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/ Jahrgang 2009
/ 11/2009
Auslandsschuldienst: DwertmannAn Schulen in anderen Ländern zu arbeiten, ist für Lehrkräfte nicht nur ein exotisches Abenteuer. Franz Dwertmann, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Auslandslehrerinnen und -lehrer (AGAL) in der GEW, weist auch auf Konflikte vor Ort, auf Schwierigkeiten in der Vorbereitung und Probleme nach der Rückkehr hin, die mit dem Leben und der Arbeit im Ausland verbunden sind.
Viele Lehrerinnen und Lehrer spielen irgendwann in ihrem Berufsleben einmal mit dem Gedanken, ins Ausland zu gehen und für eine gewisse Zeit an einer Schule in einem fremden Land zu arbeiten. Die Motive dafür sind sicher vielfältig: Neugierde und der Wunsch nach Abwechslung spielen genauso eine Rolle wie das Interesse, seinen Horizont zu erweitern, andere Menschen, Kulturen und Sprachen kennen zu lernen. Doch in den Kollegien gibt es auch Vorurteile: Immer noch wird der Auslandsschuldienst mit der Entscheidung für eine Art Dauerurlaub in exotischer Umgebung assoziiert, als Flucht aus dem deutschen Beamtenalltag in eine andere Welt, die privilegierte Arbeits- und exklusive Lebensbedingungen bietet.
Prägende Bereicherung
Kaum einer, der sich für den Auslandsschuldienst interessiert, denkt daran, dass die meisten der 1800 Auslandslehrkräfte (etwa ein Drittel sind GEW-Mitglieder) in der Regel nicht an touristisch ausgefallenen Lokalitäten arbeiten, der Beruf als Lehrkraft im Ausland finanziell enorm an Attraktivität verloren hat, man auch dort ganze Wochenenden korrigieren muss und der Schulleiter in Lima nicht unbedingt freundlicher ist als der in Lüdenscheid. Auch sind die Vorgaben von Eltern, vom örtlichen Schulverein oder der Kultusministerkonferenz (KMK) eher rigider als jene zu Hause. Dennoch: Viele Kolleginnen und Kollegen erleben diese Zeit trotz aller Widrigkeiten als eine Bereicherung, die sie für ihr weiteres persönliches und berufliches Leben prägt.
Die deutschen Lehrkräfte an Auslandsschulen werden in der Regel über die Zentralstelle für Auslandsschulwesen (ZfA) in Köln entsandt und von den Bundesländern freigestellt. Es ist auch möglich, sich direkt an einer Schule im Ausland zu bewerben und dort als so genannte Ortslehrkraft zu arbeiten – oft jedoch bei schlechterer Bezahlung als bei einer ZfA-Entsendung.
Wer für mehrere Jahre ins Ausland geht, begibt sich in ein ganz neues Beziehungsgeflecht, das große private Veränderungen und neue Lebens- und Arbeitssituationen schafft. Viele Selbstverständlichkeiten existieren im Ausland nicht mehr. Man wird mit unerwarteten Problemen konfrontiert und fühlt sich bei Konflikten im Kollegium oder mit Schulleitungen oft alleine gelassen. In diesen Fällen ist es hilfreich, eine starke Organisation wie die GEW im Rücken zu haben. Sie steht mit ihren Länderbeauftragten, der AGAL, den Kolleginnen und Kollegen vor Ort zur Seite und bietet Rechtsschutz. Seit 50 Jahren kümmert sich die AGAL nicht nur um Arbeitsbedingungen und strukturelle Fragen in den deutschen Auslandsschulen; sie mischt sich ebenso in die Debatten um die bildungspolitischen Aspekte auswärtiger Kulturpolitik ein.
Das deutsche Auslandsschulwesen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Deutlich macht das ein Blick in die Geschichte: Die älteste deutsche Schule wurde in Kopenhagen 1575 gegründet; zu den jüngsten Gründungen gehören seit vergangenem Jahr die Deutsche Schule Doha in Katar und die Deutsche Schule Sofia in Bulgarien. Traditioneller Schwerpunkt der deutschen Auslandsschulen ist Lateinamerika. In den vergangenen Jahren lag jedoch der Fokus der Schulneugründungen auf den asiatischen Ländern. Parallel entwickelte sich, ausgehend von den Regionen der ehemaligen Sowjetunion, ein ganz neuer Bereich: An so genannten Sprachdiplom-Schulen gibt es – innerhalb des einheimischen Schulsystems – deutsche Ausbildungszweige, an denen ein neuer Typ von Auslandslehrkräften unterrichtet: die „Programmlehrkräfte“. Sie machen mittlerweile fast ein Drittel der Lehrkräfte im Ausland aus. Damit wurde neben den „Ortslehrkräften“ ein weiterer Typ von „Billiglehrern“ geschaffen, der zunehmend auch an Auslandsschulen eingesetzt wird. Die Einkommensdifferenz zu den Auslandslehrkräften (ADLKlern) – die meist Funktionsstellen inne haben – einschließlich Kaufkraftausgleich, den die Programmlehrkräfte nicht bekommen, beträgt bis zu 100 Prozent. Elf verschiedene Lehrkräftetypen (s. Marginalspalte) arbeiten an den Auslandsschulen mit unterschiedlicher Bezahlung und rechtlichem Status. Die Zersplitterung der Arbeitsverhältnisse im Auslandsschulwesen und die Zunahme von Billiglehrern schaden der kollegialen Zusammenarbeit und wirken sich negativ auf die Qualität des Unterrichts aus. Die Auseinandersetzung mit den Arbeitsbedingungen, der unterschiedlichen Entlohnung und der ungleichen rechtlichen Stellung bei gleicher Arbeit gehört deshalb zum Kerngeschäft der AGAL. Die einzelne Lehrkraft befindet sich ohnehin oft in einem Dilemma. Wenn sie etwa im zentralasiatischen Tadschikistan das Zigfache der einheimischen Kolleginnen und Kollegen verdient, die mit 50 Euro Monatsgehalt zurechtkommen müssen. Wenn sie hilflos mit der Armut von Familien und der Missachtung von Kinderrechten konfrontiert ist. Wie reagiert man darauf als Gewerkschafter? Zwar können GEW-Mitglieder theoretisch eine Verbindung zu den einheimischen Lehrergewerkschaften herstellen, in der Praxis erweist sich das aber oft als recht kompliziert. Die Gewerkschaftsstrukturen sind im Gastland häufig anders als in der Bundesrepublik und gewerkschaftlich organisierte Lehrkräfte aus Deutschland haben kein offizielles Mandat, sind im Gegenteil zu politischer Abstinenz im Gastland verpflichtet. Dennoch gibt es viele, die versuchen, lokale Projekte international zu vernetzen, und so einen – politisch nicht immer erwünschten – „Beitrag zur Friedenssicherung und Konfliktprävention“ am Rande des Systems der Auslandsschulen zu leisten.
Für viele Lehrende bleibt der Auslandsschuldienst ein unübersichtliches Gelände. Die Bildungsgewerkschaft fordert daher seit langem eine bessere Information der Bewerber und eine intensivere Vorbereitung auf die Arbeit im Ausland. Vor allem mahnt sie immer wieder eine gründlichere Auswahl der Schulleiter an, von denen manche für einen Schulleitungsposten in Deutschland wohl kaum in Frage kämen. Fest steht: Im Vergleich zu anderen staatlichen Entwicklungshilfeorganisationen oder Unternehmen stimmen die einwöchigen Vorbereitungskurse der ZfA kaum auf die anspruchsvolle Tätigkeit im fremden Land ein.
Konkrete Hilfen
Bei Konflikten vor Ort sind sowohl die Unterstützung auslandserfahrener AGAL-Kollegen mit ihren Kontakten in Deutschland als auch die juristische Beratung durch die GEW gefragt. Was man wissen muss: An deutschen Schulen im Ausland gibt es keine Personalräte. Es existiert auch kein Personalvertretungsgesetz, das Lehrkräfte vor Arbeitgeberwillkür schützt und ihnen Interessenvertretungen mit einklagbaren Rechten zugesteht. Zunächst gelten die Gesetze des jeweiligen Gastlandes. Häufig sehen diese eine Mitbestimmung der Beschäftigten und eine demokratisch gewählte, eigenständige Interessenvertretung am Arbeitsplatz nicht vor. Das Demokratiedefizit an deutschen Bildungseinrichtungen im Ausland steht allerdings im Widerspruch zum Auftrag der Schulen, deutsche Kultur und Werte im Ausland zu vermitteln und zu fördern. Auf Drängen der GEW hatte der „Bund-Länder-Ausschuss für die schulische Arbeit im Ausland“ (BLASchA) daher 1969 erstmalig Empfehlungen für die „Einrichtung eines Lehrerbeirats an deutschen Schulen im Ausland“ beschlossen, die im Jahr 2008 in veränderter Form bekräftigt wurden. Doch auch diese bleiben hinter den Forderungen der GEW zurück, da sie weiterhin unverbindlich sind und es im Belieben der einzelnen Schule steht, sie anzuwenden. Immerhin hat die AGAL inzwischen erreicht, dass die demokratische Mitwirkung des Kollegiums über Lehrerbeiräte als wichtiges Qualitätsmerkmal bei der Evaluation von Auslandsschulen gewertet wird.
Grundsätzliche Fragen
Gewiss sind Legitimation und Zielsetzungen der schulischen Arbeit im Ausland auch grundsätzlich zu hinterfragen: Dienen beide lediglich dazu, deutsche Interessen im Ausland abzusichern – und wenn ja, wessen? Wie definieren sie sich gegenüber den einheimischen sozialen Strukturen und politischen Machtverhältnissen? Schaffen es die Schulen, Orte kultureller Begegnung zu sein? Und wie agieren deutsche Schulen in Krisengebieten, etwa in Kabul oder Teheran, im diktatorischen Usbekistan oder im lebensgefährlichen Guatemala?
Grundsätzliche Konfliktfelder
Die GEW gibt sich nicht mit Problemlösungen in Einzelfällen zufrieden. Denn oft stehen dahinter grundsätzlichere Fragen, die mit unterschiedlichen Ansprechpartnern zu klären sind. Viele Konflikte hängen auch mit der föderalistischen Struktur des deutschen Bildungswesens zusammen, wenn etwa einzelne Bundesländer bei der Beurlaubung der Lehrkräfte für den Auslandsschuldienst mauern. Deswegen fordert die GEW seit langem, dass alle Lehrkräfte im Auslandsschuldienst den einheitlichen Status eines Bundes-Auslandslehrers erhalten. Das setzt voraus, sie für die Dauer der Tätigkeit im Ausland in den Bundesdienst abzuordnen. Machbar wäre dies durch ein Auswärtiges Schulamt als Bund-Länder-Behörde. Unterschiedliche Verfahren der Länder hinsichtlich der Beurlaubungen oder Freistellungen für den Auslandsschuldienst, Anrechnung des Auslandsaufenthalts auf das Dienstalter oder Beförderungen könnten so besser geregelt werden. Aktuell führt der Streit zwischen Bund und Ländern über den „Versorgungszuschlag“ („Wer soll für die späteren Pensionszahlungen der Auslandslehrer aufkommen?“) zu grotesken Folgen, etwa zur Weigerung mancher Bundesländer, Lehrkräfte für den Auslandsschuldienst zu beurlauben. Viele hilfreiche Regelungen könnten zentral – durch ein Auswärtiges Schulamt – leichter realisiert werden, etwa ein Musterarbeitsvertrag für Ortslehrkräfte.
Nach der Rückkehr
Es fällt auf, dass – entgegen der KMK-Verlautbarungen – das Potenzial der Rückkehrenden häufig nicht genutzt wird; weder von Schulleitungen noch von Kultusbehörden. Selbst besondere Leistungen im Auslandsschuldienst sind oft nicht karriereförderlich. Manchmal werden die Auslandsjahre sogar zur „Karrierefalle“. Was bleibt, ist der persönliche Gewinn aus der Arbeit in einem oft andersartigen kulturellen und politischen Umfeld.
Franz Dwertmann,
AGAL-Vorsitzender und Gymnasiallehrer in Bremen