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Thomas Jahre, Deutschland

„Pädagogik in Bewegung“ heißt das Motto seiner Schule, Thomas Jahre selbst ist die Ruhe in Person: sparsame Gestik, bedachte Sätze, wacher Blick aus hellen Augen. Ein Mann mit Geduld und trockenem Humor. Basics für einen Lehrer der Mathematik, Physik und Informatik. „Ich mache genau das, was ich mein Leben lang wollte“, sagt der 50-Jährige. „Und das an einer Schule, wie ich sie jedem Schüler in Deutschland wünsche.“

„Ich mache genau das, was ich mein Leben lang wollte. Und das an einer Schule, wie ich sie jedem Schüler in Deutschland wünsche.“

Thomas Jahre (50),
Fachlehrer für Mathematik, Physik und Informatik am „Chemnitzer Schulmodell“
Chemnitz, Deutschland

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Kurzporträt Thomas Jahre zum Download:


 

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Das Chemnitzer Schulmodell (CSM) ist ein Kind der Wende. Ursprünglich ein Schulversuch, entwickelte es sich seit 1990 weit über Sachsen hinaus zu einer Art Leuchtturm der Pädagogik. Freiarbeit, Teamarbeit, offener Unterricht, Kollegialitätsprinzip bei der Schulleitung und andere Ideen der Reformpädagogik sind hier Alltag.

„Modell heißt nicht, das das nicht auch anderswo ginge“, stellt Jahre klar, der sich neidische Blicke von außen gut vorstellen kann. „ Die einzige wirkliche Ausnahme, für die wir eine Genehmigung brauchten, ist die Zensierung.“ Sie beginnt nämlich erst ab Klasse 8, vorher gibt es „persönliche Briefe“ und Lernentwicklungsberichte.

Angenehme Unaufgeregtheit

240 Schüler lernen an der Ganztagsschule gemeinsam von Klasse 1 bis 10. Einige verbringen hier im Alter zwischen 6 und 16 Jahren ein Drittel des Tages. Selten nehmen Eltern ein Kind früher heraus. Das bringt eine angenehme Unaufgeregtheit und Kontinuität. „Es entfällt, was mich am deutschen Schulsystem so stört, der Bruch in Klasse 4 beziehungsweise Klasse 6“, sagt Jahre.

„Gerade in meinen Fächern erlebe ich, dass Jungen in der 8./9. Klasse plötzlich aufblühen, Anstrengungsbereitschaft zeigen und sich dann auch Erfolge einstellen. Dann bin ich besonders glücklich darüber.“

Das CSM-Kollegium nutzt seine pädagogischen Freiheiten. „Wer Ideen hat, kann sie auch umsetzen“, ist Jahre überzeugt. Er war der erste, der an seiner Schule Physik, Biologie und Geografie zusammen als Naturkundeunterricht lehrte, obwohl er sich dafür in Biologie und Erdkunde völlig neu einarbeiten musste.

„Ich probierte es mit einer fünften Klasse. Alle waren begeistert. Der ganze Stoff und der ganze Schüler kamen zusammen.“ Inzwischen haben auch die 6. und 7. Klassen seit langem Naturkunde. Für die 8. Klasse fehlten Lehrer, die sich an den komplexen Stoff heranwagen, der in der 10. Klasse zum Teil zentral geprüft wird. „Wir haben die Verantwortung, dass unsere Schüler da durchkommen“, respektiert Jahre die Grenze.

„Wir trauen Kindern viel zu“

Am CSM sind die Sätze „Das haben wir doch noch nie gemacht“ und „Das machen wir doch immer so“ tabu. Sonst gäbe es keinen Werkstattunterricht, bei dem jedes Kind einer Klasse zum Experten in einer Sachfrage wird. Und dann als Meister seine Mitschüler unterweist und bewertet. Oder den Nachhilfeunterricht von Schülern für Schüler. Nicht verschämt am späten Nachmittag, sondern lustvoll mitten am Tag. Lernspaß unter Gleichaltrigen statt „Nachsitzen für Doofe.“

„Wir trauen Kindern viel zu“, erklärt Thomas Jahre. „Wir sind stolz auf die Kompetenzen, die unsere Schüler an den Tag legen“, meint der Sachse ohne falsche Bescheidenheit. Er stützt sich gern auf Fakten: Die Übergangsquote zum Gymnasium liegt am CMS bei über 50 Prozent. Weit über dem Durchschnitt der Mittelschulen in Sachsen. Kein Absolvent dieses Jahres ist ohne berufliche Perspektive.

Was den Pädagogen jedoch ernstlich frustriert und demotiviert ist, „dass meine Anstrengungsbereitschaft nicht gewollt ist.“ So nämlich versteht er den Zwang zur Teilzeitarbeit, dem alle Lehrer in Sachsen unterliegen. „Mangels Stunden musste ich mich entscheiden, ob ich den fachübergreifenden Naturkundeunterricht weiterführe oder meine Mathe-Klasse behalte, die kurz vor Prüfungen steht“, erläutert Jahre die Konsequenzen.

„Ich halte obligatorische Teilzeitarbeit für falsch verstandene Solidarität mit Kollegen. Leider auch mit solchen, vor denen man Schüler lieber schützen sollte“, sagt Jahre. Für solche Sätze wird er kaum spontane Komplimente bekommen wie sonst so oft: für spannenden Unterricht, für die Fähigkeit Vertrauen herzustellen, ohne sich aufzudrängen, für fröhlichen, beinahe kollegialen Umgang mit ehemaligen Schülern.

Trotzdem steht er dazu. Dass das Chemnitzer Schulmodell in Bewegung bleibt, hat für den leidenschaftlichen Lehrer Priorität. Gerade bereitet das Kollegium die Zweizügigkeit und den Status einer Gemeinschaftsschule vor. „Dann können wir endlich mehr Bewerber annehmen“, freut sich Jahre, der oft Tränen bei Abgelehnten sah.

Uta Alexander






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