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08.04.2010

Schulen, Militär und Staudämme

Militär auf dem Schulgelände, die drohende Zerstörung einzigartiger Flusslandschaften durch Staudämme und eine Vorladung an unsere Egitim Sen Kollegen zum Verhör bei der Staatsanwaltschaft bestimmen den letzten Tag unserer GEW-Delegationsreise in die türkischen Kurdenregionen.

Wir frühstücken in der von Frauen betriebenen Cafeteria, wo wir bereits am Vortag die Bürgermeisterin getroffen haben und besprechen mit Kollegen von Egitim Sen den Tagesplan. Heute wollen wir eine Schule besuchen und uns außerdem über die geplanten Staudammprojekte in der Region informieren. Dafür sollen wir die Flüsse Pülümür und Munzur kennenlernen. Wir fahren entlang des Pülümür nach Pirdo Sur (Türkisch: Kirmizi Köprü; Deutsch: Rote Brücke). Der kleine Ort liegt in bergiger Umgebung im Tal des Pülümür etwa siebzig Kilometer östlich von Dersim. Hier befindet sich eine Internatschule auf Militärgelände. Begleitet werden wir vom Egitim Sen Vorsitzenden Mehmet Ali Aslan, den Vorstandsmitgliedern Süleyman Güler, Erkan und Haydar Cetinkaya, der auch Sprecher der Initiative “Gegner der Staudammprojekte im Munzur- und Pülümürtal” ist. Haydar zeigt uns, wo die Staudämme geplant sind und alles unter Wasser verschwinden soll. Den Mitgliedern unserer Delegation wird bewusst, warum die Bevölkerung von Dersim sich so vehement gegen die Staudämme wehrt. Eine wunderschöne Natur würde vernichtet und wäre unwiederbringlich verloren, wenn sich die wirtschaftlichen, militärischem und politischem Interessen durchsetzen, die diese Staudämme bauen wollen. In und um Dersim sind insgesamt zwanzig Staudämme geplant. Davon sollen sechs im Osten im Tal des Pülümür und sieben im westlich gelegenen Tal des Munzur entstehen. Der Uzuncayirstaudamm wurde kürzlich fertig. Er hat bereits einzigartige Schönheiten von Dersim unter sich begraben. Da die Stadt keine Kläranlage besitzt und die Abwässer bisherher ungeklärt im Fluss entsort wurden, wird für die heiße Sommerzeit mit steigender Umweltverschmutzung und Krankheiten durch den neuen Stausee gerechnet. Ein zweiter Staudamm, Mercan HES ist ebenfalls schon fertig. Da dieser rechtswidrig errichtet wurde, ist dagegen Klage erhoben worden. Im Munzur Tal befindet sich ein Nationalpark, der nach internationalem Recht geschützt werden müsste. Die Staudämme bedrohen nicht nur eine einzigartige Vielfalt von Tier- und Pflanzenarten, die in den Tälern und Bergen der Region zu Hause sind, sondern auch heilige Orten der Bevölkerung, die nach alewitischem Glauben sehr bedeutsam für die Menschen sind. Alle dieser Staudämme werden nur einen winzigen Teil des Stroms der Türkei produzieren, obwohl es in Dersim effektivere Möglichkeiten der Energiegewinnung gibt, wie Wind und Sonne, welchen leider keine Aufmerksamkeit geschenkt wird. Wir fahren weiter vorbei an für die Bevölkerung von Dersim wichtige Orte, wie zum Beispiel “Kutu Dere”, wo tausende Menschen bei einem Massaker infolge des Kurdenaufstands im Jahre 1937/1938 von türkischem Militär ermordet wurden.

Links: Im Tal des Pülümür sollen sechs Staudämme gebaut werden
Mitte: Der Weg zur Schule führt über eine Hängebrücke
Rechts: Die “Ilk Ögretim Okul” Schule befindet sich auf Militärgelände

Schule in einer Militärkaserne

Wir fahren auf der rechten Seite oberhalb des Pülümür Flusses und erreichen schließlich unser Ziel Kirmizi Köprü. Hier überqueren wir eine Hängebrücke zur anderen Seite des Flusses, wo wir die Schule und das Kasernengelände erkennen. Nach 100 Metern sehen wir das Tor und einen Soldaten mit Gewehr. Wir werden nicht kontrolliert und bemerken direkt auf der linken Seite des Eingangtors einen Panzer aus deutscher Herstellung. Auf der rechten Seite liegt die Schule. Der Schulleiter Ahmet Geyik begrüßt uns und wir nehmen in seinem Büro Platz. Bedrückt berichtet er über die Umstände, unter denen die Kinder und Lehrer den Alltag der Schule ertragen müssen. “Was soll ich sagen? Sie sehen alles selbst. Wie sollen in einem Militärgelände Kinder unterrichtet werden?!” Mehrfach wird er während des Gesprächs vom Militärkommandeur angerufen, der sich über unseren Besuch erkundigt. Nach den militärischen Auseinandersetzungen zwischen PKK und türkischem Militär in den neunziger Jahren mussten viele Menschen ihre Dörfer verlassen. In der Folge verringerte sich die Zahl der Kinder in den Dörfern, weshalb die türkische Regierung Internate in einigen Dörfern der kurdischen Regionen bauen ließ. Viele dieser Internatsschulen befinden sich innerhalb oder neben Militäranlagen und Kasernen. Die Kinder verbringen die ganze Woche im Internat ohne Kontakt zur Familie. Während der Wintermonate haben sie oft wochenlang keine Möglichkeit, ihre Eltern zu sehen. So hofft der türkische Staat auf eine schnelle Assimilierung der kurdischen Kinder. Die “Ilk Ögretim Okul” Schule wurde 1992 zu einer Internatsschule umstrukturiert und unterrichtet Schülerinnen und Schüler von der ersten bis zu achten Klasse. Im Jahr 2003 hatte die Schule 600 Schülerinnen und Schüler, heute sind es nur noch sechzig. Davon sind zwei Kinder von Militärangestellten, alle anderen Kinder sind aus kurdischen Familien der Region. Von den 13 Lehrkräften sind zehn Frauen. Sie alle leben auf dem Schulgelände. Die Unterkünfte der Lehrkräfte wurden zwar von Experten als nicht bewohnbar beurteilt. Dennoch haben sie keine andere Möglichkeit als dort zu wohnen. Die Kollegin Birgül Cicek erzählt, dass sie sich jedesmal auf Neue erschreckt, wenn das Militär mit Waffen übt. Die Lehrkräfte können sich gut vorstellen, was die Kinder empfinden. Eine Lehrerin sagt: “Wenn ich im Kunstunterricht Malaufgaben gebe, malen die meisten Kinder Waffen, Panzer, Hubschrauber und ähnliche Militärgeräte. Viele können nachts nur sehr schlecht schlafen.” Ein Schüler der ersten Klasse erzählt uns traurig, dass er seine Mutter vermisst. Alle Klassenzimmer sind mit der türkischen Fahne, Atatürk-Foto, National Hymne und dem Text des nationalen Eids auf das Türkentum ausgestattet. Eine Lehrerin sagt uns, dass dies von der türkischen Regierung so vorgeschrieben wird. Wer die Vorschriften nicht einhält, muss mit Disziplinarstrafen rechnen oder wird gleich fristlos gekündigt.

Links: Schulleiter Ahmet Geyik beklagt die Militärpräsenz auf dem Schulgelände
Mitte: Die Kinder verbringen die ganze Woche im Internat ohne Kontakt zur Familie
Rechts: Jeden morgen sprechen die Kinder den Eid auf das Türkentum


Weder für Schüler/innen noch für die Lehrer/innen gibt es soziale oder kulturelle Angebote im Ort. Die Kinder haben nur sehr wenig Bewegungsfreiraum und der Spielplatz ist kleiner als der Garten einer normalen bürgerlichen Familie in Deutschland, weshalb sie meist im Schulgebäude bleiben. Die Lehrerinner und Lehrer erzählen, dass sie sich wie im Gefängnis fühlen und immer streng kontrolliert werden, wenn sie die Schule betreten. Eine Lehrerin sagt, dass sie im Ort nichts außer das Schul- und Wohngebäude kennt. Egitim Sen hat von Anfang an gegen diese Internatsschulen Stellung genommen. Die Folge war, dass mehrere Vorstandsmitglieder wegen ihrer öffentlichen Kritik in andere Schulen zwangsversetzt wurden, wie die ehemaligen Vorsitzenden Hanifi Bekmezci und Süleyman Güler. Sie berichten uns, dass der Umzug der “Ilk Ögretim Okul” Schule zwar mehrfach angekündet wurde, doch bisher nichts geschehen sei. Selbst der ehemalige türkische Erziehungsminister Hüseyin Celik soll bei einem Besuch der Schule gesagt haben, dass diese nicht für den Unterricht geeignet sei. Dem stehen offensichtlich andere Interessen entgegen. Nach Meinung der Gewerkschaft nutzt das türkische Militär die Nähe zur Schule und zu den Kindern zu ihrem eigenen Schutz und will deshalb einen Wegzug der Schule vom Militärgelände verhindern. Gerade wollen wir uns verabschieden und das Schulgebäude verlassen, da treffen wir auch den Kommandanten der Kaserne. Er will unsere Videokamara haben, um die Filme, die wir aufgenommen haben, zu löschen. Nach einiger Diskussion lässt er dann von seiner Forderung ab und wir machen uns auf den Rückweg nach Tersim/Tuncelli. Wir fahren durch das wunderschöne Tal des Pülümür und halten kurz vor dem Stadtzentrum von Tersim/Tunceli an, um einige Häuser zu fotografieren, die durch den neu gebauten Staudamm überflutet wurden. Plötzlich hält hinter uns ein weißes Auto mit Zivilpolizisten, die die Egitim Sen Kollegen sprechen wollen. Die Gewerkschafter müssen vor unseren Augen auf offener Straße mit ihrer Unterschrift bestätigen, dass sie eine Einladung zum Verhör bei der Staatsanwaltschaft erhalten haben. Gründe dafür werden ihnen nicht mitgeteilt.

Links: Der Lehrer Haydar Cetinkaya ist Koordinator der Staudammgegner
Mitte: Häuser verschwinden im Wasser des Stausees
Rechts: Zivilpolizisten überreichen Gewerkschaftern eine Vorladung zur Staatsanwaltschaft

Wir fahren weiter und folgen dem Tal des Munzur flussaufwärts, vorbei an der heilige Anafatma und dem heiligen Kemerebel. Eine Familie, die dort betet, reicht uns selbstgebackendes Brot, eine alte alewitische Tradition: Wenn einem Leid wiederfahren ist oder wenn man Wünsche und Hoffnungen hat, die erfüllt werden sollen, fährt man zu einem der heiligen Orte entlang der Flüsse und betet dort und verteilt Gaben an die dort zufällig Anwesenden. Wenige Kilometer weiter gelangen an einen Ort mit Namen “Halbori Gözeleri”, wo der Führer der kurdischen Aufstandsbewegung Seyid Riza zusammen mit seinem Sohn und anderen Mitkämpfern im Jahr 1937 vom türkischen Militär erhängt wurde. Aus Angst vor weiterer Gewalt des Militärs hatten sich hier viele Kurden dann auch selbst umgebracht haben. Unser GEW-Delegationsprogramm in die türkischen Kurdenregionen endet mit einem Interview mit einem Journalisten der Lokalpresse sowie einem gemeinsamen Abschiedsessen in einem Restaurant am Ufer des Munzur mit den Kolleginnen und Kollegen der Egitim Sen aus Dersim, die uns die letzten Tage begleitet haben.

Links: Der Munzur gilt vielen Kurden als heiliger Fluss
Mitte: Abschiedsabend mit Egitim Sen Kollegen in Dersim
Rechts: Süleyman Ates ist Lehrer an einer Gesamtschule in Köln

Text: Süleyman Ates
Fotos: Manfred Brinkmann/Sabine Skubsch

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