Startseite


 
 
 
 
 
 
 
 

Sri Sumaryati, Indonesien

Eigentlich wollte Sri Sumaryati Wirtschaft studieren. Nach ihrem Schulabschluss hatte sie sich sogar schon eingeschrieben an der Hochschule für Wirtschaftwissenschaften in Yogyakarta, ihrer Heimatprovinz auf der indonesischen Hauptinsel Java. Aber ihr Vater hatte andere Pläne: Der Religionslehrer wünschte, dass seine älteste Tochter die Familientradition fortsetzen sollte – und meldete sie an der Fachoberschule für Lehrer an.

„Manchmal denke ich, dass Theorie und Praxis
in unserem System etwas weit auseinanderklaffen.“

Sri Sumaryati (59),
Grundschulrektorin
Banasara/Provinz Yogyakarta, Indonesien

Download

Kurzporträt Sri Sumaryati zum Download:


 

Bildung kostet

Heute, nach 40 Jahren im staatlichen Schuldienst der Republik Indonesien, erzählt die rundliche 59-Jährige mit einem Lächeln über die vielleicht wichtigste Entscheidung auf ihrem Lebensweg. „Am Anfang fiel es mir schwer, mich nach den Entscheidungen zu richten, die andere für mich getroffen hatten. Aber nach einer Weile habe ich meinen Beruf akzeptiert und später sogar schätzen gelernt“, sagt Ibu – Mutter – Sri, wie sie von allen respektvoll genannt wird, selbst von ihrem Ehemann.

Wer anderen Wissen vermittele, werde später dafür belohnt, hatte der Vater damals mit dem Koran argumentiert. Heute erklärt die Tochter, die ihr Kopftuch je nach Laune trägt oder nicht, ihre Motivation etwas pragmatischer: „Was ich meinen Schülern beibringe, werden sie ihr ganzes Leben lang brauchen. Und wenn sie dann viele Jahre später als Doktor oder Ingenieur vor mir stehen, bin ich stolz auf meine Arbeit.“

Weiterführende Schulen für viele unbezahlbar

Die Kinder in Indonesien werden mit sechs Jahren eingeschult, jedes Jahr rund 4,5 Millionen. Die Grundschulausbildung geht bis zur sechsten Klasse. Im Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt gibt es zahlreiche private muslimische wie auch christliche Schulen, den größten Teil der Ausbildung jedoch trägt der sekuläre Staat, nämlich rund 92 Prozent. Obwohl Schulpflicht besteht, muss der Unterricht bezahlt werden.

Die staatlichen Schulen sind in der Regel die billigsten, dennoch können sich viele der rund 230 Millionen Indonesier eine weiterführende Ausbildung an der Mittel- oder gar Oberschule nicht leisten. Die rund 1,3 Millionen Grundschullehrer – vor allem auf dem generell ärmeren Land – tragen daher eine besondere Verantwortung. Oder besser die Lehrerinnen: Denn der Lehrkörper an indonesischen Grundschulen ist zu fast 60 Prozent weiblich.

Eine knappe halbe Stunde fährt Sri Sumaryati jeden Morgen mit ihrem Moped durch Reisfelder und Kokosnussplantagen zur Arbeit. Um sieben Uhr klingelt die Schulglocke an der Grundschule SD Banasara im Bezirk Lendah der Provinz Yogyakarta, die sie seit Anfang des Jahres leitet. Zehn Lehrer unterrichten hier rund 120 Schüler.

Jeden Montag Morgen müssen alle zum gemeinsamen Fahnenappell antreten, wie an allen staatlichen Einrichtungen in Indonesien üblich. Seit 1999 war Ibu Sri Rektorin an drei verschiedene Schulen im Landkreis Kulonprogo, dies ist ihr voraussichtlich letzter Posten vor der Pensionierung. Mit rund 150 Euro Monatsgehalt ist sie dabei am oberen Ende der ihr möglichen Beamtenlaufbahn angelangt.

Sri Sumaryati unterrichtet Indonesisch und Javanisch, Rechnen, Sachkunde und auch Malen und Singen, nur für Religion und Sport gibt es spezialisierte Lehrer. Sie ist eine strenge und energische Lehrerin. Aber während viele ihrer Kollegen, vor allem in abgelegenen Provinzen, noch auf Maßnahmen wie Schüler in die Ecke stellen oder gar Schläge zurückgreifen, hält sie nicht viel von sinnlosen Strafen. „Gerade bei besonders frechen Schülern helfen Schimpfen und Bestrafen nichts. In solchen Fällen versuche ich es eher mit sanftem Zureden – das ist meistens effektiver, weil es diese Kinder gar nicht gewöhnt sind“, so die resolute Frau.

Doch nicht nur aufmüpfige Schüler erschweren die Arbeit. „Mindestens genauso viel reden muss ich, wenn Eltern ankommen, die alles besser wissen. Am schlimmsten sind diejenigen mit Halbbildung“, so Ibu Sri, die selbst zwei Söhne und zwei Enkel hat. Ebenfalls als belastend empfindet sie häufige Änderungen im Lehrplan, über die Bürokraten in der fernen Hauptstadt Jakarta entscheiden. „Da ist man mit dem alten Stoff noch gar nicht durch, und schon kommt wieder ein neuer Minister mit neuen Plänen“, berichtet die Rektorin. „Manchmal denke ich, dass Theorie und Praxis in unserem System etwas weit auseinanderklaffen.“

Geduldig und vor allem flexibel bleiben, lautet daher Sri Sumaryatis Motto. Denn auch wenn sich Situationen anscheinend immer wiederholen, sind sie nie genau gleich – genauso wie jeder Schüler anders ist. „Auch nach 40 Jahren kann ich sagen, dass man in diesem Beruf nie aufhört zu lernen“, so die Lehrerin.


/ zum Seitenanfang