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/ 06/2007
Gesellschaftspolitik 06/2007Das Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ (SOR-SMC) ist ein Beteiligungsprojekt für Schülerinnen und Schüler, die aktiv gegen jede Form der Diskriminierung, insbesondere Rassismus, an ihren Schulen aber auch darüber hinaus in ihren Kommunen vorgehen wollen. Mitmachen können sie, wenn mindestens 70 Prozent der Schulmitglieder, also auch der Lehrkräfte, Sozialpädagogen und Mitarbeiter, sich per Unterschrift zur Einhaltung der Grundsätze des Projektes verpflichten.
Prominente Paten
Ein selbstgewählter Pate steht der Schulgemeinschaft zur Seite. Patenschaften übernahmen sowohl Medien- und Kunstschaffende wie die Schauspielerin Iris Berben, der Musiker Konstantin Wecker, Herbert Grönemeyer und Campino als auch Persönlichkeiten aus der Politik wie Cem Özdemir (Grüne), SPD-Chef Kurt Beck, der saarländische Ministerpräsident Peter Müller und Grünen-Vorständlerin Renate Künast, aber auch Sportler wie Per Mertesacker und Marco Bode von Werder Bremen oder der Fußballclub Hertha BSC Berlin. Das in sechs europäischen Ländern bestehende Netzwerk umfasst in Deutschland aktuell 320 Schulen aller Schularten und -stufen. Damit ist SOR-SMC das größte schulische Netzwerk für Menschenrechtserziehung in der Bundesrepublik, an dem sich allein in diesem Schuljahr mehr als 250 000 Schülerinnen und Schüler beteiligen. In zwölf Bundesländern gibt es Landeskoordinationen, die zwischen den SOR-SMC-Schulen und den mehr als 120 bundesweiten Projektpartnern die Zusammenarbeit unterstützen, indem sie diese bei der Umsetzung ihrer selbstbestimmten Aktivitäten beraten oder eigene inhaltliche Angebote machen. Die Bundeskoordination hat ihren Sitz im Hause der GEW Berlin und organisiert den Austausch von Erfahrungen und Kompetenzen. Die GEW-Landesverbände haben sich per Gewerkschaftstagsbeschluss zu Kooperationspartnern erklärt.
Zentrales Anliegen ist, das selbstbestimmte Handeln der Schüler durch geeignete Begleitung zu unterstützen. In der Praxis zeigt sich, dass altersabhängig eine Vielzahl von Aktionsformen zur Auseinandersetzung mit Diskriminierung genutzt werden. Die Homepage des Projektes (www.schule-ohne-rassismus.org) gibt einen Überblick über die fantasiereichen und engagierten Aktivitäten der Schulen, die angebotenen Materialien und informiert, wie sich weitere Schulen dem Netzwerk anschließen können. Die Broschüre „Kinder und Jugendliche stärken demokratische Netzwerke“ gibt ausführliche Informationen zu den Handlungsansätzen und stellt Beispiele vor.
Das ebenfalls durch Xenos geförderte Projekt „Flucht und Asyl – ein Thema für Schulen“ wurde in Trägerschaft der GEW in Kooperation mit Pro Asyl, Caritas, Deutschem Roten Kreuz, terre des hommes, UNO-Flüchtlingshilfe und dem Bildungs- und Förderungswerk umgesetzt. Ausgehend von der Idee, dass die Themen Flucht und Asyl in der Regel im Unterricht kaum Platz finden, sich aber dazu eignen, Vorurteile gegenüber „den Fremden“ zu schüren, wurden ein pädagogischer Ansatz und entsprechendes Material für den Regelunterricht entwickelt.
Zum Mitmachen konzipiert
Es liegt in zwei Ordnern mit einer Loseblattsammlung für die Grund- und Sekundarstufe vor. Für die Grundschule sind Informationen für Lehrkräfte über die komplexe Thematik aufbereitet, die einen historischen und globalen Über-blick über Fluchtbewegungen und -hintergründe liefern. Das Material stellt vor allem anschaulich dar, wie sich das heutige Asylrecht auf die Lebenswirklichkeit von Flüchtlingen auswirkt. Spätestens wenn Schulen damit konfrontiert werden, dass ein Schüler von Abschiebung bedroht ist, suchen sie nach Informationen über mögliche Unterstützungsmaßnahmen für die Betroffenen. Das in Kooperation mit der Kampagne „Hier geblieben!“ erstellte Kapitel zum Bleiberecht und Kirchenasyl bietet Infos und arbeitet mit konkreten Beispielen.
Das Handbuch für die Sekundarstufe vermittelt darüber hinaus zu allen Themenblöcken Zahlen, Fakten und Informationen über Fluchtbewegungen. Beide Ordner sind zum Mitmachen konzipiert. Sie zeigen eine Grundstruktur, die durch weiteres Material über Anlaufstellen und aktuelle rechtliche Entwicklungen, aber vor allem auch mit eigenen Unterrichtsvorlagen ergänzt werden können. Die Handbücher können gegen eine kleine Gebühr über die GEW bestellt werden.
Sanem Kleff, Leiterin des europäischen Projektes „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ für den Verein Aktioncourage e.V.
Die Regine-Hildebrandt-Schule im brandenburgischen Birkenwerder ist eine von über 300 Schulen in Deutschland, die sich am Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ beteiligen.
Eines Morgens prangte plötzlich ein Graffiti an der Turnhalle: „U 28!“, der Code für „Blood & Honour“, abgeleitet aus „Blut und Ehre“, einst Motto und Grußformel der Hitlerjugend. „Das war aber der einzige rechte Vorfall“, sagt Henry Hirsch, Schüler an der Regine-Hildebrandt-Schule in Birkenwerder. „Es gibt bei uns keine ‚Glatzen‘. Niemanden, der rechtsextreme Parolen verbreitet, keine Diskriminierungen oder Übergriffe auf Schwächere und auch keine ‚Schlagvideos‘, wie sie an anderen Schulen per Handy gedreht werden.“
Seit Dezember vorigen Jahres trägt die Hildebrandt-Schule im ländlich anmutenden Nordwesten Berlins den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Schülerin Judith Benda, inzwischen schon Studentin, stieß die Bewerbung damals an. „70 Prozent der Leute mussten dafür sein“, sagt Henry Hirsch, Judiths Nachfolger als Schülersprecher. „Also fragten wir alle: 525 Schüler, 60 Lehrer, die Sekretärin, die Putzfrauen und den Hausmeister. Die meisten unterschrieben sofort.“ Schulleiter Hansjörg Behrendt freut sich über das Engagement der Schüler: „Die Idee kam ganz allein aus ihrer Mitte. Wir Lehrer werden zwar einbezogen, unterstützen das Projekt auch. Aber den Hut haben die Schüler auf.“
Der angehende Wirtschaftsinformatiker, der gerade seine Abi-Prüfungen hinter sich hat, erklärt sich das so: „Das Anliegen passt einfach zum Schulklima.“ Die Ganztagsgesamt-Schule mit gymnasialer Oberstufe, entstanden aus der Zusammenlegung mehrerer Schulen, darunter einer Spezialeinrichtung für Körperbehinderte, nennt sich heute integrativ-kooperativ. Sie gehört zu einem Netzwerk mehrerer Schulen, in denen Schüler und Schülerinnen mit Behinderungen den normalen Unterricht mitmachen. „Die fühlen sich hier genau richtig“, sagt Henry. „Sie sind nicht ausschließlich mit Behinderten zusammen. Aber sie kommen sich auch nicht vor wie auf dem Präsentierteller, weil sie einfach mal nicht die einzigen mit einem Problem sind. Gerade in der Pubertät, in der jeder denkt, er sei ein Außenseiter, tut das gut.“
Innovativer Prozess
Für das Pädagogenteam in Birkenwerder war der Weg zu dieser Art Schule ein Prozess voller Innovationen, z. B. Auflösung der Klassen – zugunsten einer Jahrgangsstruktur mit wechselnden Lerngruppen, Abschied vom Einzelkämpfertum, Projektunterricht und Förderplänen, hart gepflastert mit Fortbildungen, Konferenzen und kontroversen Diskussionen. Er erstreckte sich im Rahmen eines Schulversuchs über sechs Jahre und nimmt teilweise vorweg, was auf Lehrkräfte zukommt, die sich für die Idee „Eine Schule für alle“ einsetzen.
Auch in Henrys Klasse waren Behinderte, darunter Patricia. „Nach einer Weile spielte es keine Rolle mehr, dass sie kleinwüchsig ist und im Rollstuhl sitzt. Man sah einfach nur, wer sie ist und wusste, was sie denkt“, sagt der 19-Jährige. Ein Film über einen Tag in Patricias Leben, den ihre Mitschüler mit ihr drehten, öffnete vielen die Augen dafür, wie es ist, als Teenager nicht einfach mal „in der Stadt“ eine angesagte CD kaufen zu können wie alle anderen, weil man an steilen S-Bahn-Treppen scheitert. Oder nichts aus einem Automaten ziehen zu können, weil man nicht rankommt. Patricia, die nach der zehnten Klasse eine Lehrstelle antrat, zeigte die Courage, Hilfe zu fordern – und anzunehmen. Henry lernte, darauf zu achten, ob jemand seine Unterstützung braucht, eine Tatsache, die auch bei seiner Bewerbung um eine duale Ausbildung positiv auffiel.
Der neue Schultitel ist für ihn kein Etikett und schon gar keine reine Zweckübung, die nur Geld in die Kasse spült. „Es sind überhaupt keine Zuwendungen damit verbunden, sondern eigentlich nur Arbeit, die in die Organisation von Projekten gegen Diskriminierung und Rassismus investiert werden muss. Sogar das Schild für die Schultür mussten wir selber kaufen“, erklärt er.
Musik zieht immer
Henry startete ein Punkrock-Konzert an der Schule. Jede Band, die antrat, hatte 15 Minuten, um sich zu präsentieren. Genug Zeit, um drei, vier Titel zu spielen. Einer davon sollte das Thema Toleranz zum Inhalt haben, das, wie sich zeigte, viele Facetten hat. „Musik zieht immer, ganz klar. Wir machen damit nichts Aufgesetztes, sondern etwas, das uns auch privat interessiert. Zu einem Workshop wären bestimmt nicht so viele Leute gekommen“, lacht Hirsch. „Und wir hätten dafür niemals soviel Aufmerksamkeit gekriegt.“
Die Hildebrandt-Schule machte Schlagzeilen mit dem Toleranz-Projekt, das im Kleinen nachvollzieht, was weltweit läuft: Rockprominenz engagiert sich für politische und soziale Ziele. Nur ist es viel cooler, wenn da die Jungs aus der eigenen Schule auf der Bühne stehen. Fernsehen und Presse rückten an und, ganz wichtig, reichlich Gäste aus anderen Schulen im Speckgürtel Berlins: Hennigsdorf, Velten, Frohnau, Waidmannslust … „Das Feedback war gigantisch“, so Henry. „Viele sagten, so was würden sie bei sich auch gern haben. Zuhause redeten sie dann mit ihren Freunden.
Auch darüber, dass der oder die offizielle Pate/Patin der Hildebrandt-Schule ist und öfter vorbeikommen will. Oder dass die Sieger professionelle Studioaufnahmen bei einem Musikproduzenten machen dürfen.“
Die gelungene Aktion in Birkenwerder schlägt Wellen. Demnächst wird es im Kreis Oberhavel die Aktion „Kreis ohne Rassismus“ geben, bei der mehrere Schulen mitwirken. „Das Bündnis zählt“, sagt Hirsch. „Man darf nicht vergessen, dass der NPD-Landesverband Brandenburg seinen Sitz in Birkenwerder hat.“
Uta Alexander,
Journalistin „Report Presseagentur“
E&W: Welche Schulen, die sich am Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ beteiligen, unterstützen Sie als Pate?
Marco Bode: Ich bin Pate zweier Schulen in Bremen und einer Schule in meiner alten Heimat im Harz.
E&W:Warum engagieren Sie sich für das Projekt?
Bode: Ich möchte den Kindern und Jugendlichen zeigen, dass ich ihr eigenes Engagement sehr gut finde.
E&W: Ist die Patenschaft eine einmalige Sache oder begleiten Sie die Schüler über einen längeren Zeitraum hinweg?
Bode: Um ehrlich zu sein, habe ich beruflich und mit anderen Projekten sehr viel zu tun, so dass ich mich in den schulischen Alltag kaum wirklich einbringen konnte. Ich hoffe aber, dass die Schulen trotzdem mit meiner Patenschaft etwas bewegen können.
E&W:Wie ist der Kontakt entstanden?
Bode: Die Schüler sind auf mich zugekommen.
E&W: Wie können Sie dazu beitragen, das Projekt „Schule ohne Rassismus“ in der Öffentlichkeit bekannt zu machen?
Bode: Durch solche Interviews wie dieses, auch in öffentlichen Diskussionen, zum Beispiel über das Thema „Fußball und Rassismus“.
E&W: Als Fußballprofi sind Sie nicht nur durch sportliche Erfolge, sondern auch durch besondere Fairness und Toleranz aufgefallen (nur zehn Verwarnungen in 379 Spielen). Wie geben Sie diese Werte an die junge Generation weiter?
Bode: Das lässt sich nicht genau beschreiben. Ich versuche bei allem, was ich tue, Fairness und Toleranz vorzuleben und diese Werte des Sports auch zu kommunizieren.
E&W: Fremdenfeindliche Sprüche auf dem Fußballplatz sind leider immer wieder zu hören. Ihr ehemaliger Verein Werder Bremen hat jetzt eine Unterschriftenaktion gegen Rassismus ins Leben gerufen. Ein nachahmenswertes Beispiel für andere Clubs?
Bode: Auf jeden Fall. Die Vereine haben durch ihre Popularität und ihren Zugang zu jungen Menschen eine große Chance, diese positiv zu beeinflussen. Das gilt natürlich auch für die Spieler, die für Kinder und Jugendliche große Vorbilder sein können. Unterschriften können ein Zeichen setzen. Viel wichtiger ist aber, dass man selbst eine konsequente Haltung gegen Rassismus einnimmt.
Interview: Katja Fischer,
Journalistin „Report Presseagentur“
E&W: Warum wurden Sie Pate der Albert-Schweitzer-Oberschule in Hennigsdorf?
Andreas Schulz: Schüler und Lehrer kamen auf mich zu und ich habe gern zugesagt. Anti-Rassismus und Courage sind moralische Grundsätze, die Tag für Tag gelebt werden müssen. An einer Schule mit 400 Schülern aus zwölf Nationen ist das nicht immer einfach. Da fällt schnell mal ein unbedachtes Wort, gibt es Ansätze von Gewalt. Deshalb unterstützte ich das Bemühen der Schule, sich öffentlich zu Antirassismus und Courage zu bekennen. Es geht darum, Position zu beziehen, innerhalb der Schule sowie im persönlichen Umfeld.
E&W: Wie sieht die Patenschaft konkret aus?
Schulz: Als Bürgermeister der Stadt Hennigsdorf, die Träger der Schule ist, habe ich eine enge Beziehung zur Albert-Schweitzer-Oberschule. Ich bin bei vielen Veranstaltungen und Projekten der Schule dabei, so auch beim jährlichen Anti-Rassismustag, der dieses Jahr zum 13. Mal stattfand. Mit ihm verbunden ist der Albert-Schweitzer Gedenklauf. Das ist ein Staffellauf, für den ich Start und Siegerehrung übernehme, den ich aber auch schon mitgelaufen bin.
E&W: Wie gehen die Jugendlichen an der Albert-Schweitzer-Schule mit dem Thema Anti-Rassismus um?
Schulz: Die Projekte sind ganz vielfältig. So gibt es zum Beispiel Arbeiten zum Schwerpunkt „Einwanderer in Hennigsdorf“ oder „Neue Heimat Hennigsdorf“. Einen unvergesslichen Eindruck hinterlassen immer die Schülerfahrten der zehnten Klassen nach Theresienstadt. Sie sind Bestandteil des Geschichtsunterrichts. In diesem Jahr freuen wir uns, dass wir zum ersten Mal eine Schülergruppe aus Theresienstadt in Hennigsdorf begrüßen können. Es ist wichtig, dass sich Jugendliche möglichst konkret mit der Geschichte auseinandersetzen.
E&W: Gab es in Hennigsdorf ausländerfeindliche Vorfälle?
Schulz: Ein schlimmes Ereignis war die Verletzung eines griechischen Gastwirts mit einem Messer. Das war Mitte der 1990er. Die Bürger waren entsetzt, dass so etwas in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft passiert.
Interview: Katja Fischer,
Journalistin „Report Presseagentur“
In der Gemeinde Karlstadt/Bayern schließen sich erstmals in Deutschland sämtliche Schulen eines Ortes dem Projekt „Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage“ an. Ausgrenzung haben Jugendliche hier auf unterschiedliche Weise erfahren, das beschreibt unsere Reportage: Rassismus zeigt im schulischen Alltag viele Facetten.
Die Grundschule zählt 420 Jungen und Mädchen im unterfränkischen Karlstadt. 83 Kinder sind muslimischen Glaubens. „Sie sind in der Schule gut integriert“, betont Rektor Herbert Schneider. Was ihm allerdings Sorgen macht: Kaum eines dieser Ausländerkinder kommt nach den vier Grundschuljahren in der benachbarten Realschule oder gar im Gymnasium an.
Warum das so ist? Liegt es, wie Realschüler Simon Herrmann vermutet, allein an den Elternhäusern der Ausländerkinder? Die „legen weniger Wert auf Bildung“, glaubt der Zehntklässler. Ob das stimmt, überprüft der Jugendliche nicht. In den kommenden Monaten und Jahren könnte die Frage um die ungerechte Verteilung der Bildungschancen in Karlstadt für die Realschüler, Gymnasiasten und Grundschüler wichtig werden. Alle zusammen machten sich am 8. Mai auf den Weg, „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ zu werden. Mit im Boot sind außerdem die Karlstadter Hauptschule, das Förderzentrum und die Berufsschule. Auf den ersten Blick ist Rassismus in Karlstadt ein Thema, das vor allem in das weite Feld der Erinnerungsarbeit und des „Nie wieder!“ gehört. Aufpassen, dass nie wieder passiert, was von 1933 bis 1945 in Deutschland geschah, dazu rief bei der Auftaktveranstaltung in der Realschule Zeitzeuge Dr. Max Mannheimer auf.
Kein Brückenschlag
Für die Neuntklässlerin Stefanie Jacobi waren Mannheimers Erinnerungen an seine Erlebnisse im Konzentrationslager hochinteressant und erschütternd. Einen Brückenschlag zwischen der NS-Zeit und ihrem eigenen Leben fand die Realschülerin jedoch nicht. Allerdings weiß sie ganz genau, wie schlimm Ausgrenzung hier und heute sein kann.
Vor drei Jahren zog Stefanie mit ihren Eltern von Sachsen nach Unterfranken. Die Integration in die neue Klasse war nicht einfach: „Ich war völlig anders.“ Stefanie sprach anders als ihre Klassenkameradinnen. Sie hatte andere Einstellungen zum Leben, zur Politik. War anders angezogen. Heute ist nicht mehr viel übrig von der links angehauchten Teenagerin im Punk-Look: „Ich habe versucht, mich anzupassen.“ Allzu schwer sei ihr das nicht gefallen. Zur Belohnung gab es immerhin neue Freundinnen und Freunde.
„Dumme Sprüche“
Adem Erek ist einer der wenigen türkischstämmigen Jugendlichen, die den Sprung ins Gymnasium geschafft haben. Adem findet es hervorragend, dass alle Karlstadter Schulen bis zum 7. Juli die nötigen Unterschriften sammeln wollen, um „Schulen ohne Rassismus“ zu werden. Im Gymnasium fühlt sich der Zehntklässler wohl, noch nie hatte er das Gefühl, diskriminiert zu werden. Draußen jedoch bekommt er manchmal „dumme Sprüche“ zu hören. Vor einem halben Jahr das letzte Mal. Er lief an einer Gruppe Jugendlicher vorbei, die ihm „Scheiß Türke!“ hinterher brüllten.
Adem lief weiter: „Was will man auch machen?“ Der Jugendliche, der ruhig und ausgeglichen wirkt, weiß, warum es Halbstarke gibt, die „so was brauchen“: „Die wollen cool sein.“ Meist sei es ein einziger, hat Adem schon öfter beobachtet, der anfängt: „Der reißt dann die anderen mit.“ Wenn so etwas passiert, fühlt sich der Gymnasiast oft alleine. Manchmal hat er es jedoch auch schon erlebt, dass Passanten couragiert eingreifen: „Sie sagen dann zu den anderen, dass die wohl spinnen, so blöde Sprüche loszulassen.“
Appelle helfen nicht
Gegen Rassismus und Diskriminierung helfen keine Appelle. Ausgrenzung durch fundierte Information und sinnliches Erleben erfahrbar machen, das wollen Lehrerinnen und Lehrer aus Karlstadt in den kommenden Wochen und Monaten versuchen. Grundschulrektor Herbert Schneider setzt in erster Linie auf Kultur als Instrument, um Ungerechtigkeit bewusst zu machen. Beim Grundschulfest am 19. Mai gab es Mutmachtheater, afrikanische Musik und interkulturelle Spiele.
Das Karlstadter Gymnasium will vor allem Fakten transportieren. So klärte Bernhard Hemmelmann von der Würzburger Kripo die Schülerinnen und Schüler bei der Auftaktveranstaltung über rechtsradikale Musik als neuem, hocheffektiven Köder rechtsextremistischer Kreise auf.
Sensibilisierung und Aufklärung, machte Realschülerin Vera Kühnlein klar, reichten jedoch nicht als Rezepte gegen Rassismus aus. Die Frage sei: Warum reagieren sich manche Jugendliche durch rassistisches Verhalten ab? In ihrer Clique, sagt Vera, sei ein Jugendlicher, der „grundsätzlich Hass schiebt“. Das begann, als der Vater starb. Diesen Hass lasse der Junge an Ausländern aus. Vor allem durch blöde Sprüche. Die Clique weist ihn zurecht, lässt ihn aber nicht fallen. Tipps, wie sie besser mit dieser Situation umgehen könne, das erhofft sich die Realschülerin vom Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage.“
Pat Christ, freie Journalistin