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02.12.2008

Vorbild Sachsen? Im ostdeutschen Freistaat ticken die PISA-Uhren etwas anders

Sachsen hat im aktuellen innerdeutschen PISA-Vergleich am besten abgeschnitten. Steht in allen getesteten Disziplinen – Naturwissenschaften, Mathematik, Lese- und Textverständnis – an der Spitze und verweist damit den bisherigen Spitzenreiter Bayern auf den zweiten Rang. Der Lernvorsprung zum Schlusslicht Bremen beträgt bis zu zwei Schuljahre (s. Seite 10). Sind ein zweigliedriges Schulsystem, kleinere Klassen, bessere Lehrerversorgung die Gründe für das relativ hohe Leistungsniveau sächsischer Schülerinnen und Schüler? Bestätigen die PISA-Ergebnisse (s. Seite 13 f.) die Schulpolitik des Freistaats? Ist Sachsen, schulisch gesehen, also Vorbild?

Brauner, abgeblätterter Putz, kaputte Fensterscheiben – sieht so eine deutsche PISA-
Sieger-Schule aus? Das Humboldt-Gymnasium im Leipziger Stadtteil Reudnitz hat schon bessere Zeiten erlebt. 100 Jahre alt ist die Schule in diesem Jahr geworden. Das Gebäude, in dem die rund 600 Zehn- bis 18-Jährigen täglich lernen, macht den Eindruck, als ob der Zahn der Zeit doppelt so lange an der Substanz genagt hat. „Das wird alles besser“, sagt Schulleiterin Uta Machner gleich beim Empfang. „Im nächsten Jahr beginnt die Sanierung des Gebäudes.“

Zwei Lernprofile

Das pädagogische Innenleben der Schule ist dagegen schon vor Jahren saniert worden. Hier lernen angehende Musiker und bildende Künstler Tür an Tür mit späteren Ingenieuren, Informatikern oder Biologen. Das Humboldt-Gymnasium bietet dazu zwei Lernprofile an: eine naturwissenschaftlich-technisch orientierte Fächerwahl und eine Kombination aus Kunst und Musik. Im jeweiligen Schwerpunkt wird zusätzlich eine Stunde pro Woche interdisziplinär unterrichtet, so sind im Profilbereich Naturwissenschaften die Fächer Physik, Chemie und Biologie zu einem Fach zusammengefasst. An drei Tagen in der Woche bleiben die Kinder und Jugendlichen auch nachmittags in der Schule. Es gibt Hausaufgabenbetreuung und Förderunterricht sowohl für Leistungsschwächere wie auch für die besonders Begabten. Das gelte vor allem für den Bereich Naturwissenschaft/Mathematik, für den es Kooperationsvereinbarungen mit den örtlichen Hochschulen gebe. Hierdurch könnten bereits Achtklässler Uni-Luft schnuppern.

Das Gymnasium liegt damit auf der vom sächsischen Schulministerium vorgegebenen Linie. Dieses hatte nach der ersten PISA-Studie verkündet: Wir sind gut, wollen aber noch besser werden! Der Schwerpunkt liegt dabei auf einem Ausbau des fächerübergreifenden, interdisziplinären Unterrichts sowie von Ganztagsangeboten. Außerdem wird Informatik-Bildung – in anderen Bundesländern oft stiefmütterlich behandelt – seit der ersten PISA-Studie als verbindlicher Lerninhalt bereits in der Grundschule vermittelt.

Sachsen hat nach PISA aber noch andere Schlussfolgerungen gezogen. Eine davon heißt: Wenn wir im innerdeutschen Vergleich gut abschneiden, dann haben wir schon vor PISA alles richtig gemacht! Bei der sächsischen Bildungsagentur verweist man auf die im Bundesvergleich überdurchschnittlichen Ausgaben von 5800 Euro jährlich pro Schüler*, die zentralen Abschlussprüfungen, das Abitur nach der 12. Klasse sowie die Wiedereinführung der Ziffernnoten schon für Zweitklässler Mitte der 1990er-Jahre. Zudem sei die Klassengröße gerade in der Sekundarstufe I kleiner als in anderen Ländern. Während bundesweit 2007 in den Klassen 5 bis 10 statistisch gesehen 24,7 Kinder pro Klasse lernten, seien es in Sachsen zwei Schüler weniger gewesen. Kleinere Klassen, aber auch eine bessere Lehrerversorgung – in der Sekundarstufe I: 12,4 Schüler pro Lehrer – schaffen vergleichsweise gute Lern- und Arbeitsbedingungen.

Schlussfolgerungen nach PISA

Ergänzt werden diese Maßnahmen durch so genannte Orientierungsarbeiten in den Fächern Deutsch und Mathematik in den dritten Klassen sowie zusätzlich in Englisch an den Mittelschulen und Gymnasien in den Klassenstufen 6 und 8. „Das Niveau dieser Tests ist zu hoch“, kritisiert Uta Machner. „Die Ergebnisse fallen schlechter aus als die Leistungen, die die Schüler während des ganzen Jahres über erbringen.“ Sie setzt deshalb darauf, dass mit der von der Landesregierung versprochenen Umstellung auf Kompetenztests, die nicht benotet werden müssen, der Druck auf Lehrer wie Schüler ab dem nächsten Schuljahr weniger wird.

Die sächsische GEW-Vorsitzende Sabine Gerold ist nicht ganz so optimistisch. Sie fürchtet, dass sich inhaltlich an den Vergleichstests nicht viel ändern wird und dass die Arbeiten zu einem Schulranking missbraucht werden könnten. Sie teilt auch nur bedingt die Zufriedenheit des Schulministeriums in Dresden mit dem sehr guten Abschneiden sächsischer Schüler beim innerdeutschen PISA-Test (PISA-E). Im Freistaat seien die sozialen Unterschiede noch nicht so groß wie in vielen westdeutschen Ländern (s. Seite 18 f.). Zudem haben hier, wie ein Blick in die Statistik zeige, Migranten weniger Probleme mit dem Schulsystem und umgekehrt. So gehen 42 Prozent der jungen Vietnamesen, die ein Viertel der rund 3,7 Prozent Schüler mit Migrationshintergrund** im Land stellen, aufs Gymnasium. Insgesamt stieg der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund an den Gymnasien in den vergangenen fünf Jahren von 1,9 auf 3,6 Prozent. Am Leipziger Humboldt-Gymnasium sind es vor allem Schüler aus den GUS-Staaten, die durch gute Leistungen glänzen.

GEW ist nicht optimistisch

Der erste sächsische Bildungsbericht, den Schulminister Roland Wöller (CDU) Anfang Oktober 2008 vorlegte, bestätigt die PISA-Befunde. Die Übertrittsquote auf die Gymnasien nach der vierten Klasse ist im vergangenen Schuljahr landesweit auf 50,5 Prozent gestiegen, die Unterschiede zwischen den Landkreisen sind gering. Sachsen nimmt damit eine Spitzenposition unter allen 16 Bundesländern ein. Die Befürchtungen, Gymnasiallehrer versuchten, leistungsschwächere Kinder auf die Mittelschulen abzustufen, haben sich nicht bewahrheitet. Sachsenweit liegt die entsprechende Quote jährlich bei rund zwei Prozent. Sabine Gerold sieht den Grund auch in der Ausbildung der Lehrer, die ihr Handwerk in der Regel noch in der DDR gelernt und daher „einen Blick für die Notwendigkeit individueller Förderung” hätten.

Allerdings bleiben auf dem Weg zum Abitur in den höheren Klassen überdurchschnittlich viele Schüler auf der Strecke. An Uta Machners Schule liegt die Durchfallerquote jährlich bei fünf bis zehn Prozent, landesweit haben im vergangenen Schuljahr fast zehn Prozent der Zwölftklässler die hohe Messlatte des sächsischen Zentralabiturs nicht überspringen können und die Tendenz der vergangenen Jahre ist laut Bildungsbericht ansteigend.

Im sächsischen Schulministerium sieht man solche Zahlen ganz und gar nicht gerne und verweist lieber auf die Bildungsangebote der Mittelschulen. Roman Schulz von der Regionalstelle Leipzig der sächsischen Bildungsagentur betont, dass Schulen, in denen Haupt- und Realschüler gemeinsam lernen, anderen unionsgeführten Ländern heute als Vorbild dienten. Die bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im sächsischen Landtag, Cornelia Falken, sieht diese Vorbildfunktion dagegen nur bedingt. Zum einen sei es begrüßenswert, dass man in Sachsen nicht den Fehler gemacht habe, nach der Wende das dreigliedrige System aus dem Westen zu importieren und auf die Hauptschule verzichtet hat. Andererseits gebe es natürlich auch in den Mittelschulen eine Aufspaltung der Schülerschaft in Haupt- und Realschulklassen, kritisiert Falken. Und die von der sächsischen Landesregierung gebetsmühlenartig beschworene Durchlässigkeit des zweigliedrigen Schulsystems existiere nur in der Theorie.

Nach dem Ansturm auf die Gymnasien nach der vierten Klasse mauert man auch in Sachsen: Zwischen der fünften und der zehnten Klasse liegt die Übertrittsquote von den Mittelschulen auf die Gymnasien im Schnitt bei 0,5 Prozent pro Jahr. Sabine Gerold wiederum betont, dass der Freistaat mit seinem System aus Mittelschule und Gymnasium lediglich das Leistungspotenzial eines gegliederten Schulsystems optimal ausschöpfe. „Wer bessere Bildung will, muss auch die Schulstruktur verändern.“ Und vielleicht, gibt sie zu bedenken, sei das Geheimnis des sächsischen PISA-Erfolgs viel profaner. „Wir hatten nach der Wende durch stabile politische Mehrheiten eine gewisse Kontinuität in der Bildungspolitik, und das ist für die Arbeit von Lehrerinnen und Lehrern immer hilfreich.“

Jürgen Amendt,
Redakteur „Neues Deutschland“

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