„,Pädagogische Arbeit' wird in unserer Gesellschaft an ganz vielen Stellen von ganz unterschiedlichen Personen verrichtet: Das junge Paar, das ein sechs Monate altes Kind versorgt, gehört genauso dazu wie der Oberstudienrat, der sich um die Jugendlichen seines Leistungskurses kümmert. „Pädagogische Arbeit“ kommt im privaten Alltagsleben genauso vor wie als professionelle Berufstätigkeit.
Die Frage, wie diese Arbeit angesehen, bewertet, wertgeschätzt wird, stellt sich für alle gesellschaftlichen Bereiche. Und damit ist auch die Frage verbunden, welche Unterstützung die Gesellschaft denjenigen bietet, die die pädagogische Arbeit leisten.
Dass die Unterstützung für junge Eltern dürftig ist, dass sie besonders stark finanziell belastet werden, dass dabei die beruflichen Entwicklungen (insbesondere bei jungen Frauen) behindert werden – dies alles ist lange Zeit nicht ernst genommen worden. Die seit Jahren rückläufigen bzw. stagnierenden Geburtenraten – aus dieser Entwicklung erwachsen jetzt die massiven Probleme einer überalterten Gesellschaft – sind gleichsam die „Quittung“ dafür. Politische Reaktionen erfolgen erst jetzt – und damit viel zu spät: Das „Elterngeld“ als finanzielle Unterstützung (und öffentliche Anerkennung) pädagogischer Arbeit ist ein Schritt in die richtige Richtung.
Doch was wird nach zwölf oder 14 Monaten elterlicher Betreuung? Wo sind die dringend notwendigen Krippenplätze für die Null- bis Dreijährigen? Wenn die Kinder dann als Dreijährige in die Kita kommen, haben sie es erstmals mit Menschen zu tun, die Erziehung als Beruf ausüben. Welche Ausbildung (und damit auch: welche Bezahlung) wird in unserer Gesellschaft als ausreichend angesehen, um kleine Kinder zu erziehen und zu bilden?
In Kanada, in Finnland (und in etlichen anderen Ländern) werden Vorschulerzieher an Universitäten ausgebildet; bezahlt werden sie genauso wie Lehrkräfte an Grundschulen. Bei uns wird nach wie vor eine Fachschulausbildung für ausreichend gehalten – und erste Studiengänge an Fachhochschulen stoßen auf große Skepsis der Kita-Träger. Spätestens seit PISA wird von allen politischen Seiten betont, wie wichtig, wie verantwortungsvoll gerade die Arbeit im Vorschulbereich sei. Doch die Konsequenzen, was Ausbildung und Bezahlung angeht, will niemand ernsthaft ziehen.
Wie sieht es mit der Wertschätzung der Lehrerarbeit aus? Das vergleichsweise hohe Prestige von Lehrkräften hat vor allem mit ihrem akademischen Studium zu tun. Dem entspricht eine Bezahlung, die sich auch im internationalen Vergleich sehen lassen kann – wenn man denn eine volle Stelle hat.
Allerdings machen viele Lehrerinnen und Lehrer zunehmend die Erfahrung, dass die öffentliche Wertschätzung ihrer Berufsarbeit abnimmt, dass auch der Respekt ihnen gegenüber schmilzt. Die Ursachen kann man dann im Fehlverhalten einzelner Kollegen suchen – dafür gibt es immer auch Beispiele. Doch das sind vordergründige Verweise, wir haben es hier jedoch mit einer tiefer liegenden Entwicklung zu tun:
Weil es der Institution Schule immer schwerer fällt, ihren Schülerinnen und Schülern zu den erhofften beruflichen Einstiegen zu verhelfen, geraten die Lehrkräfte in einen zunehmend kritischeren Blick: Grundschullehrerinnen können nicht jede Hoffnung auf eine Gymnasialkarriere erfüllen, Hauptschullehrer können trotz aller Mühen oft nicht einmal zu einem Ausbildungsplatz verhelfen, und das Gymnasium liefert oft nicht den erhofften NC-Notendurchschnitt. Kurz: Die Wertschätzung der Lehrerarbeit bröckelt auch deshalb, weil bei immer stärkerer gesellschaftlicher Konkurrenz um Ausbildung und Arbeit sich immer mehr Heranwachsende in ihrer Hoffnung auf schulischen Erfolg enttäuscht sehen – und weil Schule und Lehrer deshalb gerne auf die Anklagebank gesetzt werden.
Die Einsicht, dass die Wertschätzung pädagogischer Arbeit eben auch vom gesellschaftlichen und politischen Umfeld abhängig ist, mag trivial sein. Es ist jedoch notwendig, daran immer dann öffentlich zu erinnern, wenn wieder mal ein Politiker glaubt, sich durch eine pauschale Lehrerkritik profilieren zu können."
Gastkommentar von Klaus-Jürgen Tillmann, Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Bielefeld, in E&W 1/2007