02.12.2008

„Richtig unter Dampf“ - Mehr Stress durch PISA in Bremen

Bremen war bei den bisherigen PISA-Studien stets das Schlusslicht und ist es auch wieder beim dritten PISA-Bundesländervergleich (s. Seite 13 f.). Trotzdem hat sich in dem Stadtstaat viel getan. Bei den Leistungszuwächsen der Schüler, die PISA von 2000 bis 2006 festgestellt hat, liegt die Hansestadt auf den vordersten Plätzen. Was Praktiker von den PISA-Reformen an der Weser halten und wie sich der pädagogische Arbeitsalltag dadurch verändert hat, zeigt E&W am Beispiel eines Bremer Sek I-Schulzentrums.

Schön bunt ist es hier, draußen wie drinnen. Die Fassade der Bremer Wilhelm-Olbers-Schule glänzt seit der letzten Sanierung in rot, blau, gelb und grün. Drinnen tummeln sich tausend Gymnasiasten, Real-, Haupt- und Sonderschüler aus 22 Nationen und sehr unterschiedlichen Stadtteilen, vom eher dörflichen Mahndorf bis zum Arbeiter- und Migrantenviertel Hemelingen. Eine bunte Mischung, die das Unterrichten nicht immer leicht macht. Das Sek I-Schulzentrum (in anderen Bundesländern würde man es Kooperative Gesamtschule nennen) dürfte einst zum schlechten Abschneiden Bremens bei den ersten PISA-Studien beigetragen haben. Aber seitdem hat sich viel getan.

„PISA war ein heftiger Schock“, sagt Petra Perplies-Voet, die seit vier Jahren die Bildungsstätte leitet. „Aber dadurch entstand ganz viel Aufbruchstimmung.“ An der Olbers-Schule bildeten sich unter anderem Arbeitsgruppen zur Schulentwicklung. Auf Landesebene beschlossen die damalige SPD/CDU-Koalition und ihr Bildungssenator Willi Lemke (SPD) diverse Änderungen. Perplies-Voet, bis 2004 selber in der Bildungsbehörde, bewertet diese Reformen sehr differenziert.

Der an ihrer und einzelnen anderen Schulen eingeführte Ganztagsunterricht mit nachmittäglichen Kür- und Pflichtangeboten erscheint der 49-jährigen Sonderpädagogin sinnvoll. Problematischer findet sie die Abschaffung der Orientierungsstufe (s. Seite 21 f.). „So, wie diese war, arbeitete sie nicht erfolgreich. Aber sie war ein guter Anfang für eine längere gemeinsame Beschulung.“
Dafür arbeitet die Olbers-Schule nun intensiver mit Grundschulen zusammen. Das Ziel: ein möglichst „bruchloser Übergang“ für die Kinder.

Schritt in richtige Richtung

Dass Bremer Haupt- und Realschüler jetzt bis Ende der 8. Klasse gemeinsam lernen (sie heißen seitdem „Sekundarschüler“), ist für Perplies-Voet ein Schritt in die richtige Richtung – aber ein halbherziger. Denn die besonders leistungsstarken Kinder landen weiterhin auf dem Gymnasialzweig und fehlen im Sekundarschulbereich.

Zum Glück hat das Olbers-Schulzentrum schon lange vor PISA eine enge interne Kooperation angeschoben: Zwei bis drei Klassen aus den verschiedenen Schulzweigen bilden jeweils kleine Gemeinschaften („Häuser“) und bekommen möglichst benachbarte Räume. Zum Teil kooperieren sie zudem mit Sonderschulklassen eines „Förderzentrums“, das hier eine Art Außenstelle unterhält. Die Lehrkräfte eines „Hauses“ arbeiten im Team. In Fächern wie Kunst, Sport oder Arbeitslehre lernen die Sekundarschüler und Gymnasiasten gemeinsam.

Weiterhin separiert wird dagegen in den Leistungsfächern. Hier ist der Druck zum getrennten Unterrichten noch gestiegen, seitdem auch Bremen das Abitur nach zwölf Jahren eingeführt hat. Perplies-Voet hält die „heftige Verdichtung“ des Stoffes für ein großes Problem – ausgerechnet in dem Alter, „in dem die Kinder im Wesentlichen aus Östrogen und Testosteron bestehen“. Seitdem stünden nicht nur die Gymnasiasten, sondern auch ihre Lehrkräfte „richtig unter Dampf“. Aber vielleicht sei das nur ein Übergangsproblem.

Mit Übergängen haben auch manche Schüler ein Problem: Sie sind versetzungsgefährdet. Seit PISA wird ihnen in Bremen mit „Ostercamps“ geholfen: In den Ferien erhalten sie an ausgewählten Schulen Nachhilfe – so auch an der Olbers-Schule. „Ich finde das genial“, sagt die Direktorin.

„Wir reparieren spät...“

Überhaupt wird dank PISA besonders viel für leistungsschwache Schülerinnen und Schüler getan. So bietet die Olbers-Schule gleich in der 5. Klasse Lese-Intensivkurse an. Drei Lehrerinnen aus Russland, der Türkei und dem Iran unterrichten Deutsch für Migranten und zudem deren Muttersprache. „Das alte deutsche Problem“, sagt die Schulleiterin: „Wir reparieren spät, statt früh Prävention zu betreiben.“

Zu reparieren gibt es aber noch genug. Mancher Abgänger hat das Wissen eines Viertklässlers. Deshalb bemüht sich die Schule um eine intensive Begleitung in die Berufswelt, etwa mit Praktika oder Beratungsangeboten. Neben dem Fördern kommt auch das Fordern nicht zu kurz. Perplies-Voet outet sich als Anhängerin der nach PISA eingeführten zentralen Vergleichstests und Abschlussprüfungen: „Es muss verbindliche Standards geben. Wir müssen raus aus den Beliebigkeiten.“

Dass in Bremen die Macht der Schulleitungen gestärkt wurde, hält die Direktorin für sinnvoll. Aber sie weiß auch: „Schulentwicklung ist nur gemeinsam mit dem Kollegium möglich.“ Skeptisch äußert sich Perplies-Voet über das Vorhaben der neuen rot-grünen Koalition und der Lemke-Nachfolgerin Renate Jürgens-Pieper (SPD), das gerade erst reformierte Schulsystem schon wieder umzubauen. Neben den Gymnasien soll es dann anstelle von Gesamtschulen und Schulzentren nur noch „Oberschulen“ geben. „Ich fürchte, damit wird die Zweigliedrigkeit festgeschrieben“, sagt Perplies-Voet. Sie wünscht sich langfristig „eine Schule für alle Kinder bis zur 9. Klasse“, weiß aber auch, dass die sich nicht so schnell realisieren lässt.

Bereits jetzt klagen viele über zu häufige Umbrüche. Perplies-Voet: „Das ist für die Eltern und das Kollegium sehr verunsichernd.“ Die Lehrkräfte hätten oft das Gefühl, bei Änderungen der Schulstruktur „mit ihren Erfahrungen nicht mit einbezogen zu werden“.
Schon die bisherigen PISA-Maßnahmen haben allen Beteiligten viele zusätzliche Belastungen gebracht. Elke Baumann, eine der drei GEW-Landesvorstandssprecher/innen, die ebenfalls an der Olbers-Schule arbeitet, hat den Eindruck, dass der Leistungsdruck nicht nur für die Schülerinnen und Schüler, sondern auch für die Lehrkräfte wesentlich größer geworden ist – wegen der neuen Förderangebote und Vergleichsarbeiten, aber auch durch die zusätzlich vorgeschriebenen Präsenzzeiten an Nachmittagen und in den Ferien, die erweiterten Fortbildungspflichten, Evaluationen, Jahresplanungen. Auch durch mehr Bürokratie: So muss beispielsweise die Klassenkonferenz nach jeder „Vier minus“ eine Förderempfehlung formulieren. „Das alles wird einfach oben draufgepackt“, zusätzlich zum bereits früher erhöhten Stundensoll, kritisiert Baumann.

Aber immerhin zeigen sich erste Erfolge. Perplies-Voet erzählt, dass die Olbers-Schule seit zwei Jahren stärkeren Zulauf von Gymnasiasten erlebt. Früher schickten bildungsnahe Eltern ihre Kinder lieber auf entferntere Gymnasien statt ins lokale Schulzentrum. „Inzwischen haben wir sie wohl überzeugt, dass es hier eine Schule gibt, in der die Kinder gut aufgehoben sind.“

Eckhard Stengel, freier Journalist

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