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04.06.2010

Präventionsperspektive I: „Tabubruch als Chance“: Jungen als Opfer sexualisierter Gewalt

Sexuelle Gewalt sowohl an der privaten Odenwaldschule in Heppenheim (Hessen) als auch in diversen kirchlichen pädagogischen Einrichtungen, in denen zumeist männliche Heranwachsende die Opfer waren, haben den Blick der Öffentlichkeit auf die Jungen als Opfer gerichtet. Dass gerade sie besondere Hemmnisse hatten und haben, das Schweigen zu durchbrechen, ihre Scham zu überwinden, macht Georg Fiedeler vom Projekt „Anstoß“ in Hannover in seinem Beitrag deutlich.

Jungen als Opfer sexualisierter Gewalt? „So etwas gibt es an unserer Schule nicht“, sagte vor zwei Wochen der Rektor einer Grundschule und wies das Angebot einer Präventionsveranstaltung mit dem Argument zurück, dass es dafür keinen Bedarf gäbe. Außerdem könne man als Schule nicht jedes Thema, das in den Medien „hochgekocht“ werde, in den Unterricht integrieren. Nicht einmal der Hinweis auf einen sexuell missbrauchten neunjährigen Schüler, der seit der Einführung des Sexualkundeunterrichts plötzlich nicht mehr zur Schule wollte, konnte den Schulleiter von der Notwendigkeit einer unterstützenden Intervention überzeugen. Er bezweifelte jeden Zusammenhang mit Missbrauch und machte andere Faktoren für die neuerliche „Schulunlust“ verantwortlich.

Problembewusstsein

Bedauerlicherweise handelt es sich hier nicht um einen Einzelfall. Immer wieder reagieren pädagogische Fachkräfte mit Unverständnis und mangelndem Problembewusstsein, wenn es um das Thema sexualisierte Gewalt – zumal an Jungen – geht. Eine Haltung, die sich nicht wesentlich von der der übrigen Gesellschaft unterscheidet. Sexueller Missbrauch ist tabu. Kaum jemand möchte damit in Berührung kommen, darüber nachdenken oder gar sprechen. Für dieses Schweigen gibt es vielfältige Gründe, von denen der Schutz der Sys­teme Schule oder Familie vor Beschädigung nur einer von vielen ist.

Was treibt die Mitwisser und was die Opfer dazu zu schweigen? Der Loyalitätsdruck und die Stillhaltegebote der Täter, ihre Macht, die sie sich durch manipulative Bindungen in Abhängigkeitsverhältnissen und Sanktionsdrohungen verschaffen, ist sicherlich ein weiterer gewichtiger Grund. Angst, unendliche Scham und lähmende Verletzung bei den Opfern kommen hinzu. Doch wa­rum reden die Mitwisser nicht, die anderen, die nichts zu verlieren haben? Eine simple Antwort wäre: Weil sie es nicht ertragen. Schon die Berührung mit Traumata macht Angst, erschüttert das grundlegende Selbst- und Weltvertrauen und bedroht unser tiefes Bedürfnis nach Sicherheit. Intuitiv wenden wir uns ab und entwickeln ähnliche Abwehrmechanismen wie die Betroffenen: Dissoziation* und Vermeidungsverhalten. Die Folgen sind sozial blinde Flecken, taube Ohren, Sprachlosigkeit, das Fehlen von Begriffs- und Vorstellungskategorien, Unfassbarkeit.

Neben Drohungen und Geheimhaltungsdruck der Täter, erschwert die abwehrende Haltung der Gesellschaft gerade betroffenen Jungen, ihr Schweigen zu brechen, die Scham auszuhalten, sich schwach zu zeigen und sich in ihrer Not einem Erwachsenen anzuvertrauen.

Von sexualisierter Gewalt betroffene Jungen sind dem Widerspruch ausgesetzt, dass männliche Opfererfahrungen von der Gesellschaft nicht wahrgenommen werden, obwohl sie häufig vorkommen.** Wenn es um Gewalt geht, werden Männer in der öffentlichen Rollenzuschreibung zumeist auf die Rolle der Täter festgelegt. Das gilt für allgemeine Gewalt ebenso wie für sexualisierte Gewalt. Sie stellen tatsächlich die größte Gruppe der Gewalttäter dar. Dass Männer zugleich aber auch die größte Gruppe bilden, der Gewalt widerfährt, bleibt aus dem öffentlichen Bewusstsein ausgeblendet.***

Daraus ergeben sich für männliche Opfer neben den klassischen Traumafolgen besondere Schwierigkeiten, sich selbst zu positionieren. Ihre Missbrauchserfahrung lässt sich weder in geschlechtsspezifischen gesellschaftlichen Normen noch in eigenen Entwürfen von männlicher Identität verorten. Viele Jungen und Männer können sich daher nicht vorstellen, dass das, was ihnen passiert ist, auch anderen geschieht. Sie denken, dass sie die Einzigen sind. Andere haben Angst davor, sich selbst als Opfer mit den damit verbundenen Gefühlen von Schwäche, Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins zu akzeptieren. Sie zweifeln an ihrer eigenen Wahrnehmung, sind verwirrt oder bagatellisieren die Gewalt­erfahrung aus dem eigenen Anspruch heraus, das Erlebte alleine bewältigen zu können. Hinzu kommt häufig eine Irritation der sexuellen Orientierung. Jungen reagieren oft verunsichert, befürchten, dass sie durch den Missbrauch homosexuell geworden sind, haben Angst vor einer Stigmatisierung. Das alles hat zur Folge, dass es Jungen und Männern schwerfällt, sich mit ihrer traumatischen Erfahrung jemandem anzuvertrauen.

Das Schweigen hört auf

Mit dem aktuellen öffentlichen Diskurs über sexuelle Gewalt in kirchlichen Institutionen und in Bildungseinrichtungen wird jetzt endlich das Schweigen durchbrochen. Dieser Tabubruch ist eine große Chance – nicht nur für strukturelle Veränderungen in den Institutionen, sondern auch für einen veränderten gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema. Dass immer neue Fälle auftauchen zeigt, wie wichtig ein gesellschaft­liches Klima der Enttabuisierung für die Opfer als Voraussetzung dafür ist, dass sie sich mitteilen können. Damit diese offenere Atmosphäre bestehen bleibt, muss man das gesellschaftliche Bewusstsein für die Existenz, das Ausmaß und die Folgen sexueller Gewalt fortwährend wachhalten.

Das ist vor allem eine Aufgabe der Politik und der Medien. Einen wichtigen Beitrag können aber auch die Schulen leisten, indem sexuelle Gewalt in die Unterrichtspläne aufgenommen und durch Aufklärung und Enttabuisierung des Themas die Handlungskompetenz der Schülerinnen und Schüler gestärkt wird. Dafür müssen Lehrerinnen und Lehrer in Aus- und Fortbildungen sensibilisiert werden. Denn erst wenn Lehrkräfte in der Lage sind, ihre eigenen Berührungsängste mit dem Thema zu bearbeiten, Leitlinien für Interventionen bei Hinweisen auf sexuelle Übergriffe kennen und sich ihrer eigenen Rolle im Hilfesystem bewusst werden, sind sie auch darauf vorbereitet, Präventionsarbeit in den Unterricht zu integrieren und imstande, sexuelle Gewalt­erfahrungen in ihrer Bildungseinrichtung wahrzunehmen.

Georg Fiedeler, Sozialpsychologe,
Leiter der Beratungsstelle „Anstoß – gegen sexualisierte Gewalt an Jungen und
männlichen Jugendlichen/Männerbüro Hannover e.V.“


Info über die Beratungsstelle „Anstoß“
Die Informations- und Beratungsstelle Anstoß des Männerbüros Hannover ist eine der wenigen spezialisierten Beratungsstellen in der Bundesrepublik zum Thema sexualisierte Gewalt an Jungen und männlichen Jugendlichen. Seit dem Jahr 2000 berät und unterstützt sie betroffene Jungen und deren Angehörige. Sie bietet Fachberatung, Fortbildungen, Workshops und Präventionsveranstaltungen sowie Unterstützung für Selbsthilfegruppen an. Kontakt: Beratungsstelle Anstoß, Ilse-ter-Meer-Weg 7 (EG), 30449 Hannover, Tel. 0511/123 589 11, Fax 0511/123 589 20, E-Mail:
E-Mail-Adresse,

Anmerkung zur Prävalenz*
Prävalenzstudien belegen, dass etwa 15 bis 20 Prozent aller Mädchen und fünf bis zehn Prozent aller Jungen unter 18 Jahren in der Bundesrepublik mindestens ein Mal Opfer körperlicher sexualisierter Gewalt werden. Die Täter nutzen in der Regel ein Vertrauens- oder Machtverhältnis im familiären oder sozialen Nahbereich aus. In etwa 75 Prozent der Fälle sind sie den Betroffenen bekannt (vgl. Bange, Dirk [2007]; Sexueller Miss­brauch an Jungen. Die Mauer des Schweigens. Göttingen, Hogrefe Verlag).
* Anm. d. Red.: Prävalenz ist eine Kennzahl der Gesundheits- und Krankheitslehre. Sie sagt aus, wie viele Menschen einer bestimmten Gruppe von einer Krankheit, bzw. in diesem Fall von sexueller Gewalt, betroffen sind.

* Anm. d. Red.: Unangenehme Erinnerungen werden vom Bewusstsein abgespalten.

** Im Rahmen einer Opferstudie befanden sich in Ostdeutschland unter der Gruppe der Opfer allgemeiner Gewalt etwa 40 Prozent Frauen und 60 Prozent Männer, in Westdeutschland waren es 30 Prozent Frauen und 70 Prozent der Männer. Vgl.: Kury, Helmut et al (1996): Opfererfahrung und Meinungen zur inneren Sicherheit in Deutschland. Ein empirischer Vergleich von Viktimisierungen. Anzeigeverhalten und Sicherheits­einschätzung in Ost und West vor der Vereinigung. Wiesbaden, BKA Forschungsreihe Bd. 25. Die Zahlen beruhen auf einer von zwei repräsentativen Bevölkerungsstichproben zur Geschlechterverteilung von Opfererfahrungen in Deutschland (die andere ist von 1995) und werden auch im Genderreport der Bundesregierung 2005 noch zitiert. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) 2005: Gender-Datenreport 1. Datenreport zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der Bundesrepublik Deutschland, München. www.bmfsfj.de/Publikationen/genderreport/10-gewalthandlungen-und-gewaltbetroffenheit-von-frauen-und-männern.html vom 17. Mai 2010.

*** ebd. Genderreport der Bundesregierung 2005: „Von den meisten Gewaltdelikten sind Frauen seltener als Männer als Opfer betroffen. Dies gilt nicht für Sexu­aldelikte, die sich ganz überwiegend gegen weibliche Opfer richten...“ „Von körperlicher Gewalt in ihrer Kindheit und Jugend sind den bundesdeutschen Studien nach Jungen häufiger betroffen als Mädchen. Das gilt in hohem Maße für Gewalt in Schulen, durch Gleichaltrige und abgeschwächt auch für Formen elterlicher körperlicher Züchtigung.“

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Links

Beratungsstelle Anstoß
// Männerbüro Hannover e.V.

 

Download

/ Frauen-Newsletter
// Ausgabe 1/2010: Sexuelle Gewalt in der Schule (199 KB)


Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend:
// Gender Datenreport
Kommentierter Datenreport zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der Bundesrepublik Deutschland

 

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