Startseite


 
 
 
 
 
 
 
 
05.11.2008

Privatisierung: Die Bilanz täuscht

Privatschulen, so heißt es, seien beliebt wie nie. Die Nachfrage übersteige bei weitem das Angebot. Laut Verfassung beansprucht der Staat in einer pluralen Gesellschaft keine Monopolstellung im Schulwesen, sondern bietet freien Trägern die Möglichkeit, Schulen zu gründen. Doch dieser korporatistische Begründungszusammenhang ist in den vergangenen Jahren zunehmend in den Hintergrund getreten und von ökonomischen Argumentationsmustern überlagert worden.

Wenn heute Teile der Öffentlichkeit und der Bildungsforschung mehr Privatschulen fordern, dann aus Sorge um mangelnde Effektivität und Effizienz des Schulsystems. Verbunden sind damit zwei Annahmen. Zum einen: Schulen in privater Trägerschaft seien Schulen in staatlicher Trägerschaft leistungsmäßig überlegen. Zum anderen: Der verstärkte Wettbewerb mit Privatschulen zwinge auch staatliche zu Qualitätsverbesserungen. Solche Erwartungen liegen auch den Empfehlungen des Aktionsrates Bildung (einem Gremium, das sich auf Initiative der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft 2005 konstituiert hat – Anm. d. Red.) zugrunde, für den ein großer Anteil von Schulen in privater Trägerschaft, staatlich finanziert, die optimale Organisationsform darstellt.

Dieses Gremium verweist auf Staaten, in denen sich die Konkurrenz durch Schulen in privater Trägerschaft bewährt habe. Als Vorbild wird hierzulande gerne Schweden genannt. Das Bildungssystem des skandinavischen Landes ist in Deutschland allerdings relativ unkritisch betrachtet worden. In Schweden hat man bereits seit den 1990er-Jahren auf Wettbewerb durch den Ausbau des Privatschulangebotes gesetzt, das staatlich finanziert wird. Flankiert wird dies durch die Veröffentlichung von Rankings mit differenzierten Informationen über die Leistungen der Einzelschulen.

Aktuelle Studien ziehen jedoch ein ernüchterndes Resümee schwedischer Bildungsreformen und konstatieren ein rigides System der Leistungsmessung: Zwar erzielten Schüler am Ende der Pflichtschulzeit in Bezirken mit einem höheren Privatschulanteil tatsächlich bessere Leistungen, aber diese Vorteile waren gering und verschwanden in der weiteren Schullaufbahn. Zudem haben sich die Leistungen schwedischer Schüler in den internationalen Vergleichsuntersuchungen TIMSS und PISA seit den organisatorischen Schulreformen verschlechtert. Hinzu kommt, dass die soziale, ethnische und leistungsmäßige Segregation der Schülerschaft zugenommen hat, was der Glaubwürdigkeit des schwedischen Modells einer „gemeinsamen Schule für alle“ erheblichen Schaden zufügte.

Auch Beispiele anderer Länder zeigen, dass sich die hohen Erwartungen, die mit der Einführung marktähnlicher Strukturen im Schulsystem verbunden waren, nicht erfüllten. Vielfach verbesserten sich zwar die gemessenen Schülerleistungen durch Wettbewerb und Outputsteuerung. Aber eine nachhaltige Qualitätsentwicklung des ganzen Systems konnte nicht erreicht werden. Häufig waren die besseren Testergebnisse auch mit Nebenwirkungen „erkauft“. Der Grund: Die schulischen Akteure reagierten auf das Anreizsystem des Marktes anders als gedacht.

So versuchten Schulen angesichts des drohenden Verlustes von „Kunden“, die eigene Leistungsbilanz durch kurzfristige Maßnahmen „anzuheben“: Mal wurden schulische Leistungen eingeschränkt auf das, was gemessen wird, mal die eigene Leistungsbilanz geschönt, indem man „bessere“ Schüler aufnahm und „schlechte“ fernhielt. Mal wurden fragwürdige Methoden der Testvorbereitung oder gar der direkten Bilanzfälschung angewendet. All diesen Verhaltensweisen ist gemeinsam, dass sie zu besseren Testergebnissen führten, ohne dass sich dabei notwendigerweise die Qualität pädagogischer Arbeit wirklich verbessert hätte.

Der Zusammenhang von Wettbewerb und Schulqualität ist also komplizierter als angenommen: Es ist keineswegs der Fall, dass das, was bislang unter schulischer Bildung verstanden wurde, nun effektiver und effizienter erreicht wird. Denn: Unter dem Einfluss eines wettbewerbs- und outputorientierten Steuerungsmodells verengt sich das Leistungsspektrum von Schulen auf das, was als Output definiert ist. Auch das Verständnis schulischer Bildung sowie ihrer Akteure und Aufgaben verändert sich. Schüler und Eltern werden zu Kunden, Schulen zu Bildungsdienstleistern, die eine vorab definierte Bildung als „Ware“ produzieren und vermarkten. Dieses neue Verständnis von Bildung unterschlägt, dass es beim Lernen auch darum geht, sich selbst und sein Können zu entdecken.

Eine geeignete Organisationsform für solche experimentellen Prozesse wäre ein öffentliches Bildungssystem, in dem staatliche und private Träger nicht in einen Verdrängungswettbewerb um „Marktanteile“ treten, sondern in einen Entdeckungswettbewerb unterschiedlicher Ideen einer guten Bildung.

Johannes Bellmann,
Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft, Universität Erfurt

Mehr zum Thema
 

/ zum Seitenanfang