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/ Jahrgang 2010
/ 04/2010
Bildung braucht Kunst: StreckerDer Wecker klingelt. Heute geht’s ins Weltall. 23 Astronauten gähnen, recken sich, reiben sich die Wangen wach. Astronauten müssen fit sein. Morgengymnastik mit Zugband und vielen Ahs und Ohs. Stöhnen, atmen, lachen. Und endlich geht die Sonne auf, steigt höher und höher, nimmt Stimme und Arme mit – bis zum zweigestrichenen A. 23 Drittklässler der Frankfurter Linnéschule reißen ihre Münder auf, alle wollen es schaffen. Höchstleistung vor dem Start ins All – und in die Musikstunde nach dem Primacanta-Programm. Die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt (HfMDK), in Kooperation mit der Frankfurter Musikschule, hat das Konzept des „aufbauenden Musikunterrichts“ im August 2008 zunächst für Dritt- und Viertklässler an Frankfurter Grundschulen gestartet. Ein Projekt, finanziert von der Crespo-Stiftung*, das dort ansetzt, wo Musik beginnt: bei der eigenen Stimme. Kinder sollen erst einmal singen lernen, Rhythmen und Melodien begreifen, sich im Takt bewegen und Musik durch die eigene Aktion verstehen lernen. „Das Singen spielt eine zentrale Rolle, wenn man Kinder zum aktiven Musizieren bringen will“, sagt Felix Koch, Projektleiter von Primacanta. Dass das aktive, gemeinsame Musizieren nicht nur jede Menge Spaß bringt, sondern nebenbei Konzentrationsfähigkeit, Kreativität, das soziale Miteinander und die Intelligenz der Kinder fördert, nehmen die Programm-Macher als „wunderbaren Nebeneffekt gerne mit“.
Betreuung durch Coaches
Die rund 50 am Programm beteiligten Lehrkräfte bestätigen das. 54 der 78 Frankfurter Grundschulen haben sich bisher von dem Konzept überzeugen lassen. „Ich bin total begeistert, welche enormen Leistungssteigerungen die Kinder zeigen.“ Verena Türk-Ziebarth, Musiklehrerin der Drittklässler an der Linnéschule, macht von Anfang an bei Primacanta mit, hat sich Unterrichtskonzept und Lehrmaterial draufgeschafft, acht große Fortbildungen mit den Coaches von Primacanta durchlaufen. Sie steht in engem Kontakt mit ihrem persönlichen Coach, der sie zudem achtmal pro Schuljahr im Unterricht besucht und trifft sich mit allen Beteiligten vierteljährlich zum Themen-Meeting. Die Betreuung und umfassende Fortbildung, beispielsweise in Kinderstimmbildung, stehen im Zentrum des Projekts. Damit soll die Qualität des Musikunterrichts nachhaltig verbessert werden. Die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt will deshalb das Primacanta-Konzept künftig in der Ausbildung verankern.
Lernen durch Selbermachen
Der Einsatz lohnt, sagt Türk-Ziebarth. „Die Kinder können nach Gehör nachsingen, Metrum und Rhythmus halten, sind tonal sicher.“ Und nicht nur das. Was sie meint, wird beim Spiel „verbotener Rhythmus“ deutlich, das ihre kleinen Astronauten – inzwischen wohlbehalten auf dem Planeten der „Du-
Da-Di-Da-Dus“ gelandet – klatschend und im rhythmischen Sprechgesang demonstrieren. Die Lehrerin klatscht und spricht den Rhythmus vor, die anderen machen´s nach, nur der Sechsachtel-Takt ist zum Nachsprechen heute tabu. Immer schneller geht das Spiel, immer schwieriger wird es, sich zu konzentrieren, keinen Fehler zu machen. Doch die Schülerinnen und Schüler sind auf Zack, schweigen prompt, wenn die Lehrerin den verbotenen Rhythmus vorspricht. „Die Kinder haben alle Rhythmen drauf, und irgendwann sagt man, das ist eine Triole oder ein Dreivierteltakt – und schon sitzt es.“ Lernen durch Selbermachen. Musik sei zwar ganz schön anstrengend, sagen Lilly, Tristan, Armin oder Halifa, etwas aus der Puste nach der Stunde, aber dafür hätten sie schon eine Menge gelernt. „Früher konnten wir nur die mittleren Töne singen, jetzt kommen wir ganz hoch rauf und ganz tief runter.“ Das beflügelt. Auch für die anderen Fächer.
„Jedem Kind ein Instrument“
Spätestens seit der Langzeitstudie des Musikpädagogen und Frankfurter Musikhochschulprofessors Hans Günther Bastian** über die Wirkungen von Musik und Musizieren auf Intelligenz, Lernfreude, soziale Kompetenz und Integrationsfähigkeit von Kindern sind auch Bildungspolitiker hellhörig geworden. In Nordrhein-Westfalen haben Land, Kulturstiftung des Bundes und Zukunftsstiftung Bildung das 2003 in Bochum entwickelte Projekt „Jedem Kind ein Instrument“ inzwischen flächendeckend ausgerufen. Das Land hat die Finanzierung auch über 2010 hinaus nachhaltig sichergestellt. 42 Kommunen, 56 Musikschulen und 522 Grundschulen sind bislang beteiligt. Jedes Grundschulkind soll ein Instrument seiner Wahl lernen können.
Lehrkräfte der Grundschulen arbeiten dabei mit Musikschulpädagogen im Tandemunterricht zusammen. Im Schuljahr 2008/2009 hat Hessen die Idee als Pilotprojekt an 70 Grundschulen im Land gestartet. Die Frankfurter Willemer-Grundschule hat das Programm gleich für alle ersten und zweiten Klassen und für drei Stunden Musik pro Woche aufgelegt. Im ersten Jahr wird musikalische Früherziehung, ab dem zweiten Schuljahr Instrumentalunterricht angeboten. Schulleiterin Gabriele Kögel-Sell geht es vor allem um die Nachhaltigkeit des Angebots. Nach Ablauf der Landesfinanzierung hat sie andere Sponsoren und die Stadt ins Boot geholt, um den Musikunterricht, der in den ersten beiden Jahrgangsstufen kostenlos ist, zu sichern. Für die kommenden beiden Schuljahre hat nun das Land wieder Unterstützung zugesichert. Das Geld ist die Crux. 18 000 bis 20 000 Euro pro Jahr braucht Kögel-Sell für zwei Jahrgänge ihrer dreizügigen Schule, um Instrumente anzuschaffen und den Unterricht zu finanzieren. Die ersten beiden Jahrgänge sind für Eltern kostenlos, ab der dritten Klasse müssen sie für den Instrumentalunterricht zahlen. Finanziell Schwache erhalten Nachlass. Das Geld, sagt Kögel-Sell, sei gut investiert: „Die Kinder sind auch in anderen Fächern konzentrierter und aufmerksamer.“ Ihr kommt es aber vor allem darauf an, Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern Zugang zu Musik und eigenen musischen Erfahrungen zu verschaffen. „Integration setzt frühe soziale und kulturelle Teilhabe voraus.“ 70 bis 80 Prozent ihrer Schüler kämen aus Migrantenfamilien, sagt sie. Viele fingen in Musik bei Null an. „Der Integrationswert des Musikunterrichts und des gemeinsamen Musizierens ist enorm und bestens geeignet, den Wert von Kultur überhaupt zu entdecken”, sagt Kögel-Sell nach fast drei Jahren Erfahrung mit dem Musikprogramm. Denn: „Kultur für alle muss in der Schule beginnen.“
Anita Strecker, Redakteurin
der „Frankfurter Rundschau“
* Die Crespo Foundation ist eine Stiftung von Ulrike Crespo, der Enkelin des Wella-Mitbegründers. Sie will mit ihrer Stiftung dazu beitragen, dass junge Menschen Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten aufbauen, ihre Kreativität entwickeln. Besonders am Herzen liegen ihr Künstler, Kinder und alle, die trotz nachteiliger Startbedingungen Herausforderungen mutig annehmen.
// www.crespo-foundation.de
** Hans Günther Bastian: „Kinder optimal fördern – mit Musik“, Atlantis-Schott, Mainz 2001