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Präsidialer Trommelwirbelvon Janis Klusmann
Schon gestern war ich den ganzen Tag über auf dem Veranstaltungsgelände unterwegs. Zuerst habe ich Kerstin Roeske vom DGB-Bildungswerk bei der Akkreditierung der TechnikerInnen und ÜbersetzerInnen bzw. ihrem Weg durch die WSF-Bürokratie begleitet. Anschließend nahmen wir an einem Workshop des brasilianischen Gewerkschaftsbundes CUT zur Jugendarbeit im Chemie-Sektor teil, bei dem internationale Kooperationsprojekte mit dem DGB-Bildungswerk, aber auch mit der nordamerikanischen United Steel Workers und deren Solidarity Center anschaulich und erfahrungsreich vorgestellt wurden. Nach einem kurzen Abstecher zur Veranstaltung der Heinrich- Böll-Stiftung zum REDD-Konzept, bei dem finanzielle Entschädigung für Entwaldung in Form von Zertifikaten „gehandelt“ werden sollen, habe ich dann „meine“ Chilenen wiedergefunden. Nachdem ich die letzten drei Monate als Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung in Chile verbracht habe, um für meine Diplomarbeit zu forschen, fand ich viele meiner Interview-Partner bei der Diskussion des chilenischen NGO-Dachverbands ACCION zum lateinamerikanischen Integrationsprojekt UNASUR wieder. Nach einem herzlichen Wiedersehen, traf ich dann abends im Hotel auch auf den Teil der GEW-Delegation wieder, der von seiner Reise zum Aluminiumwerk ALBRAS zurückgekehrt war.
Am Donnerstag morgen ging es dann mit der DGB- und IG Metall-Delegation zur Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung zu „gewerkschaftlichen Netzwerken in multinationalen Unternehmen“. Nach einer kurzen Vorstellung der fünf Projekte, wurden wesentliche Voraussetzungen für ein funktionierendes Netzwerk herausgestellt und nach neuen Kooperationsmöglichkeiten gesucht. Nun musste es sehr schnell zum Campus der Partner-Uni gehen, und ich entschied mich, es auf dem Seeweg zu versuchen. Die Bootsfahrt stellt sich als sehr schön, aber auch sehr langsam heraus. Trotz Verwirrung durch die freundlichen WSF-Freiweilligen kämpfte ich mich dann durch zur ersten Veranstaltung der GEW auf dem WSF 2009. Unter dem Titel „Privatisierung im Bildungswesen – wem nützt das?“ wurden verschiedene Beispiele aus Europa (Spanien, Frankreich, Deutschland) sowie aus Brasilien und ihren Kämpfen für gute und freie Bildung fakten- und kenntnisreich präsent. Die etwa dreißig TeilnehmerInnen brachten sich auch sehr aktiv in die Diskussion ein und konnten den Thesen von Günther Fuchs (Landesvorsitzender GEW-Brandenburg) zum fairen und kostenfreien Bildungszugang, einem qualitativ hohen Bildungsniveau sowie staatlicher Verantwortung und Ausfinanzierung nur noch die Anregung zur weiteren, internationalen Verbreitung dieser Forderungen hinzufügen. Alle Mitglieder der GEW-Delegation und unser brasilianischer Kollege Chico waren mit Moderation und dreisprachiger Übersetzung äußerst gefordert, wurden aber am Ende mit einem warmen Applaus bedacht, den auch der einsetzende Regen nicht übertönen konnte.
Leider konnte ich nicht mehr den weiteren Diskussionen und der Suche nach gemeinsamen Projekten auf dem Flur folgen, sondern musste mich beeilen, zum Medienzentrum zu kommen, um mich mit Raul Sohr, einem chilenischen TV-Journalisten, der für seine internationalen Analysen berühmt ist, zum Interview zu treffen. Im Rahmen meiner Diplomarbeit ging es um das chilenische Pressewesen, politische Strukturen und ihrer Beziehungen zu sozialen Bewegungen, aber auch um die Frage, warum die chilenische Präsidenten, Michelle Bachelet, nicht der Einladung zum Weltsozialforum gefolgt ist. Raul folgte geduldig meinen Fragen und ließ mich an seinem großen Erfahrungsschatz teil haben.
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Links: Der Workshop der GEW zu Privatisierung im Bildungswesen fand reges Interesse
Mitte: Auf dem Podium berichten Gewerkschafter aus Brasilien, Frankreich, Spanien und Deutschland
Rechts: Lebhafte Diskussionen im Plenum
Aber auch beim anschließenden Programmpunkt sollte er sich als große Hilfe erweisen. Nachdem ich Ilke und Stefanie wiedergetroffen hatte, entschieden wir uns, dem großen Strom zu folgen und uns auf dem Weg zum Hangar, dem großen Veranstaltungszentrum in Belém, zu machen. Also nahmen wir Raul mit ins Taxi und kamen nach langem Stau beim Hangar an. Hier sollten später die Präsidenten Ecuadors, Boliviens, Paraguays, Venezuelas und Brasiliens zur internationalen Finanzkrise sprechen. Doch die lange Schlange verhieß nichts gutes. Sollten wir nun zwei Stunden in der Nachmittagshitze warten müssen? Nein, Raul Sohr konnte uns dankensweise mit seinem Presseausweis kurzzeitig als sein Team ausgeben. Nun waren wir ganz schnell in die Messe-Halle zu den anderen fast 10.000 Wartenden gekommen. Nach musikalischen Einstimmung und fast drei Stunden (klimatisiertem) Warten, betraten dann die fünf Politik-Stars unter großen Applaus die Bühne. Die Gouverneurin vom brasilianischen Bundesstaat Para übernahm die Begrüßung und drückte ihre große Freude über die vielen TeilnehmerInnen am WSF aus. Nach kurzen Vorträgen von Indigenen-VertreterInnen und aus Burkina Faso, nahm dann der Rhetorik-Marathon seinen Lauf. Der ecuadorianische Präsident Correa warb für einen neuen Sozialismus des 21. Jahrhunderts, Evo Morales (Präsident von Bolivien) stellt das historische Erbe der biologischen und indigenen Vielfalt heraus und betonte die Notwendigkeit ihres Schutzes. Fernando Lugo (Präsident von Paraguay) betonte die Alleinschuld der Finanzwirtschaft an der weltweiten Finanzkrise und verlangte, dass die die Verantwortung dafür zu übernehmen habe. Ein deutlicher Seitenhieb auf das Parallel-Treffen der „Mächtigen“ beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Der venezulanische Präsident Hugo Chavez forderte vier Kampagnen für Erhalt der Biodiversität, Bekämpfung der Armut, soziale Gerechtigkeit und einen neuen Sozialismus. Gastgeber Lula setzte zu einer generellen Kritik der Macht- und Finanzverhältnisse in der Welt an.
Eine ähnliche Veranstaltung hatte in kleinerem Rahmen (mit 1.000 BesucherInnen) bereits auf dem WSF-Gelände stattgefunden, war aber sehr umstritten, da nach der Charta der Prinzipien des Weltsozialforums eigentlich keine Parteien oder Politiker in dieser Funktion am Treffen teilnehmen sollen. Die 10.000 TeilnehmerInnen im Hangar störten sich aber nicht daran. Raul Sohr konnte uns noch in der ersten Hälfte kenntnisreich auf einige rhetorische und organisatorische Feinheiten hinweisen, dann musste er sich leider von uns verabschieden. Auch wir kehrten schließlich müde ins Hotel zurück, konnten aber aus der Ferne noch vor uns die Ankunft der Staatspräsidenten in „unserem“ Hotel miterleben. Eine großes Sicherheitsschauspiel!
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Links: Zahlreiche Polizisten sorgen für die Sicherheit der Staatspräsidenten
Mitte: Warten auf Lula und Co: Ilke und Stefanie von der GEW Berlin
Rechts: Janis Klusmann von der GEW Brandenburg
Fotos: Manfred Brinkmann, Janis Klusmann