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Vorwort von Andreas KellerDominantes Leitbild der gegenwärtigen Umstrukturierung der Hochschulen ist das Projekt einer „deregulierten“, „entfesselten“ oder „unternehmerischen“ Hochschule. Dieses Leitbild zielt darauf ab, die Hochschulen nach dem Vorbild gewerblicher Unternehmen und betriebswirtschaftlicher Steuerungsmodelle umzubauen. Studierende werden zu zahlungspflichtigen Kunden, die Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen der Kolleginnen und Kollegen in Lehre, Forschung, Technik und Verwaltung werden dereguliert und prekarisiert. Eliteuniversitäten, autokratische Leitungsstrukturen, steinige Karrierewege, verschulte und verdichtete Kurzzeitstudiengänge, Markt- und Profitorientierung der Forschung sind weitere Schlagworte, die für die gegenwärtige Umstrukturierung von Hochschule und Forschung stehen.
Aber Bildung ist keine Ware, Hochschulen sind keine Dienstleistungsunternehmen! Die „unternehmerische Hochschule“ kann kein Leitbild sein, das den bildungs- und wissenschaftspolitischen Herausforderungen der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts gerecht wird. Die GEW, die als Bildungsgewerkschaft im DGB Beschäftigte und Studierende in Hochschule und Forschung organisiert, legt daher ein alternatives Leitbild für eine umfassende Reform der Wissenschaft vor, das integraler Bestandteil einer Reform des gesamten Bildungssystems ist. „Wissenschaft demokratisieren, Hochschulen öffnen, Qualität von Forschung und Lehre entwickeln, Arbeits- und Studienbedingungen verbessern“ lautet das Motto des neuen wissenschaftspolitischen Programms der GEW, das der Gewerkschaftstag am 28. April 2009 in Nürnberg beschlossen hat.
Mit ihrem neuen wissenschaftspolitischen Programm zeigt die GEW: Wir können auch anders! Wir können die Hochschulen öffnen, die Finanzierung von Hochschule und Forschung ausbauen und gerechter gestalten, die Hochschulautonomie und die staatliche und gesellschaftliche Verantwortung für die Hochschulen gleichermaßen stärken, die Hochschulselbstverwaltung demokratisieren, Forschung, Lehre und Studium familienfreundlich organisieren, Geschlechtergerechtigkeit verwirklichen, die Personalstruktur in Hochschule und Forschung aufgabengerecht reformieren, Lehre und Studium erneuern und ihre Qualität entwickeln, Forschung als gesellschaftliche Aufgabe fest verankern. Wir können auch anders – mit ihrem wissenschaftspolitischen Programm zeigt die Bildungsgewerkschaft GEW, dass und wie es anders geht.
Der Verabschiedung des neuen wissenschaftspolitischen Programms ist ein umfassender Diskussionsprozess vorausgegangen, an dem zahlreiche Kolleginnen und Kollegen in der GEW, aber auch darüber hinaus viele Gesprächs- und Bündnispartner konstruktiv teilnahmen. Dafür ist allen Beteiligten herzlich zu danken! Mit der Verabschiedung ist die Diskussion über das neue wissenschaftspolitische Programm der GEW aber nicht abgeschlossen – im Gegenteil. Wir möchten jetzt mit den anderen Gewerkschaften im DGB, mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen, mit wissenschaftspolitischen Organisationen, mit politischen Parteien, mit gesellschaftlichen Bündnispartnern und nicht zuletzt mit Studierenden und den in Lehre, Forschung, Technik und Verwaltung beschäftigten Kolleginnen und Kollegen diskutieren: Wie zukunftsfähig sind die wissenschaftspolitischen Forderungen der GEW? Wer hilft bei der Umsetzung des neuen Programms? Taugt das neue wissenschaftspolitische Programm der GEW als Blaupause für die Bildungs- und Forschungspolitik des Bundes und der Länder, für die Reform des BAföG, der Landeshochschulgesetze oder der Tarifverträge? Alle sind herzlich eingeladen, sich an dieser Debatte zu beteiligen.
Frankfurt am Main, im Juni 2009
Dr. Andreas Keller
Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands der GEW
Leiter des Vorstandsbereichs Hochschule und Forschung