01.12.2007

Schwerpunkt: Bildungsarmut 12/2007

Jedes Kind hat ein Anrecht auf Bildung. Doch gilt dies auch für arme Kinder im reichen Deutschland? Der PISA-Schock von 2001, der die Nation aufrüttelte, weil unübersehbar war, dass in der Bundesrepublik die soziale Herkunft über die Bildungschancen der Heranwachsenden entscheidet, scheint vorbei. Der Skandal bleibt. Ein Beispiel aus Hamburg.
Seitenabschnitte:

Ein Teufelskreis, aus dem Kinder und Kindeskinder nur schwer herauskommen

Vererbte Chancenlosigkeit
Der ganze Stolz, das große Glück des jungen Malte leuchtet blau und trägt die Rückennummer 2. „Gib sofort was Süßes, sonst setzt es Saures“, hatte er vorhin den mit Kuchen erschienenen Reporter begrüßt. Und jetzt, eine Mohnschnitte später, kreist der Achtjährige ganz unruhig um den Besucherstuhl herum. „Also“, sagt Malte schließlich und pumpt noch rasch ein paar Kubikmeter Luft durch die Lungenflügel, „was meinst du wohl, was ich unter dem Sweatshirt anhabe?“ Dann hebt er das Shirt, seine Augen strahlen, und zum Vorschein kommt ein gebrauchtes, blaues Fußballtrikot, Fanartikel seines Lieblingsvereins HSV. „Hat mein Bruder vor ein paar Tagen im Bus gefunden“, sagt Malte, „heute und morgen darf ich es tragen, dann ist er wieder dran.“

Lebensmittel von der Tafel
Es ist später Nachmittag, gleich halb sechs, Malte ist aus Schule und Tagesgruppe zurück zu Hause. Und nachdem die Sache mit dem Trikot geklärt ist – wenigstens leihweise das erste in seinem Leben –, kreuzt der Kleine rastlos durch die Wohnung. Hier was hochheben, da nur gucken. „Und Schule? Wie war es da?“, will die Mutter wissen. Malte irrt weiter schweigend umher und zuckt mit den Schultern. War ganz ordentlich, könnte das heißen, oder auch: Schule interessiert mich nicht. Der Vater sagt: „Wir können unsere Kinder ja nicht so unterstützen in schulischen Dingen. Weil wir diese Stoffe selbst nicht können.“

Eine Familie in einem neungeschossigen Plattenbau an Hamburgs nördlicher Stadtkante. Wer in dieser Siedlung wohnt, für den hat Glück zumeist eine ganz eigene Bedeutung. „Ein Glück, dass es die Tafel gibt, wo man kostenlos Lebensmittel bekommt“, freut sich die Mutter. „War schon Glück, dass mein Bruder das Trikot gefunden hat“, findet Sohn Malte, der im Alltag einen anderen Namen trägt. „Jedes Wochenende fackeln hier die Müllcontainer“, klagt der Vater. „Nein“, entgegnet die Mutter, „zum Glück nicht jedes Wochenende, manchmal passiert auch nichts.“ Nebenan das Kinder- und Familienzentrum beantwortet im Rahmen der Schwangerenberatung „Fragen zu finanziellen Hilfen“. Auf dem nächstgelegenen Busbahnhof preist ein Pfandleiher Kleinkredite an: „2 x Kredit – 1 x Zinsen. Sonderaktion für alle Neukunden“.
Eine in einem reichen Land lebende Familie – geben wir ihr den Namen Ehling –, die aus eigenem Erleben nur die Armut kennt. Und diese von Generation zu Generation als Erblast weiterreicht und dabei stets auf einem unteren Bildungsniveau verharrt. Ein sich über die Zeit verfestigender Teufelskreis, aus dem Kinder und Kindeskinder wohl immer schwerer einen Ausweg finden. Während die Alten sich früher noch mit einfachen Jobs über Wasser halten konnten, finden sie wie auch die Jungen heutzutage oft nicht einmal mehr vorübergehend Zugang zu auch nur gering entlohnter Arbeit.
Vater Ehling, 45, abgebrochene Hauptschule, danach ungelernte Verkaufsarbeit hier und da, ist dauerarbeitslos seit über fünf Jahren. Seine zwei Jahre ältere Frau, „bis zum Ende der Schulzeit“ Förderschülerin, konnte bis vor 15 Jahren als ebenfalls ungelernte Verkaufskraft ein wenig Geld dazuverdienen. Inzwischen ist sie schwer krank und zu 70 Prozent behindert. Aufgewachsen sind beide in Familien, in denen sich damals schon ihre Eltern mit einfacher Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienten – als Putz- oder Packkraft in Supermärkten, als Wachmann oder als Hilfskraft, die einem Hausmeister sauber machen half.

Und heute, die eigenen Kinder, Malte mit seinen drei Geschwistern? „Ohne Realschule läuft mittlerweile ja nichts mehr“, sagt der Vater. Und erzählt dann von Förderschulen und pädagogischen Sondereinrichtungen, zwischen denen seine Kinder die Jahre über pendeln.

Es scheint paradox, ist aber Realität: Während Hamburg, wirtschaftliche Boomtown und Stadt der meisten Millionäre, immer reicher wird, steigt zugleich die Zahl der armen Menschen, vor allem die der Kinder. 63 500 junge Menschen unter 18 Jahren leben laut dem von der Sozialbehörde im Juli herausgegebenen 3. Kinder- und Jugendbericht inzwischen von Hartz IV. Eine Quote von 24 Prozent – jedes vierte Kind in der Hansestadt ist offiziell arm. Ihre Zahl steigt jährlich, laut Zukunftsrat Hamburg bereits seit gut einem Vierteljahrhundert. Einzige Ausnahme: 1991. 1981 waren gut 10 400 Kinder auf staatliche Unterstützung angewiesen, 1996 schon knapp 41 000. Auch Familie Ehling lebt von Hartz IV. Abzüglich Miete, Strom und Telefon verbleiben knapp 600 Euro im Monat für Eltern und zwei noch im Haushalt aufwachsende minderjährige Kinder.


Hamburg als sozial zunehmend gespaltene Stadt, krasse Armut neben großem Reichtum. Die Sozialwissenschaftlerin und emeritierte Professorin Ursel Becher, früher Mitarbeiterin verschiedener EG-Armutsprojekte und bis 1992 fünf Jahre Jugend- und Sozialdezernentin im Bezirk Eimsbüttel, hat 2005 eine umfangreiche Studie zur Kinderarmut in Hamburg vorgestellt. Sie spricht von von „Infantilisierung der Armut“ und einer starken Ausgrenzung der Betroffenen an die Ränder der Stadt. Arbeitslosigkeit und schlechte Bildungschancen sieht sie als Schlüsselrisiken, um dauerhaft in Armut abzugleiten.

Becher verweist auf die Wirtschaftsstruktur der Stadt. In den vergangenen 20 bis 30 Jahren seien allein im Hafen und dessen Umfeld rund 200 000 Arbeitsplätze verloren gegangen, neben handwerklicher Arbeit oft einfache Jobs. Nachgewachsen ist neben dem Dienstleistungssektor vor allem technisch anspruchsvolle Arbeit in Bereichen wie Logistik oder Informatik. Aufgaben, auf die Schulabgänger ohne Abschluss oder mit dem einer Hauptschule nicht vorbereitet sind. Dennoch wächst deren Zahl über die Jahre, bei gleichzeitig steigendem Facharbeitermangel.

Ohne Chance auf Teilhabe
Diese Jugendlichen – und ihre Familien – sind die Bildungsverlierer von heute, zunehmend ohne Chance auf materielle oder auch kulturelle Teilhabe, oft in ausgegrenzten Umfeldern lebend, dabei ohne Selbstvertrauen und mit Fluchttendenzen bis hin zu Krankheit oder aggressivem Verhalten. „Die Gesellschaft vermittelt ihnen, nichts wert zu sein“, sagt Professorin Becher, „sie müsste aber Mut machen, ihnen etwas zutrauen.“ Politik insgesamt sollte sich zur Aufgabe setzen, die Vorstellungen dieser Menschen abzufragen – beispielsweise dazu, wie sie ihren Wohnbereich, „äußerste Form der Ausgrenzung“, gestaltet sehen wollen. Und das Schulsystem dürfe nicht nur nach unten selektieren. Es setze auch voraus, dass Eltern ihre Kinder unterstützen, was viele aber nicht können.


Eltern sind überfordert
„Alle Eltern wollen, dass ihre Kinder in der Schule Erfolg haben“, sagt Gerald Pump-Berthé, „sie meinen es gut, sind jedoch oft überfordert.“ Pump-Berthé leitet seit 2000 eine Schule – Klassen 0 bis 10 – im Arbeiter- und vor allem Arbeitslosenwohnviertel von St. Pauli. Hier ist die Armut noch nicht an den Stadtrand verdrängt worden. Rund 85 Prozent seiner 330 Schülerinnen und Schüler – viele mit Migrationshintergrund – leben von Hartz IV oder auf vergleichbarem Niveau. Bildungsarmut bedeutet nicht nur, daheim keine Bücher zu lesen. „Arm zu sein heißt auch, die Welt nicht verstehen, nicht begreifen zu können. In der Vorschule fangen wir mit dieser Vermittlung bei null an“, sagt Pump-Berthé.
Einmal sind Lehrer mit Kindern gleich um die Ecke vom Schulhof gegangen und haben auf Elbe und Hafenbecken geschaut: „Was ist das? Ein Fluss? Ein Meer?“ Viele Kinder, sagt der Schulleiter, kannten die Antwort nicht. Die Gesellschaft habe bisher versäumt, diese bildungsarmen Familien ernst zu nehmen. „Aber wir müssen sie mit ihren Nöten wahrnehmen, mit ihnen reden“, das betreffe auch die Schulen selbst: „Eigentlich müssten wir zusätzlich Elternschule anbieten.“ Malte aus der Nordstadt ist erst in seinem dritten Schuljahr – und steckt auch bereits ganz tief fest. Im Sommer ist er aus seiner Klasse herausgenommen worden, jetzt wird er mit einer Handvoll weiterer besonders auffälliger Kinder separat pädagogisch begleitet. „Er hat immer geschimpft“, sagt die Mutter, sei im Unterricht durch die Klasse gesprungen und habe andere Kinder und Lehrer angegriffen. „Mitten im zweiten Schuljahr fing das an“, glaubt die Mutter und weiß nicht so recht, warum: „Wir haben uns nur gewundert, warum er so hyperaktiv wurde. Aber aus ihm kriegt man ja nichts raus.“ Der Vater sagt: „Die Kinder machen uns schon dafür verantwortlich, dass wir arm sind und nur das Allernötigste kaufen können.“ Selbstwertgefühl, Frustrationstoleranz – es scheint, dass Malte davon noch nicht viel besitzt.

Gefüttert mit digitalen Medien
„Montags sind sie schlechter drauf als Freitags“, erzählt der Schulleiter auf St. Pauli. Dann kommen sie müde oder aggressiv aus dem Wochenende zurück, „gefüttert von den digitalen Medien“, springen hyperaktiv herum oder können sich nur mit Mühe gerade halten. Manche müssen sich raufen oder prügeln. „Ein durch Angst gespeistes Aggressionsverhalten“, nennt dies Pädagoge Pump-Berthé, „etliche Kinder werden zu Hause geschlagen.“ Schulische Präventionsprogramme zeigen Erfolge, „aber die Aggressionen sind natürlich weiter vorhanden“. Schul-Sozialarbeiter Axel Wiest fügt hinzu: „Ich-zentrierte Kinder, es fehlt soziales Know-how.“

Auch die Eltern des kleinen Malte bleiben oft hilflos im Bemühen, eigentlich doch helfen zu wollen. Sie frühstücken jeden Morgen gemeinsam, jetzt „bei Kerzenlicht und manchmal auch mit einem gekochten Ei.“ Vom ältesten Sohn, dem inzwischen bei einer Zeitarbeitsfirma jobbenden und in eigener Wohnung lebenden 22-Jährigen, erzählen sie, dass der nach einer Odyssee durch Grund-, Förder-, Haupt- und Realschulen irgendwann „wohl seinen Realschulabschluss geschafft hat. Sonst hätte er uns das ja gesagt.“ Sonst hätte er es ihnen gesagt? „Ja“, antwortet der Vater, „zwei oder drei Jahre war unser Sohn schon auf der Realschule, aber wir haben ihn nie danach gefragt, wir kennen uns damit ja nicht aus.“


System schwer zu verstehen
Sie wollen unterstützen, schaffen es aber nicht in ausreichendem Maße. Immerhin hat es die Mutter vor ein paar Monaten geschafft, beim Jugendamt sozialpädagogische Nachmittagsbetreuung für Malte zu bekommen.
Manch anderes wird Eltern wie denen von Malte, dem kleinen Jungen im blauen Fußballtrikot, vorerst wohl nicht so rasch gelingen. Der St. Pauli-Schulleiter beobachtet in seinem beruflichen Alltag, „dass die verschlungenen Pfade des Bildungssystems für solche Eltern nur schwer zu verstehen sind.“ Schulische Entscheidungen würden nur selten hinterfragt, je länger Schule dauere, als umso erfolgreicher werde sie von den Eltern wahrgenommen.
Einer der Jungs von St. Pauli musste vor ein paar Jahren ein Zeugnis mit nach Hause nehmen, in dem nur das Kürzel „k. B.“ stand – keine Benotung möglich, er hatte zu oft geschwänzt. Die Mutter war dennoch lange Zeit mächtig stolz auf den Sohn. Mit „k. B.“ sei nämlich, hatte der ihr erklärt, „Klassenbester“ gemeint.

Peter Brandhorst, freier Journalist


Jedes vierte Kind gilt in Hamburg als arm
Der Deutsche Kinderschutzbund spricht von insgesamt 2,6 Millionen Kindern, die in Armut leben. Rund 1,9 Millionen Kinder, die jünger als 15 Jahre sind, leben nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Familien, die Hartz IV beziehen. Der Kinderschutzbund zählt weitere 700 000 Jugendliche bis 18 Jahre hinzu, denen nicht mehr als 208 Euro im Monat zur Verfügung stehen – so viel, wie vom Arbeitslosengeld II lebende Familien für ein minderjähriges Kind erhalten. Laut Kinderschutzbund handelt es sich dabei um eine „sehr konservative Schätzung“ (siehe auch Seite 14 ff.). Tatsächlich fürchte man, dass derzeit bereits drei Millionen Kinder in Armut lebten.
Der 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung – Anfang 2005 erschienen und vor Inkrafttreten von Hartz IV erarbeitet – sprach noch von 1,1 Millionen von Sozialhilfe lebenden Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren.
Laut Paritätischem Wohlfahrtsverband müssen 15,5 Prozent aller Kinder als arm gelten (Quelle: Hartz IV-Bezugsdaten August 2006). Dabei gibt es deutliche regionale Unterschiede: In Ostdeutschland sind es 28,9 Prozent, im Westen 13,1. In Westdeutschland hatten vergangenen Sommer laut Paritätischem Wohlfahrtsverband die drei Stadtstaaten Hamburg (23 Prozent), Bremen (30,8) und Berlin (34,8) die höchsten Quoten der von Hartz IV lebenden unter 15-Jährigen.
Im 3. Hamburger Kinder- und Jugendbericht, der im Juli 2007 von der Sozialbehörde veröffentlicht wurde, wird bereits von 63 500 unter 18-Jährigen gesprochen, die Leistungen nach Hartz IV beziehen – eine Quote von mittlerweile 24 Prozent. Jedes vierte Kind gilt danach in Hamburg offiziell als arm.


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Fast überall hängen die Bildungskarrieren vom Status der Mütter und Väter ab

Job bestimmt Kita-Anspruch

Der Status der Eltern bestimmt den Kita-Anspruch ihrer Kinder. Besonders allein erziehende arbeitslose Mütter und ihr Nachwuchs ziehen den Kürzeren. Kita-Gesetze aber sollten, so die GEW, in allen Bundesländern an den Bedürfnissen der Kinder ausgerichtet sein.

Anfangs fand Lena (Name geändert) die Kita doof – inzwischen geht sie gern in den Kastanienhof im schleswig-holsteinischen Oldenburg. Als ihre Mutter Petra Schmidt (Name geändert) einen Ein-Euro-Job bekam, durfte die Fünfjährige täglich sechs Stunden in der Kita bleiben. Doch im Frühjahr lief die Maßnahme aus, seither genehmigt der Kreis nur noch vier Stunden Betreuung für das Kind: Statt mit den anderen zu Mittag zu essen, hätte Lena nach Hause gemusst. „Das wäre so traurig für das Kind, sie hatte sich gerade eingewöhnt“, sagt die allein erziehende Mutter, die von Hartz IV lebt. „Und ich merke, wie gut sie sich entwickelt.“ Petra Schmidt rechnete ihr schmales Budget durch und beschloss: Lena soll weiter in die Kita gehen. Möglich ist das, weil die ältere Tochter inzwischen die Schule besucht – die Summe, die die Mutter bisher für deren Kita-Besuch zuzahlte, geht jetzt für die zwei Stunden drauf, die Lena länger im Kastanienhof bleibt. „Das Geld fehlt uns natürlich“, sagt Schmidt. „Aber ich wollte dem Kind dieses Rein- und Rausgezerre ersparen.“

Viele andere Kinder aber müssen genau das ertragen: In den meisten Bundesländern ist die Bildungslaufbahn an die Berufstätigkeit der Eltern geknüpft. Bundesweit gibt es unterschiedliche Modelle, doch fast überall taucht dieses Problem auf. Zwar besteht grundsätzlich die Chance, einen individuellen Anspruch durchzusetzen, etwa weil ein Kind wegen einer Entwicklungsstörung höheren Förderbedarf hat, doch die Hürden sind hoch. So gilt in der Regel: Eltern-Job bestimmt Kita-Anspruch. Eine fatale Entwicklung, findet Norbert Hocke, im GEW-Vorstand für Jugendhilfe und Sozialarbeit verantwortlich: „Wenn wir den Teufelskreis aus Bildungsferne und Armut durchbrechen wollen, müssen wir bei den Kindern anfangen.“ Die Forderung laute daher: „Wir müssen in allen Bundesländern die Kita-Gesetze an den Bedürfnissen der Kinder ausrichten, nicht am Status der Eltern.“

Das hat bislang noch kein Bundesland erreicht: Immerhin gibt es in Brandenburg für Kinder, die jünger als drei Jahre sind, einen „Bestandsschutz“: Verlieren die Eltern eines Krippen-Kindes ihre Arbeitsstelle, hat das Kind weiterhin Anspruch auf Betreuung. Sachsen-Anhalt hat ebenfalls einen Rechtsanspruch auf Krippenplätze festgeschrieben. Hier wird der Status der Eltern geprüft. In den alten Bundesländern beginnen Bildungslaufbahnen meist später – Krippen sind bekanntlich Mangelware. Doch wie lange ein Kind in der Kita bleibt, hängt auch dort davon an, ob Vater und Mutter berufstätig sind.

Zu Lasten der Gerechtigkeit
Beispiel Hamburg: Hier gibt es ein Gutscheinsystem, das Eltern grundsätzlich viele Möglichkeiten einräumt. Bis zu zwölf Stunden am Tag kann die Betreuung dauern, auch für unter Dreijährige. Aber so großzügig das klingt, so eng ist die Erziehung an das Elternhaus geknüpft: „Ist ein Elternteil arbeitslos, im Erziehungsurlaub oder aus anderen Gründen nicht erwerbstätig, so erhalten die Kinder keinen Kita-Gutschein über den Rechtsanspruch für die Drei- bis Sechsjährigen hinaus“, heißt es in einem aktuellen Gutachten der Bildungswissenschaftlerinnen Petra Strehmel und Andrea Hilgers zum Hamburger Modell. Die Schlussfolgerung: „Die Mehrleistung des Systems wirkt sich zu Lasten der Bildungsgerechtigkeit, zu Lasten der pädagogischen Qualität und insbesondere zu Lasten der Bildungschancen benachteiligter Kinder aus.“
Zwar geht es dem Nachwuchs in der Hansestadt vergleichsweise gut: So hat jedes Kind zwischen drei und sechs Jahren, egal ob die Eltern arbeiten, Anspruch auf fünf Stunden Betreuung inklusive Mittagessen – in anderen Bundesländern sind es oft nur vier. Außerdem bleibt der Anspruch auf längere Betreuung laut Auskunft der Sozialbehörde bis zu zwölf Monate nach Beginn der Arbeitslosigkeit bestehen.


Subtil aussortiert
Dennoch betont Jens Kastner, Experte für Kleinkindbetreuung bei der GEW in Hamburg: „Wir jammern hier nicht auf hohem Niveau – wir sehen viele Probleme.“ Denn das differenzierte System der Gutscheine sortiert Kinder auf subtile Weise. „Wer über einen kleinen Gutschein über fünf Stunden verfügt, muss warten oder in eine andere Kita ausweichen, während Eltern mit großen (sechs Stunden aufwärts) Gutscheinen mit offenen Armen empfangen werden“, sagt Kastner. Die Folge ist, dass in begehrten Kitas die Kinder Berufstätiger zusammentreffen, während sich in anderen die Söhne und Töchter der Arbeitslosen sammeln.

„In armen Stadtvierteln, in denen es vor allem kleine, d. h. fünfstündige Gutscheine gibt, sieht die Arbeit anders aus als in Vierteln, wo die meisten Eltern Jobs haben“, pflichtet Werner Pieper vom Paritätischen Hamburg bei. Dem Dachverband sind 180 der insgesamt rund 950 Kindertageseinrichtungen in der Hansestadt angeschlossen. „Für die Einrichtungen sind sechs oder acht Stunden pro Kind einfach attraktiver, nicht nur finanziell, sondern auch weil es besser ist, länger mit den Kindern zu arbeiten.“ So wirkt sich die Frage, wie lange die Mädchen und Jungen im Schnitt in der Kita sind, auch auf das pädagogische Konzept und die praktische Arbeit aus: „Im Extremfall ändert sich alle zwei Stunden die Zusammensetzung der Gruppe“, sagt Jens Kastner. Nicht zu vergessen: Den Stunden der Kinder stehen Personalstunden gegenüber. „Die Budgets sind so knapp gehalten, dass einige Träger geltende Tarifverträge aufkündigen“, klagt Kastner.

Karin Guhl, Leiterin der Kita Kastanienhof im benachbarten Schleswig-Holstein, sieht vor allem Probleme für die betroffenen Kinder: „Ausgerechnet die Familien, in denen Rituale wie gemeinsames Essen leider selten gepflegt werden, sind gezwungen, ihre Kinder früh abzuholen.“ Für sie ist klar: „Das bedeutet eine Ausgrenzung.“ Studien bestätigen: „Kinder, die durchgehend in einer Einrichtung betreut werden, sind ihren Altersgenossen in vielen Bereichen weit voraus“, ist Norbert Hocke überzeugt.

Das Problem ist bei den Kommunen durchaus bekannt: „Fachlich keine Frage“, sagt der Sozialexperte des Schleswig-Holsteinischen Landkreistages, Rolf Martens. „Wir wissen genau: Bei Prävention und frühkindlicher Bildung spart jeder eingesetzte Euro unter dem Strich fünf. Das Dumme ist nur: Viele Gemeinden haben den einen Euro nicht.“

Esther Geißlinger, freie Journalistin


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Interview mit Prof. Klaus Hurrelmann über die World Vision Kinderstudie 2007

Grundschüler wissen um ihre schlechten Perspektiven

Der Bielefelder Bildungsforscher Klaus Hurrelmann hat in einer repräsentativen Erhebung Kinder unter zwölf Jahren in Deutschland dazu befragt, wie sie ihre Zukunft sehen. Die World Vision Kinderstudie 2007 zeigt, dass jeder vierte Acht- bis Elfjährige sich benachteiligt fühlt. Und dass, wer aus einer „Unterschichts-Familie“ kommt, schon mit acht Jahren nicht mehr vom Gymnasium träumt.

E&W: Herr Hurrelmann, schon Grundschüler, die aus ärmeren Familien kommen, schätzen ihre Zukunftschancen pessimistisch ein. Wie äußert sich das in so jungen Jahren?
Klaus Hurrelmann: Zum einen nehmen Kinder deutlich wahr, dass sie zu vielen Dingen, die für andere normal sind, keinen Zugang haben: zu schöner Kleidung, aber auch zu gutem Essen oder spannender Freizeitgestaltung zum Beispiel. Zum anderen – und das hätten auch wir in dieser Deutlichkeit nicht vermutet – sehen bereits Grundschüler ihre Bildungsbiografie in ganz hohem Maße analog zu ihrer Herkunft voraus. Während aus der Oberschicht acht von zehn Kinder davon ausgehen, Abitur zu machen, sind es in der Unterschicht nur zwei von zehn. Was diese Kinder mit acht, neun oder zehn ganz spontan und naiv auf die Frage nach ihrem Schulabschluss antworten, lässt tiefe Rückschlüsse auf ihre Lebenswelt zu – und kann Auswirkungen auf den gesamten Bildungsverlauf haben.
E&W: Woran liegt es, dass Kinder aus den unteren Schichten sich nicht als Abiturienten sehen – an der materiellen Armut oder den mangelnden Bildungsvorbildern in der Familie?
Hurrelmann: Entscheidend ist die Selbstwahrnehmung, die Frage, wie Kinder sich selber sehen und was sie sich zutrauen. Diese Selbstwahrnehmung wird von mehreren Faktoren beeinflusst: von der finanziellen Lage, vom Bildungsgrad und vom Grad der kulturellen Integration. Wir wissen allerdings auch, dass diese Faktoren sich gegenseitig verstärken, wobei der Bildung der Eltern eine Schlüsselrolle zukommt. Wer weniger gebildet ist, kommt mit materieller Armut schlechter zurecht. Und er kennt oder interessiert sich weniger für Wege, Kindern die nötige Förderung zukommen zu lassen.
E&W: Zwei von drei Kindern in ihrer Untersuchung besuchen eine Grundschule. Gemeinhin geht man davon aus, dass diese ein Ort ist, in dem alle gemeinsam lernen und sich noch nicht in verschiedene Klassen mit verschiedenen Chancen eingeteilt fühlen.
Hurrelmann: Das ist ein Trugschluss. Grundschüler wissen offenbar bereits sehr genau, dass ihre Einteilung bevorsteht. Und sie gehen fest davon aus, dass sich ihnen bald dieses oder jenes Treppenhaus mit einem mehr oder minder hohen Aufstieg öffnen wird.
E&W: Halten Sie das gegliederte Schulsystem im Grundsatz für mitverantwortlich für gute oder schlechte Perspektiven der Kinder?
Hurrelmann: Ja. Die Kinder haben eine sehr differenzierte Wahrnehmung ihrer Zukunftsaussichten und sortieren sich, je nach ihrer sozialen Herkunft, hier oder dort ein. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass sie wissen, wie weit sie das gegliederte Schulsystem vermutlich bringen wird. Es alleine verantwortlich zu machen, wäre allerdings falsch: Unsere Daten belegen auch, dass sich Kinder aus den unteren Schichten bereits auf der Grundschule weniger akzeptiert fühlen und nicht so gern dorthin gehen. Grundsätzlich gilt: Je weiter unten ein Kind auf der sozialen Leiter steht, desto distanzierter steht es der Schule und auch den Lehrerinnen und Lehrern gegenüber.
E&W: Macht es einen Unterschied, ob Schüler eine Ganztags- oder Halbtagsschule besuchen?
Hurrelmann: Wir haben das nicht eigens erhoben, weil die Gruppe der Ganztagsschüler recht klein war. In zwei bis drei Jahren können wir die Frage hoffentlich einbeziehen. Was wir aber herausgefunden haben ist, dass die meisten Kinder sich eine Ganztagsschule wünschen – allerdings nicht als ganztägige Unterrichtsstätte, sondern genau so, wie sie sein sollte: mit einem kreativen Nachmittagsangebot aus Sport, Musik, Theater und anderen Übungen. Damit liegen sie übrigens bei der Suche nach Lösungsansätzen für ihre schwierige Lage genau richtig: Selten haben wir so klare Hinweise auf den Zusammenhang zwischen Freizeit und Lernen gefunden. Die Datenlage ist ganz eindeutig: Wer eine eintönige Kindheit vor dem Fernseher erlebt, lernt langsamer und ist schlechter in der Schule. Und ohne die Ganztagsschule haben Kinder, die nachmittags außerschulische Freizeitangebote nutzen – egal ob im Sportverein oder im Klavierunterricht –, meist eines gemeinsam: Sie werden von ihren bildungsbewussten Eltern dort hingeschickt.

Interview: Jeannette Goddar, freie Journalistin


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Nicht einmal Grundbedürfnisse werden gedeckt

Hartz IV fördert Armut von Schulkindern

Die Konjunktur boomt – die Kinderarmut wächst. Arme Kinder werden durch die Hartz IV-Gesetze noch weiter benachteiligt und in ihren Grundbedürfnissen eingeschränkt: in der Ernährung, in der Freizeit, in der Schule. Das Ausmaß der Kinderarmut macht es notwendig, dass sich Lehrkräfte damit auseinandersetzen, unter welchen Bedingungen viele der Kinder aufwachsen, die sie unterrichten.

Ein Viertel aller Kinder unter 15 Jahren lebt bundesweit in Armut, in Zahlen: 2,8 Millionen. Als Armutsgrenze gilt der Bezug von bzw. die Anspruchsberechtigung auf Hartz IV. Auf zwei Kinder, die als Hartz IV-Empfänger registriert sind, kommt nämlich noch ein Kind aus einer Familie, die trotz Berechtigung keinen Antrag auf staatliche Unterstützung gestellt hat1). In Großstädten ist etwa ein Drittel der Kinder in West- und über die Hälfte der Kinder in Ostdeutschland von Armut betroffen. Je nach Schultyp und Stadtteil lebt auch in Westdeutschland mehr als die Hälfte der Kinder einer Klasse in armen Verhältnissen.

Bedarf gekürzt
„Die Bundesregierung stellt die Förderung und Unterstützung von Kindern und deren Familien in den Mittelpunkt ihres Handelns. Alle Kinder und Jugendlichen sollen von Anfang an gleiche Chancen haben, ihre vielfältigen Fähigkeiten und Talente zu entwickeln“2), lässt das Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) in einer Selbstdarstellung verlauten. Die Realität sieht für Schulkinder aus armen Familien anders aus: In der alten Sozialhilfe erhielten Schulkinder von arbeitslosen Eltern bis zum Alter von 14 Jahren noch 53 Euro mehr als ein Säugling. Damit wurde anerkannt, dass Schulkinder einen höheren Energiebedarf haben, aber auch, dass ein höherer Kleider- und Freizeitbedarf sowie natürlich auch Schulkosten anfallen. Mit Einführung von Hartz IV wurde der Regelsatz von Sieben- bis 14-Jährigen von 65 Prozent auf 60 Prozent des Eckregelsatzes (347 Euro) gesenkt. Ferner ist das Niveau der früheren einmaligen Beihilfen nur in gekürzter Form in den neuen, pauschalierten Regelsatz übernommen worden.
Auch der biologisch bedingte Wachstumsbedarf Jugendlicher im Alter von 14 bis 18 Jahren (Größenwachstum und dadurch bedingter höherer Energiebedarf) wird nicht mehr als zusätzlicher anerkannt. Der Regelsatz der 14- bis 18-Jährigen, der bis dahin immer 90 Prozent des Eckregelsatzes betragen hatte, ist mit Hartz IV auf das Niveau von erwachsenen Haushaltsangehörigen (d. h. auf 80 Prozent des Eckregelsatzes) gesenkt worden. Die Bundesregierung hält – wie ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion Die Linke zu entnehmen ist – die skandalöse Aberkennung des Wachstumsbedarfs von Kindern im Schulalter für wissenschaftlich begründet.3)

Mangelernährung
Ex-Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) kündigte zwar an, er wolle in der Auswertung der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe 2008 (EVS) überprüfen lassen, ob die Kinderregelsätze angehoben werden können (s. auch Kasten). Die EVS 2008 sagt jedoch über Kinderbedarfe nichts aus. Muss man denn noch zwei bis drei Jahre warten, um anzuerkennen, dass 13-Jährige einen höheren Bedarf haben als Kleinkinder?

Ist für Vorschulkinder aus Armutsfamilien noch eine gesunde Ernährung möglich, trifft das auf Schulkinder nicht mehr zu. Am Tag braucht ein Mensch pro 1000 kcal 2,33 Euro, um sich gesund zu ernähren.4) Für Kinder zwischen sieben und 14 sind aber inklusive Genussmittel nur 2,57 Euro pro Tag im Regelsatz enthalten, obwohl sie für ihren durchschnittlichen Energiebedarf von 2042 kcal 4,76 Euro bräuchten. Sie haben also nur etwa die Hälfte dessen zur Verfügung, was für gesundes Essen und Trinken notwendig wäre. Bei den 14- bis 18-Jährigen ist die Lage ähnlich. Trotzdem schrieb das Bundesministerium für Arbeit (BMAS) im Juli an das Rhein-Main-Bündnis gegen Sozialabbau und Billiglöhne: „Die Regelleistungen bilden das soziokulturelle Existenzminimum ab. Insofern sind insbesondere die Ernährungsbedarfe gedeckt.“5)

Im Regelsatz von Schulkindern aus armen Elternhäusern ist kein Geld für ein Mittagessen in Schulen und Horten vorgesehen. Ein Mittagessen würde meist den gesamten Tagesbedarf für Essen und Trinken in Anspruch nehmen. Vier von 16 Bundesländern (Rheinland-Pfalz, Saarland, NRW und ab 1. Januar 2008 Berlin) zahlen deshalb die Differenz zwischen einem Eigenanteil von einem Euro und den tatsächlichen Essenskosten in Schulen mit Ganztagsbetrieb. Hungrige Kinder im Unterricht scheinen die restlichen Bundesländer nicht zu stören. Aber selbst wenn alle Länder einen Zuschuss zum Essen zahlten, könnte dasdie Mangelernährung, unter der Hartz IV-Kinder leiden, nur abmildern.


Kosten für Lernmittel
Vor Hartz IV bekamen Sieben- bis 14-Jährige inklusive einmaliger Beihilfen (auch Schulbeihilfen) 232 Euro, heute gesteht man ihnen lediglich 208 Euro zu. Schulkosten sind damit faktisch gestrichen worden. Neugeborenen wird immerhin noch eine Erstausstattung bewilligt. Schulkindern wird eine solche für die Einschulung verweigert.

Die Landesregierung von Rheinland-Pfalz tritt inzwischen für eine Schulmaterialienpauschale von 20 Prozent des Regelsatzes pro Schulhalbjahr ein. Kosten für Schulbücher, die in immer stärkerem Maße anfallen, werden dabei allerdings ebensowenig berücksichtigt wie Kosten, die diese Pauschale übersteigen. Immerhin erkennt Rheinland-Pfalz an, dass Schulkosten nicht im Regelsatz enthalten sind.

Was tun?
Vielerorts regt sich Protest gegen die Missachtung der Grundbedürfnisse von Schulkindern aus armen Familien. Alle mit dem Schulbesuch anfallenden notwendigen Kosten müssen wieder über einmalige Beihilfen beantragt werden können. Solange es keine bundesweite Regelung gibt, sollten Kommunen und Landkreise zumindest Schulfonds einführen. Von den rund 450 kreisfreien Städten und Landkreisen und über 12 000 Gemeinden haben auf Grund des öffentlichen Drucks bislang rund 20 Maßnahmen in dieser Richtung beschlossen.

Beispielsweise zahlen zur Einschulung Zwickau 250 Euro, München 100 (ab 2008), Göttingen und der Landkreis Dahme-Spreewald 80 Euro, Zossen 65, Fürth 50 und Potsdam 25 Euro. Für laufende Schulkosten stellen z. B. Oldenburg 100 Euro im Schuljahr, Landkreis Aurich 70 Euro, Landkreis Neustadt 50 Euro (nur 2007), Chemnitz 25 Euro, Osnabrück 50 Euro im ersten, fünften und elften Schuljahr zur Verfügung. (Quelle: www.erwerbslos.de)

Müntefering schwebte für die Einschulungskosten von Kindern aus Hartz IV-Familien eine Pauschale in Höhe von 150 Euro vor (Berliner Zeitung vom 8. November 2007). Das reicht nicht. Regelmäßig fallen auch Lern- und Lehrmaterialkosten an. Deshalb sollten alle für den Schulbesuch notwendigen Kosten vom Staat übernommen werden. Kinder aus Hartz IV-Familien sollten ferner kostenlos in Schulen und Kitas essen können. Das wäre besser als der löchrige Flickenteppich von Zuschüssen zum Mittagessen. Um der mit Hartz IV verbundenen Mangelernährung von Kindern und Jugendlichen sowie deren relativem Ausschluss aus dem gesellschaftlichen Leben entgegenzuwirken, fordert die GEW die Erhöhung des Eckregelsatzes für Erwachsene auf mindestens 500 Euro. Damit würden sich die Regelsätze für Kinder auf 300 bzw. 400 Euro erhöhen.

Auch Kinder aus Armutsfamilien müssen sich gesund ernähren können. Das wäre eine Voraussetzung für schulische Förderung. Von Chancengleichheit kann aber auch dann noch nicht die Rede sein, denn die sozialen Verhältnisse, die mit Arbeitslosigkeit und Armut verbunden sind, können durch bessere Ernährung allein nicht beseitigt werden. Sie werden damit nur etwas weniger drückend.

Rainer Roth, Professor für Sozialwissenschaften an der FH Frankfurt am Main

Quellen:
1) Bremer Institut für Arbeit und Jugend: sgb2-kinder-062007rev.pdf, Irene Becker, Armut in Deutschland, Bevölkerungsgruppen unterhalb der Alg II-Grenze, Frankfurt 2006, 37, Tab. 8
2) www.bmsfj.de/bmfsfj/generator/Politikbereiche/kinder-und-jugend
3) Bundesministerium für Arbeit und Soziales in der Antwort vom 2. Juli 2007 auf eine Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE
BT-Drs. 16/5699
4) eigene Berechnung des Autors nach Mathilde Kersting und Kerstin Clausen, Wie teuer ist eine gesunde Ernährung für Kinder und Jugendliche? Die Lebensmittelkosten der optimierten Mischkost als Referenz für sozialpolitische Regelleistungen, Ernährungs-Umschau 9/2007, 508 ff.
5) Brief liegt dem Autor vor

Mehr Geld für Hartz IV-Kinder
Sozialleistungen für Kinder von Hartz IV- und Sozialhilfeempfängern sollen sich künftig an deren konkretem Bedarf orientieren. Mecklenburg-Vorpommerns Sozialminister Erwin Sellering (SPD) sagte nach einem Treffen mit seinen Ressortkollegen in Berlin, die Länderminister hätten geschlossen dafür gestimmt. Bislang bekamen Kinder unter 14 Jahren pauschal 60 Prozent, ältere 80 Prozent der Erwachsenen-Regelsätze. Nun sollten bei der Erhebung etwa die Kosten für Kleidung und Schulbesuch einbezogen werden.
aus: „Frankfurter Rundschau“ vom 17. November 2007


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GEW-Kommentar: „Wir müssen Kinder materiell absichern“

Jede Chance nutzen

Die Zahlen sind erschreckend: Mehr als zwei Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland leben in Armut. Sie leiden nicht nur unter materiellem Mangel, sie haben auch geringere Bildungschancen und damit schlechtere Lebensperspektiven als Gleichaltrige aus finanziell besser gestellten Familien.

Gerade die Pädagoginnen und Pädagogen werden in ihrer täglichen Arbeit mit der Kinderarmut konfrontiert. Sie erleben materielle Armut: Kinder, denen warme Kleidung im Winter fehlt. Kinder, die nicht am Essen in Kindergärten und Schulen teilnehmen können. Kinder, denen das Geld für Schulhefte und Schulbücher fehlt. Pädagoginnen und Pädagogen erleben Kinderarmut aber auch als Bildungsarmut, wenn zum Beispiel das Geld fehlt, um an sprachlichen, musischen oder sportlichen Angeboten teilzunehmen. So beginnt schon früh soziale Ausgrenzung in unserer Gesellschaft.
Zur Bekämpfung der Kinder- und Bildungsarmut brauchen wir ein umfassendes, zwischen Bund, Länder, und Gemeinden abgestimmtes Konzept. Was der Bund beim Kinderzuschlag für arme Familien zusätzlich zahlt, dürfen die Länder nicht gleich beim Geld für höhere Kita-Beiträge, Schulbücher, Essen in Kitas und in Schulen, Schülerbeförderung und Klassenfahrten wieder einkassieren.

Wir müssen die Kinder materiell absichern. Dazu zählen zum Beispiel gebührenfreie und gute Tageseinrichtungen für alle, eine wirkliche Lernmittelfreiheit, gutes und kostenloses Essen in Kindergärten und Schulen, aber auch eine Erhöhung der Regelsätze für Kinder von ALG II- und Sozialhilfe-Empfängern sowie die Einführung einer Schulmittelpauschale. Mittelfristig sollten wir über eine Kindergrundsicherung nachdenken, die das Nebeneinander etwa von Steuerfreibeträgen, Kindergeld und -zuschlägen oder Sozialgeld beseitigt.

Wir müssen aber vor allem die soziale Auslese in unserem Bildungswesen beenden. Noch immer haben Kinder arbeitsloser Eltern in Deutschland meist nur eingeschränkten Zugang zu Krippen und Kindergärten. Dies ist ein bildungspolitischer Skandal! Jedes Kind braucht einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz in Krippen, Kindergärten und Horten. Selbstverständlich muss auch Schluss sein mit der sozialen Auslese im Schulsystem. Wir benötigen eine Schule für alle bis zur zehnten Klasse.

Das Thema Kinderarmut ist auch in den Zentralen der Regierungsparteien angekommen. Die SPD richtet eine Kommission „Gleiche Lebenschancen für jedes Kind – Kinderarmut bekämpfen“ ein. Ich habe mich entschlossen, auf Einladung der Sozialdemokraten in dieser Kommission mitzuarbeiten. Wir müssen jede Chance im Kampf für eine gute Bildung und gegen Kinderarmut nutzen.

Ulrich Thöne, GEW-Vorsitzender


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