eine gescheuert, wenn mir jemand doof kam. Aber schlagen darf man nie außerhalb des Rings, sagt unser Trainer. Mit meinen Freunden rede ich oft übers Boxen. Oder über Musik. Ein paar aus meiner Klasse rappen. Da rappen wir in der Pause zusammen und reden über neue Texte. Einer war sogar schon mal bei RTL in „Das Supertalent“.

Ich habe vier Brüder und drei Schwestern. Zu Hause ist immer etwas los, aber wir verstehen uns gut. Meine Eltern sind sehr in Ordnung, meine Mutter kocht super. Streng sind sie zum Glück nicht. Klar, wir dürfen nicht ausgehen, auf Partys oder in Discos. Aber das ist normal für mich, meine Eltern kommen aus dem Libanon, da ist das eben so. Ich finde das auch richtig. Eine Freundin habe ich nicht. Das ist verboten bei uns bis zur Hochzeit. Vorher dürfen wir nur „im Kopf“ lieben. Ich bin sehr gläubig, jedes Wochenende gehe ich mit meiner Familie in die Moschee, da haben wir Unterricht und lernen viel darüber, was uns der Koran über die Ehe sagt und über das Leben. Das wird auf Deutsch übersetzt, damit wir es verstehen.

Ich möchte später am liebsten Profiboxer werden. Mein Trainer sagt, dass ich gute Chancen habe.


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Sara Ilgowski: „Mit dir kann man nichts anfangen“

Sara Ilgowski, 13, 7. Klasse deutsch-polnische Europaschule
Robert Jung, Berlin Tiergarten (Mutter Kranken­schwester,
Vater Handwerker)

Es nervt mich, dass viele in meiner Klasse keinen Bock haben, zur Schule zu gehen. Sie schwänzen und rauchen und die Mädchen haben nur Jungs und Schminken im Kopf. Die glauben, dass sie unheimlich cool sind, hängen viel mit älteren Jungs rum und halten sich für etwas Besseres. Wenn man da nicht mitmacht, heißt es: „Mit dir kann man ja nichts anfangen.“ Das finde ich blöd. Zu denen will ich keinen Kontakt. Da halte ich mich lieber an die netten Klassenkameraden, vor allem in der Parallelklasse gibt es nette Mädchen, da habe ich viele Freundinnen. Ich gehe gerne zur Schule.

Naturwissenschaften, Englisch, Kunst, Sport – das macht mir Spaß. Mühsam ist nur, dass ein Teil des Unterrichts in polnisch ist. Das kann ich zwar fließend sprechen, weil meine Eltern aus Polen kommen, aber nicht so gut lesen und schreiben.

Wir haben nette Lehrer und strenge. Unsere alte Mathelehrerin zum Beispiel war total streng. Die schrie, wenn man was Falsches sagte. Die meisten hatten Angst, sich zu melden. Nicht in Ordnung finde ich, wenn Lehrer gemein zu den Schülern sind.

Die Schule geht meist bis 16 Uhr, da bleibt nicht mehr so viel freie Zeit. Ich spiele dann zuhause Klavier oder treffe meine beste Freundin, die ich noch aus der Grundschule kenne.

Die Regeln meiner Eltern kann ich schon nachvollziehen: früh schlafen, nicht so viel ausgehen, weniger mit meiner Schwester streiten, Hausaufgaben machen. Nur, dass meine Mutter bei mäßigen Noten meckert, bei super Noten dagegen gar nicht so doll Freude zeigt, finde ich schade.


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Felix Braun: „Am meisten interessiert mich Sport“

Felix Braun, 15, 9. Klasse, Poelchau-Oberschule, Berlin Charlottenburg (Mutter Chef-Assistentin, Vater Pilot)

Zur Schule gehe ich ganz gern. Die Lehrer sind nicht so streng. Englisch und Bio mag ich am liebsten, auch weil ich in diesen Fächern super bin. Und Sport natürlich. Ich gehe auf eine Schule mit Schwerpunkt Sport, mache Eishockey als Leistungsfach. Dreimal die Woche stehe ich zwei Stunden auf dem Eis, nachmittags gibts Vereinstraining, am Wochenende Spiele. Zuviel ist mir das nicht. Ich bin mit Eissport aufgewachsen. Meine Mutter war Eiskunstläuferin, schon als kleines Kind habe ich sie zum Training begleitet. Irgendwann bekam ich selbst Schlittschuhe, einen Anzug und dann ging es aufs Eis.

Ich bin erst vor eineinhalb Jahren von Hamburg nach Berlin gezogen. Meine Eltern sind geschieden, seitdem habe ich wenig Kontakt zu meinem Vater. Er arbeitet als Pilot in Afrika. Die meisten Freunde von mir leben noch in Hamburg, meinen besten Freund besuche ich regelmäßig. Bevor meine Mutter und Schwester nachgezogen sind, habe ich ein Jahr lang in einem Sportinternat gelebt. Das war sehr locker dort, zehn Leute, eine Betreuerin, die um zehn Uhr abends sagte, geht mal besser ins Bett, aber sich dann nicht mehr um uns gekümmert hat. Wir konnten machen, was wir wollten.

Das fand ich klasse. Jetzt, wo ich wieder bei meiner Mutter lebe, geht es viel strenger zu. Um spätes­tens halb elf muss das Licht aus sein, eine ziemliche Umstellung. Aber ich mag es, dass meine Mutter sich mit dem Essen an meine Trainingszeiten anpasst. Da hat man ein bisschen Zeit miteinander.
Wir haben ein entspanntes Verhältnis, etwas ernster als mit Freunden, aber doch locker und vertraut. Wenn beim Sport etwas nicht so klappt oder mich in der Schule etwas nervt, gehe ich immer zu meiner Mutter. Nur wenn es um Mädchen geht, rede ich lieber mit meinem besten Freund.

Die meisten Freunde habe ich im Sportverein. Ansonsten bin ich auch gern für mich. Ich brauche die Ruhe. Dann mache ich Krafttraining, gehe joggen, surfe im Internet, schaue Fernsehen oder setze mich an meine Spielkonsole.

Aufgezeichnet von Anja Dilk,
freie Journalistin


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