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Von Diyarbakir nach Dersim/TunceliDer fünfte Tag unseres Delegationsprogramms im kurdischen Teil der Türkei ist geprägt von einer längeren Bustour mit viel Gepäck. Wir verlassen unsere schöne Aufenthaltsstätte der letzten Tage, das Hotel „Kervanseray“ in Diyarbakir, um in den ca. 300 Kilometer entfernten Ort Dersim zu fahren. Bevor wir aber zur zweiten Station unserer Reise starten, haben wir ein Treffen mit der Bürgermeisterin von Baglar, Yüksel Baran. Baglar ist einer der vier Stadtbezirke, aus denen sich Diyarbakir zusammensetzt. Allein in diesem Stadtteil leben 350.000 Menschen, meist Flüchtlinge und Vertriebene aus umliegenden Dörfern, die im Zuge der gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Militär und PKK-Guerilla in den neunziger Jahren in die Stadt gezogen sind, was Baglar zu einem sozialen Brennpunkt macht. Unser Treffen wird von Zeitdruck überschattet, da sich unser Busfahrer am Morgen verspätete und somit unsere gesamte Planung in Verzug geriet. Nach Auskunft der Bürgermeisterin besitzen die Bewohner von Baglar wenig Bildung und sind meist nicht in der Lage, aufgrund ihrer sozialen Situation und ihrer mangelnden Erfahrung, sich Arbeit zu beschaffen. Dazu kommt, dass es in der strukturschwachen Region Diyabakir und in dem schnell gewachsenen Baglar einfach kaum Arbeitsplätze gibt. Für die Bürgermeisterin und ihre lokale Verwaltung ist es kaum möglich, den Aufbau von Bildungseinrichtungen zu fördern, da in der Türkei im Gegensatz zu Deutschland, wo die Bundesländer die Kulturhoheit im Bildungssektor besitzen, die Verantwortung für Bildung zentralistisch durch das nationale Erziehungsministerium geregelt ist. Außerdem sind die Kommunen abhängig von den finanziellen Zuweisungen der Zentralregierung. Immer wieder werden wir durch den Lärm von Kampfflugzeugen unterbrochen, die im Tiefflug über die Stadt hinweg donnern. Da Diyabakir und seine Stadtbezirke von Politikern der erst kürzlich verboten und unter anderem Namen neu gegründeten Kurdenpartei DTP regiert werden, gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der feindseligen Zentralregierung sehr schwierig. Das Gespräch in der Stadtverwaltung von Baglar wird fortgesetzt mit den beiden Mitarbeiterinnen Serra Bucak und Özlem Yasak, die für soziale Programme und Kooperationsprojekte im Stadtbezirk verantwortlich sind.
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Die Bürgermeisterin von Baglar, Yüksel Baran, (Links) und ihre beiden Mitarbeiterinnen Serra Bucak (Mitte) und Özlem Yasak (Rechts)
Sie berichten uns, dass Baglar ein sehr junger Stadtteil ist: Zwei Drittel der dort lebenden Menschen sind zwischen 15 und 27 Jahren alt. Wir erfahren von verschiedenen kommunalen Programmen zur Bekämpfung der Armut, zur beruflichen Qualifizierung und zur Förderung von Frauen und Kindern. Da die eigenen Finanzmittel beschränkt sind, bemüht die Kommune sich aktiv und erfolgreich um internationale Kooperationen und Unterstützung. Özlem Yasak zählt insgesamt 17 (!) zum Teil recht große Programme auf, die teils durch die EU, teils durch nationale Regierungen oder Nichtregierungsorganisationen gefördert werden. Die Palette umfasst Projekte zur Unterstützung von Straßenkindern, landwirtschaftlichen Entwicklung, Frauenarbeit und zur Erforschung von Ehrenmorden. Auch hier treffen wir erneut auf großes Interesse an weiterer Zusammenarbeit mit der GEW bzw. Partnerorganisationen in Deutschland. Den Nachmittag verbringen wir im Bus nach Dersim. Unsere Fahrt führt vorbei an schönen Seen und schneebedeckten Berggipfeln: Unterwegs begegnet uns immer wieder türkisches Militär in Panzerfahrzeugen aus deutscher Produktion. Wir überqueren mit einer Autofähre einen Stausee und gelangen schließlich auf einer serpentinenreichen Straße ins fast 1.000 Meter hoch gelegene Dersim. Die Stadt heißt offiziell Tunceli, was auf türkisch ‚eiserne Faust’ bedeutet. Mit seinen 30.000 Einwohnern ist Dersim ein kleiner Ort im Vergleich zu Diyarbakir, das offiziell 700.000, inoffiziell aber ca. 1.5 Millionen Einwohner zählt. In unserem Hotel im Zentrum von Dersim werden wir schon von den Kollegen der Egitim Sen erwartet. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde und Abstimmung über das Programm für die kommenden zwei Tage verabreden wir uns mit ihnen zum gemeinsamen Abendessen.
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Links: Überfahrt mit der Fähre
Mitte: Empfang durch Vorstandsmitglieder der Egitim Sen in Desim/Tunceli
Rechts: Kai Vannahme ist Schüler der 13. Klasse der Heinrich-Böll-Gesamtschule in Köln
Texte: Kai Vannahme und Manfred Brinkmann
Fotos Manfred Brinkmann