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04.01.2010

Stillstand - Enttäuschung in Brandenburg: keine Schulreform

In Brandenburg gibt es seit dem Herbst 2009 eine rot-rote Landesregierung. Damit verbunden war zunächst die Hoffnung, dass dies den Weg zur Gemeinschaftsschule ebnen würde. Doch mittlerweile herrscht Enttäuschung: Eine Schulreform ist vorerst von Potsdam nicht zu erwarten.

Es gab Zeiten, da kam Peter Fuchs seiner Vorstellung von „Einer Schule für alle“ schon deutlich näher als heute. Von der ersten bis zur zehnten Klasse unterrichtete die brandenburgische Gesamtschule Wilhelmshorst bis 2005* Schülerinnen und Schüler aller Bildungsgänge gemeinsam; erst zur elften Klasse mussten angehende Abiturienten die Schule wechseln. Dann ereilte den Schulleiter eine Reform, die ihn ins Mark traf: Alle brandenburgischen Gesamtschulen, die keine gymnasiale Oberstufe hatten, wurden in „Oberschulen“ umgewandelt – in kombinierte Haupt- und Realschulen. Seither wurde Fuchs jedes Jahr mit massenhaftem Schülerschwund konfrontiert: Sechs bis sieben von zehn Schülern wanderten in dem gut situierten Vorort Potsdams nach der Grundschule auf das Gymnasium ab. Die Schwächeren blieben an der Schule – und unter sich. Fuchs Fazit: „Mit Chancengleichheit hat das nichts zu tun. Und zweigliedrig ist unser Schulsystem auch nicht: Es ist dreigliedrig.** Jede Schule kämpft um die Besten.“

Talsohle erreicht

Die Schulen Brandenburgs stritten um den Nachwuchs, in einem im Westen lange völlig unbekannten Ausmaß: Der demografische Wandel sowie die massenhafte Abwanderung in die alten Bundesländer halbierte die Zahl weiterführender Schulen seit den 1990er-Jahren nahezu: von mehr als 400 auf heute noch 220. Nach Angaben des Bildungsministeriums ging die Schülerzahl nach der Wende in manchen Regionen um mehr als zwei Drittel zurück. Nun, 20 Jahre nach der Deutschen Einheit, ist die Talsohle erreicht.

Aber selbst in einer so dramatischen Lage setzte man den Nachwuchs lieber bis zu eineinhalb Stunden täglich in den Bus, anstatt mit gemeinsamem Unterricht wenigstens einen Teil der Standorte zu erhalten. „Ja“, konstatiert der brandenburgische GEW-Vorsitzende Günter Fuchs, „den Kampf um die Abschaffung des Gymnasiums will auch hier kaum jemand führen“. Nicht die Ampelkoalition, die Brandenburg bis 1994 regierte, nicht die SPD-Alleinregierung bis 1999, nicht die Koalition aus CDU und SPD bis 2009. Und: Auch nicht die im September gewählte rot-rote Regierung, in deren Koalitionsvertrag es lediglich lapidar heißt: „Wir wollen ein durchlässiges Schulsystem“, und: „Die Rahmenbedingungen für längeres gemeinsames Lernen sollen verbessert werden.“

Ist das alles? In einem Land, in dem die jetzt mitregierende Linkspartei nur unwesentlich weniger Stimmen (0,8 Prozent) als die SPD auf sich vereinen konnte und in ihrem Bundestagswahlprogramm geschrieben steht: „Gemeinschaftsschule bis zur Klasse 10 bundesweit mehrheitsfähig machen und als Regelschule etablieren“? „Es wird in dieser Legislatur keine Schulreform geben“, gesteht Gerrit Große unumwunden zu. Zur Begründung erklärt die bildungspolitische Sprecherin der Links-Fraktion im Potsdamer Landtag, man habe der Bevölkerung nach 17 Schulreformen innerhalb von zehn Jahren keine weitere zumuten wollen. „Lehrkräfte wie Schüler und Eltern brauchen ein biss­chen Ruhe“, sagt Große, „so bedauerlich das ist: Denn natürlich wollen wir politisch die Gemeinschaftsschule.“ Besonders bedauerlich sei, dass das handfeste demografische Argument just seit diesem Jahr keins mehr ist: 2010 werden aller Voraussicht nach erstmals keine weiteren Schulen geschlossen. Große: „Da sind erhebliche Chancen vertan worden.“

„Herbe Enttäuschung“

Für die GEW Brandenburg bleibt das Ergebnis der Koalitionsverhandlungen eine „herbe Enttäuschung“, sagt Günter Fuchs – der mit Schulleiter Fuchs übrigens nur zufällig den Namen teilt. Tatsächlich könnte er mit Blick in den Süden glatt ein bisschen neidisch werden: In Thüringen einigten sich CDU und SPD bei den Koalitionsverhandlungen ganz konkret auf mehr gemeinsames Lernen. Dort soll die Gemeinschaftsschule bis zur achten Klasse als gleichberechtigte Schulform im Schulgesetz verankert werden. Die Kommunen entscheiden dann, wie sie Schüler künftig unterrichten wollen.

Jeannette Goddar,
freie Journalistin

* Die Reform 2005 war ein typischer Großer Koalitions-Kompromiss: Die CDU hätte die Grundschule lieber vierjährig gemacht und Haupt- und Realschule eingeführt – als Kompromiss einigte man sich zwar auf sechs Jahre Grundschule, aber dafür mussten die Sozialdemokraten die Umwandlung von Gesamtschulen ohne Oberstufe in so genannte „Oberschulen“ hinnehmen – au­ßerdem die Einführung von Leistungs- und Begabungsklassen an Gymnasien ab Klasse 5.

** Die Förderschulen eingerechnet ist das Schulsystem viergliedrig.

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